Der Soziologe Peter Spiegel wirbt für die Ein-Dollar-Revolution mit einem Mindestlohn
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Peter Spiegel setzt auf wettbewerbsneutrale Lösungen, um Menschen aus der Armut zu holen.

Armut

Die Ein-Dollar-Revolution

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
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Der Soziologe Peter Spiegel kämpft für einen globalen Mindestlohn von einem Dollar pro Stunde. Damit will er nicht nur die extreme Armut beseitigen, sondern auch ein öko-soziales Weltwirtschaftswunder auslösen.

Herr Spiegel, wissen Sie eigentlich, wie viele Sklavinnen und Sklaven für Sie zu Hungerlöhnen arbeiten?

Das kann ich so genau nicht sagen. Ich kenne verschiedene Ansätze, das nach dem individuellen Konsumverhalten zu berechnen. Aber das können am Ende nur Schätzungen sein. Im Ergebnis sind die jedenfalls alle erschreckend.

Vom Ziel der Vereinten Nationen, die extreme Armut bis 2030 global komplett zu beenden, sind wir weit entfernt. Rund 700 Millionen Menschen müssen täglich mit weniger als 1,90 Dollar auskommen und können ihre Grundbedürfnisse nicht decken. Warum gelingt es nicht, diese unwürdige Situation schneller zu beenden?

Wir schaffen es nicht, weil wir in einer Logik des Wettbewerbs und der Dumpinglöhne gefangen sind und weil wir keine Spielregeln haben, die uns aus dieser Situation heraushelfen. Was da bislang politisch umgesetzt wurde, ist im Blick auf das Notwendige nicht mehr als Symbolpolitik.

Aber es gibt Erfolg versprechende Ansätze wie den fairen Handel, dessen Ziel auch existenzsichernde Löhne sind.

Ich will diese Bemühungen und Konzepte mit Labels und Siegel überhaupt nicht abwerten. Bewegungen wie Fair Trade sind im Sinne einer Bewusstseinsbildung enorm wichtig, aber sie sind immer noch Lichtjahre vom eigentlichen Ziel entfernt. Um das zu erreichen brauchen wir eine systemische Veränderung.

Und wie könnte die Ihrer Meinung nach aussehen?

Wir brauchen wettbewerbsneutrale Lösungen. Der größte Hebel wäre ein globaler Mindestlohn von einem Dollar pro Stunde, der dann auch regelmäßig angepasst wird. Das wäre revolutionär und würde die extreme Armut weltweit in kürzester Zeit in die Geschichte verbannen.

Das müssen Sie näher erklären.

Nehmen Sie beispielsweise eine Textilarbeiterin in Bangladesch, die in einer Fabrik Jeans näht. Mit einem Mindestlohn von einem Dollar würde sie im Monat etwa vier Mal so viel verdienen wie zuvor. Millionen Menschen hätten Geld, das sie für eine bessere Ernährung, die Bildung ihrer Kinder, eine medizinische Versorgung und Zugang zu sauberer Energie einsetzen könnten. Und da diese Lohnuntergrenze global gelten würde, blieben wettbewerbsverzerrende Wirkungen auch aus. Ein universaler Mindestlohn von einem Dollar würde sogar ein öko-soziales Weltwirtschaftswunder auslösen. Denn höhere Einkommen bedeuten auch eine höhere Nachfrage. Das Geld fließt also direkt wieder in den Wirtschaftskreislauf.

Aber auch in Bangladesch gibt es im Textilsektor doch schon Mindestlöhne.

Das stimmt – aber das sind Lohnuntergrenzen, die sich auf den Monat beziehen. Dafür arbeiten die Menschen dann 60 bis 80 Stunden pro Woche. Deshalb macht ein Mindestlohn bezogen auf die Stunde einen entscheidenden Unterschied. Mit dem zusätzlichen Effekt, dass es sich für die Fabrikanten am Ende nicht mehr lohnt, Menschen 60 und mehr Stunden schuften zu lassen. Irgendwann lassen ja auch die Arbeitskraft und die Motivation der Beschäftigten nach. Es wäre am Ende auch ein Anreiz, mehr Menschen einzustellen.

Bleiben wir bei der Jeans. Wie würde sich ein globaler Mindestlohn auf den Endpreis der Hose auswirken?

Nach unseren Berechnungen würde der Lohn, den die Näherin für eine Jeans erhält, dann von 0,15 auf 0,45 Dollar steigen. In den Läden hierzulande würde sich die Hose um etwa 0,30 Euro verteuern. Wir merken es also praktisch gar nicht. Die Währungsschwankungen zum Beispiel haben ganz andere Effekte auf Preise.

