Sophie Mirpourian.
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Sophie Mirpourian, Erfinderin des „Tiny Rathaus“.

Verwaltung

Für mehr Bürgernähe: Das rollende Rathaus

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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In Kiel bringt ein Dienstzimmer auf Rädern die Stadtverwaltung in die Viertel. Initiatorin Sophie Mirpourian will mit dem „Tiny Rathaus“ Berührungsängste nehmen und die Menschen stärker beteiligen

Hier geht es buchstäblich niedrigschwellig zu. Zwei Treppenstufen führen hinauf ins Büro von Sophie Mirpourian, dann grüßen ein Tisch, eine Sitzbank und eine schicke Kaffeemaschine, Typ dänisches Design. „Moin“, sagt Mirpourian und bittet herein in ihr Dienstzimmer. Das hat etwas Besonderes: Es ist aus Holz, ruht auf einem kleinen Anhänger und rollt auf vier Rädern. Kiel macht mobil. Hier kommt die Verwaltung jetzt zu den Menschen. „Das schafft gleich eine andere Atmosphäre“, sagt Mirpourian.

Tiny Rathaus – kleines Rathaus – heißt das Kieler Pilotprojekt. Mirpourian, 30, hat die Idee bei einer Tagung in Dänemark aufgegriffen. Tiny Houses – kleine Häuser -, die auf wenig Platz alles bieten, sind nicht erst seit der Pandemie angesagt. An der Ahr bieten sie nach der Flut den Menschen eine erste Unterkunft. „In Dänemark haben sie solch ein kleines Haus aus Holz auf einen Anhänger gepackt und kamen mit einem rollenden Büro zum Workshop am Strand“, erzählt Mirpourian. Sie fand das Konzept klasse und brachte es nach Kiel.

Mirpourian bezeichnet sich selbst als „Brückenbauerin“ und zählt gleich mal auf: Ihr Vater stammt aus dem Iran, ihre Mutter aus Deutschland, aufgewachsen in Kiel, hat sie unter anderem in Mexiko gelebt und später im dänischen Aarhus Sozialanthropologie studiert. Die flachen Hierarchien in Dänemark und die offene Gesprächskultur haben sie beeindruckt. „Nun versuche ich, viele der Ideen von dort nachhaltig in Deutschland zu integrieren“, sagt Mirpourian. Sie arbeitet im Kieler Kreativzentrum Anscharcampus. In dem alten Militärlazarett werden nun neue Projekte vorangetrieben. Eines davon ist das Tiny Rathaus in Kooperation mit der Stadt.

Moderne Verwaltung: Die Ampelkoalition in Berlin hat weniger Bürokratie versprochen

Die deutsche Verwaltung hat es nicht leicht in diesen Tagen. Das Fax in den Gesundheitsämtern ist in Corona-Zeiten zum Synonym für überkommene Behördenstrukturen geworden. Von der Modernisierung der Verwaltung sprechen nun alle. Auch die mögliche neue Ampelkoalition in Berlin hat weniger Bürokratie versprochen. Tatsächlich gibt es erste Anfänge. In Monheim, auf der anderen Rheinseite von Bonn, nutzen sie die gute Glasfaseranbindung. So kann nicht nur die Parkuhr digital bezahlt werden, es gibt auch ein digitales Bürgerkonto. In Konstanz am Bodensee hat die Verwaltung Digitallots:innen eingeführt, computeraffine Mitarbeiter:innen, die Kolleg:innen unterstützen und neue Ideen auf den Verwaltungsfluren vorantreiben.

Das Tiny Rathaus vor der Stadtteilbibliothek in Kiel-Dietrichsdorf.

Doch keine Stadt stellt die Frage so radikal wie Kiel: Bürokratin oder Bürger – wer ist hier eigentlich für wen da? „Unsere Welt wird komplexer. Aber es gibt so viel Wissen, Kreativität und Tatendrang, wir müssen nur zuhören und uns zutrauen, etwas Neues auszuprobieren“, sagt Mirpourian. In der obrigkeitsstaatlichen Verwaltungswelt war das noch einfach. Da wusste der Staat, wo’s langgeht. Nicht nur die Pandemie hat dieses Fürsorgevertrauen erschüttert, auch Firmen und Parteien versuchen, auf flachere Hierarchien und agile Strukturen zu setzen. So hat das rollende Rathaus auch etwas Symbolisches. „Die Verwaltung geht raus auf die Straße und kommt zu dem Menschen“, sagt Mirpourian. Die Bürokratie verlässt etablierte Strukturen und senkt mit Terminen vor Ort die Berührungsangst.

Kurze Wege zum rollenden Rathaus können Renterinnen und Rentnern helfen

Zuletzt fuhr das mobile Rathaus im Stadtteil Dietrichsdorf vor. Vor der Stadtteilbibliothek spannt sich ein Segeltuch über eine kleine Lese- und Büchertauschecke, daneben lädt „Grill-Partner: Maier“ zur türkischen Woche ein. Wo es sonst eher Currywurst gibt, wird nun auch Jumbo-Döner angeboten.

