„Geld gestaltet die Welt“, sagt Ralph Suikat. privat
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„Geld gestaltet die Welt“, sagt Ralph Suikat. 

Vermögen

Warum dieser Millionär höhere Steuern für Reiche fordert

  • vonMaximilian Beer
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"Erben ist keine Leistung", findet der Millionär Ralph Suikat und fordert eine gerechtere Verteilung der Vermögen und Einkommen und eine Gesellschaft, in der Einzelne weniger Macht haben.

In einem offenen Brief fordern 83 Millionäre aus sieben Ländern höhere Steuern – für sich selbst und andere Reiche. Sie nennen sich „Millionaires for Humanity“ und wollen zum gesellschaftlichen Wiederaufbau nach der Corona-Pandemie beitragen. Einer der fünf Deutschen unter den Zeichnenden ist Ralph Suikat - im Interview erklärt er seine Beweggründe.

Herr Suikat, Sie geben sich der Öffentlichkeit als Millionär zu erkennen. Das ist ungewöhnlich.

Ich habe in der Tat eine Weile darüber nachgedacht. Trotzdem ist mir die Entscheidung relativ leicht gefallen. Ich hatte bereits den „Appell für eine Vermögensabgabe“ unterschrieben, der im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise initiiert worden war. Auch damals hatten sich Vermögende zusammengefunden, die meinen, dass sie die Lasten einer Krise besser tragen können als andere. Es wird viel über Hartz-IV-Empfänger geredet, darüber, wie viel ihnen zusteht. Zugleich gibt es wenig Transparenz über die Vermögenden in Deutschland. Wir sollten auch sie im Blick haben.

Deshalb haben Sie den offenen Brief unterzeichnet?

Für mich ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit darüber stolpert und ins Nachdenken kommt. Womöglich wird so eine breitere Diskussion über Verteilung angestoßen. Eine Vermögenssteuer wird von einigen vehement abgelehnt, häufig mit dem Hinweis auf Arbeitsplatzverluste. Vielleicht bereitet man mit einem solchen Appell von Betroffenen den Boden für eine offenere Debatte. Mit gutem Willen lassen sich gute, wirtschaftsverträgliche und nachhaltige Lösungen finden.

In dem offenen Brief wird explizit die Corona-Krise angesprochen.

Sie ist der Auslöser für den Appell. In Krisen werden Missverhältnisse in einer Gesellschaft deutlich. Die aktuelle Situation hat auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen völlig unterschiedliche Auswirkungen. Viele haben ihren Arbeitsplatz verloren oder sind in Kurzarbeit, viele Selbstständige können nicht arbeiten. Für all diese Menschen bedeutet Corona eine Existenzkrise. Sie verlieren ein Stück ihrer Würde. Zugleich wird wohl keiner der Millionäre schlecht schlafen – die Aktien haben sich nach unten bewegt und sind wieder gestiegen. Da wird deutlich, in welch privilegierter Situation einige wenige sind.

Diese Ungleichheit war oft Thema in der letzten Zeit.

Auf der einen Seite haben wir über systemrelevante Berufe gesprochen und dem Pflegepersonal applaudiert. Auf der anderen Seite wurde jetzt bekannt, dass lediglich die Pfleger und Pflegerinnen in Seniorenheimen eine Prämie bekommen. Die anderen werden wohl leer ausgehen. Das ist ungeheuerlich. Wir haben Dax-Vorstände, die zehn Millionen im Jahr machen, während eine Krankenschwester 38 000 Euro verdient. Was die einen in Wochen verdienen, verdienen die anderen in Jahrzehnten. Das muss nicht zwingend so sein.

