Coronavirus - Impfen in Berliner Kneipe
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Biontech gilt vielen Politiker:innen als Beleg, dass Deutschland innovativ sein kann.

Koalitionsvertrag

Woran sich Innovationen messen lassen müssen

  • Thomas Gebauer
    VonThomas Gebauer
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Antworten auf die drängenden Zukunftsfragen unserer Zeit werden sich nicht über einen Fortschritt finden lassen, den sich nur die Wenigsten leisten können. Die Kolumne „Gastwirtschaft“.

Mehr Fortschritt wagen: Der Aufruf im Titel des Koalitionsvertrages klingt vielversprechend. Wer, außer vielleicht ein paar Ewiggestrigen, sollte etwas gegen Fortschritt haben? Sich nur mit dem Bestehenden zufrieden zu geben, hat mit Blick auf die Krisen unserer Zeit keine Zukunft.

Aber was ist mit Fortschritt gemeint? Die neue Bundesregierung betrachtet ihn vorzugsweise im Kontext von technologischen Innovationen. Voraussetzung sei weniger eine dem Gemeinwohl verpflichtete Forschungslandschaft, als die innovative Kraft der Wirtschaft. Man möchte „technologisch in der Spitzenliga mitspielen“, heißt es, wobei die Impfstoffentwicklung als Beleg dafür gilt, dass man das kann. Wer, wenn nicht Deutschland, sollte voranschreiten, wenn es um die Entwicklung nachhaltiger Technologien gehe, so der Kanzler.

Das Dumme nur ist, dass genau dieses Fortschrittsverständnis dazu beitragen kann, den gesellschaftlichen Fortschritt zu untergraben. Dann nämlich, wenn es nicht mehr um eine ursächliche Bewältigung von Krisen geht, sondern nur noch darum, die bestehenden Zustände durch Einsatz neuer Technologien „krisenfest“ zu machen. Das kann auch als Appell verstanden werden, uns einfach nur für kommende Katastrophen fit zu machen.

Ein allzu technokratisches Fortschrittsverständnis kann echten gesellschaftlichen Fortschritt untergraben

Zu den Herausforderungen der Gegenwart gehört zuallererst die in der Welt herrschende soziale Ungleichheit. Adäquate Antworten werden sich nicht über einen Fortschritt finden lassen, den sich nur die Wenigsten leisten können, weil er dem Gros der Weltbevölkerung aufgrund von profitträchtigen Patenten vorenthalten bleibt. Ein solcher Fortschritt wird die schon heute dramatische Spaltung zwischen Süd und Nord eher noch vergrößern als ausgleichen.

Aus globaler Perspektive muss sich Fortschritt daran messen lassen, wie er über alle Grenzen hinweg zur Schaffung von sozialer Gerechtigkeit beiträgt. Immerhin: Versteckt zwischen den vielen Worten, die sich um den technologischen Fortschritt ranken, taucht im Koalitionsvertrag auch die Idee eines Globalen Fonds für Soziale Sicherung auf. Fünf Worte, über die man gerne mehr erfahren würde. Fünf Worte, die allerdings auf einen Fortschritt verweisen, der von zupackendem Mut zeugen könnte.

Thomas Gebauer war von 1996 bis 2018 Geschäftsführer von medico international und bis Ende 2020 Sprecher der Stiftung medico.