Die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel war früher sehr übersichtlich. Im Stadtteil Gaarde hat die Howaldtswerke-Deutsche Werft AG (HDW) die Schiffe zusammengehämmert und in die Förde vom Stapel gelassen, weiter oben in Dietrichsdorf erfolgte der Innenausbau, dazwischen war die Marine. Die Marine ist teils weitergezogen nach Eckernförde und die Werft filetiert. An die HDW erinnert nur noch eine Bushaltestelle auf dem Weg nach Dietrichsdorf. An flachen Backsteinbauten und kleinen Einfamilienhäusern vorbei führt der Weg hoch in die alte Werftarbeitersiedlung.

Vor dem Tiny Rathaus steht Rentner Wilhelm Mattut in Jeans und Jeansjacke und sagt: „Die kurzen Wege sind schon ein Vorteil. Gerade wenn man älter ist. Auf dem Amt muss man Nummern ziehen. Das bedeutet dann schon mal, sehr lange warten.“

Eine wichtige Lektion hat die Verwaltung bei der Impfkampagne gelernt

In der Testphase geht es vornehmlich darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, auch um überhaupt zu wissen, was sie wollen. Niedrigschwellig heißt diese Lektion, die die deutsche Verwaltung bei der Impfkampagne lernte. Beim Wort Behördengang schrecken viele einfach zurück. „In dieser innovativen Form der Bürgerbeteiligung werden Ideen gesammelt, was man in und für Kiel alles machen könnte“, sagt Kiels Bürgermeisterin Renate Treutel.

Der Beamte sei ein „Fachmensch ohne Geist“ notierte der Soziologe Max Weber zu Beginn des vorigen Jahrhunderts. Das war keine Gemeinheit gegenüber den Bürokrat:innen, sondern ein Hinweis auf die strikte Rationalität der Verwaltung. Den Menschen kann die verordnete Neutralität beim Gang auf die Behörde aber rasch zur Last werden. Von „Regelpolitik“ spricht der niederländische Rechtsphilosoph Luuk van Middelaar. In Krisen kann aber gerade das Regelgebundene hemmen, wie die Pandemie gezeigt hat.

Von „Mindset“ spricht Sophie Mirpourian und erklärt: „Es gibt den Mindset Verwaltung. Das bedeutet: Erst planen, dann machen. Und es gibt den Mindset Anscharcampus: Erst probieren, ob’s klappt, dann planen.“ Es geht um zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Um Mut. Und Scheitern als Chance.

Beispiel Corona-Warn-App: Neue Fehlerkultur versus Risikoaversion

„Um einem Missverständnis vorzubeugen: Modernisierung ist mehr als Digitalisierung“, sagt Caroline Fischer, 33. Bis vor kurzem forschte sie an der Universität Potsdam, jetzt lehrt Fischer an der Universität in Twente in den Niederlanden Verwaltungswissenschaften. „Risikoavers“ nennt Fischer das Vorgehen der Verwaltung. Nur keine Fehler machen.

Auf der Tafel in ihrem Büro leuchtet eine Kinderzeichnung aus Kreide. Auch sonst setzt die Wissenschaftlerin auf Unkonventionelles. „Die Menschen erwarten von Verwaltung schon Regelpolitik, das schafft schließlich auch eine Erwartbarkeit in den Entscheidungen“, erklärt Fischer. Sie gibt aber auch zu bedenken: „Eine andere Einstellung zu Neuerungen muss auch mit einer Fehlerkultur einhergehen.“

Sie rät zu einer neuen Kultur des Wagens. Die Forscherin nennt als Beispiel den Umgang mit der Corona-Warn-App. „Die App war alles andere als perfekt, aber sie wurde über die Zeit verbessert und gilt heute als Vorzeigebeispiel.“ Die Pandemie als Vorbild? Das überrascht. Aber Fischer empfiehlt das tastende Vorgehen als Modell: „Wandel kann auch experimentell erfolgen, Fehler geschehen, damit man aus ihnen lernt.“

Tiny Rathaus: Auch eine Stadt darf mal experimentieren

Auch Sophie Mirpourian geht es um mehr als Digitalisierung und bloße Modernisierung der Verwaltung. „Bürger:innen und Verwaltung sprechen oft nicht die gleiche Sprache. Wir bringen beide Welten zusammen“, sagt Mirpourian und ergänzt: „Wir wollen Verwaltung zugänglich machen.“ Das klingt bescheiden. Ist aber ein großes Vorhaben. Bürgerbeteiligung beschränkt sich in vielen Kommunen noch auf klassische Formate wie runde Tische oder Infoblätter. Mirpourian geht es um mehr. Ihr geht es um Bürgergesellschaft.

Drinnen an der Wand des rollenden Rathauses hängt eher unscheinbar eine kleine Urkunde: Kiels Auszeichnung beim „Bundespreis kooperative Stadt“. Aber Kiels Anspruch ist groß. „Wir wollen einen Raum schaffen, an dem Stadt experimentieren darf“, sagt Mirpourian und nimmt Platz auf der kleinen Treppe zum Tiny Rathaus.

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Die Tür zum Büro ist weit geöffnet. Auf der Rückseite klebt eine große Plane – hier können die Menschen ihre Vorschläge aufschreiben. „Die meisten kommen abends, wenn wir weg sind und wollen sich das in Ruhe angucken“, erzählt Mirpourian. Das Kennzeichen ihres Büros leuchtet in kräftigem Gelb: Das mobile Büro ist nur aus Dänemark geliehen. Vorerst. Noch sind die neuen flachen Wege der Verwaltung in Deutschland nur Teststrecken.