Zur Person

Ralph Suikat ist Mitbegründer der STP Informationstechnologie AG in Karlsruhe. Das Unternehmen stellt Software für Kanzleien und zur Insolvenzverwaltung her. Suikat hat seine Anteile an der Firma 2016 verkauft. Seither fördert er als Business Angel junge Unternehmerinnen und Unternehmer - besonders solche, die zu einer besseren Welt beitragen wollen. Außerdem ist er Initiator der Fairantwortung gAG, die für ein faireres Wirtschaftssystem eintritt.

Vermögensverteilung: Die oberen zehn Prozent in Deutschland besitzen nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gut zwei Drittel des gesamten hiesigen Nettovermögens. Wie die Forscher am Mittwoch mitteilten, besitzt allein das reichste Prozent mehr als ein Drittel aller Vermögen. Laut der Studie sind etwa 1,5 Prozent aller Erwachsenen in Deutschland - nach Abzug von Schulden - Millionäre, also etwa jeder 70. Erwachsene. 

Eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer haben Sie angesprochen. Woran denken Sie noch?

Wir sollten die Diskussion über die Erbschaftssteuer emotionsfreier führen. Wir müssen darüber reden, wie Vermögen entsteht, also etwa durch Erbschaft oder Einkommen. Immer wieder heißt es, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Erben aber ist keine eigene Leistung. Was also spricht dagegen, etwas an die Gemeinschaft zurückzugeben, die etwa durch Infrastruktur dazu beigetragen hat, dass dieses Vermögen angehäuft werden konnte. Wenn wir über Vermögenssteuern sprechen, muss es natürlich auch um Freibeträge gehen. Es geht nicht darum, alles ab 100 000 zu besteuern. Trotzdem könnten wir in der Öffentlichkeit mehr darüber diskutieren, ob jemand 100 Millionen Euro an Vermögen braucht. Solche Überlegungen kommen meines Erachtens zu kurz. Wir leben in einer Welt, in der es eine Finanzelite geschafft hat, die Steuerpolitik zu ihren Gunsten zu gestalten.

Bringt Reichtum Verantwortung mit sich?

Selbstverständlich. Geld gestaltet die Welt. Ich kann mit meinem Geld Luxusgüter erwerben, mit einem Privatjet CO2 in die Atmosphäre bringen oder in Rüstungsgeschäfte investieren. Ich kann mein Geld aber auch spenden oder verantwortungsvoll investieren. Zum Beispiel in regenerative Energien. Mit meiner Wahl gestalte ich zwar nur minimal, aber dennoch das Leben auf diesem Planeten. Generell geht es mir aber darum, Strukturen zu verändern – und das geht über Steuerpolitik.

Es gibt auch Modelle wie die Kampagne „The Giving Pledge“, ein Spendenversprechen von Milliardären. Eine Option für Millionäre wie Sie?

Damit tue ich mich schwer. Es gibt Unternehmen, die Weltmeister in Steuervermeidung sind und Millionäre hervorgebracht haben. Ich finde es schwierig, wenn der Gemeinschaft Steuern entzogen werden und die dadurch generierten Erträge einzelnen Personen zufließen, die dann wiederum mit ihren Spenden darüber bestimmen, wie Politik gemacht wird. Deshalb finde ich den Ansatz interessanter, eine Gesellschaft zu gestalten, in der einzelne nicht so viel Macht haben.

Glauben Sie denn, dass die Pandemie ein Anstoß für eine gerechtere Gesellschaft sein kann?

Da bin ich weniger optimistisch als noch am Anfang der Krise. Damals haben viele gemerkt, um was es eigentlich ging im Alltag. Es ging im Wesentlichen um soziale Kontakte, die wir nur noch sehr eingeschränkt ausüben konnten. Es ging weniger um Materielles, etwa um das neueste Smartphone. Ich hatte die Hoffnung, dass die Krise eine Besinnung auf die wesentlichen Werte anstoßen könnte. Mehr und mehr kehren wir jetzt aber in eine Normalität zurück, und in einem halben Jahr könnte alles wieder so sein wie zuvor. Das fände ich schade.

Interview: Maximilian Beer