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PROJEKT: Die Frankfurter Rundschau gibt Kreativrebellinnen, Ideen-Vulkanen und Fortschrittmachern eine Stimme - mit „Zukunft hat eine Stimme“. Ideen können vorgestellt werden unter www.fr.de/meinezukunft

ZUR PERSON: Peter Spiegel ist Zukunftsforscher und leitet das WeQ Institute. Er war Generalsekretär des Thinktanks Club of Budapest und ist dessen International Ambassador for Economic Affairs. Der Soziologe ist Autor und Herausgeber zahlreicher Werke. Mit Georgios Zervas hat er das Buch „Die 1-Dollar-Revolution – Globaler Mindestlohn gegen Ausbeutung und Armut“ (Piper Verlag) geschrieben. Gemeinsam arbeiten sie gerade an ihrer nächsten Publikation: „Die große Co-Operation – Wirtschaft neu denken: wettbewerbsneutral“.

DISKUSSION: Bei der Fair Finance Week in Frankfurt stellt sich Spiegel am Donnerstag, 12. November, um 19.30 Uhr im Haus am Dom der Diskussion über das Konzept der „1-Dollar-Revolution“. Mit ihm auf dem Podium: Gudrun Schlöpker von Fairtrade Deutschland. Anmeldung: www.oikocredit.de/fairfinance. (tos)

Das klingt in der Theorie gut, aber wie wollen Sie den Ein-Dollar-Mindestlohn international durchsetzen?

Die Vereinten Nationen müssten ihn als Menschenrecht definieren. Und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) dann kontrollieren, dass diese Lohnuntergrenze auch national eingehalten wird.

Ist das nicht utopisch in einer Zeit, da der Multilateralismus in einer tiefen Krise steckt?

Ich gebe zu, dass hier ein Problem liegt und wir das auf diesem Weg wohl erst später erreichen werden. Daher setzen wir als zeitnahen Schritt auf die Europäische Union, die vorangehen könnte. Das ist durchaus entscheidend realistischer.

Wie stellen Sie sich das vor?

Das ginge, indem die EU den Ein-Dollar-Mindestlohn als Standard festschreibt und nur noch Produkte auf ihren Markt lässt, die dieses Kriterium erfüllen. Es gibt schon eine ganze Reihe von EU-Verordnungen und -Anforderungen, die sich beispielsweise an den Umwelt- und Sozialnormen SA 8000 und ISO 14001 orientieren. Diese müsste man jetzt um den Faktor Lohnuntergrenze ergänzen und verbindlich machen. Viele solcher Bestimmungen haben sich am Ende durchgesetzt und werden weltweit von den Unternehmen beachtet. Die EU spielt eine gewaltige Rolle in der globalen Wirtschaft. Konzerne könnten es sich gar nicht erlauben, den europäischen Markt mit seinen Standards zu ignorieren.

Aber auch auf EU-Ebene ist nicht zu erwarten, dass das Projekt schnell vorankommt. Auf welche Verbündete können Sie zählen?

Wir haben eine Petition mit über 50 000 Unterschriften pro Ein-Dollar-Mindestlohn an Entwicklungsminister Gerd Müller übergeben. Der findet das Konzept gut und ist an vertiefenden Studien interessiert. Und 2016 schon hatte mir der damalige EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker versichert: „Das kommt auf meinen Schreibtisch“.

Da ist es dann wohl liegen geblieben …

Ja, das kann man so sagen. Das Problem ist, dass viele – sowohl in der Politik als auch in Wirtschaft und bei den Nichtregierungsorganisationen – noch nicht verstanden haben, was für ein mächtiges Instrument wettbewerbsneutrale Ansätze für die Lösung globaler Probleme sind. Wer würde beispielsweise noch sein Land verlassen wollen, wenn er ein Auskommen und eine Perspektive hätte.

Sind Sie ein unverbesserlicher Optimist – oder was macht Ihnen Hoffnung, doch noch eine Ein-Dollar-Revolution entfachen zu können?

Die Kraft des moralischen Argumentes, denn es ist einfach nicht hinnehmbar, dass Menschen für Hungerlöhne schuften. Und die Kraft des Arguments von wettbewerbsneutralen Lösungen, denn wer sollte wirklich etwas gegen diese Idee haben können, wenn sie letztlich für alle nur positive Effekte hat. Sehen Sie, auch nationale Mindestlöhne wurden noch vor 20 Jahren als verrückte Idee abgetan. Heute gibt es kaum noch ein Land in der EU ohne eine solche Untergrenze. Alles Mögliche war einmal unmöglich.

Interview: Tobias Schwab