Erich Löffler (Mitte) rettete Frankfurt davor, in den letzten Tagen des Krieges zu einem Schlachtfeld zu werden
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Erich Löffler (Mitte) rettete Frankfurt davor, in den letzten Tagen des Krieges zu einem Schlachtfeld zu werden.

#01 Erich Löffler

Erkenne, wann es Zeit wird für Ungehorsam

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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1945: Oberstleutnant Erich Löffler verhindert, dass Frankfurt am Ende des Zweiten Weltkriegs zum Schlachtfeld wird - weil er beschließt, Befehle nicht mehr zu befolgen.

Erich Löffler tut nicht, wie ihm befohlen. Es ist vermutlich das erste Mal, dass er einem Befehl nicht folgt. Es ist auf jeden Fall das letzte Mal, dass der gerade 37-jährige Berufssoldat der Obrigkeit nicht folgt.

Erich Löffler ist Oberstleutnant der Wehrmacht, ein Berufssoldat, vielleicht einer aus Berufung. Den Zweiten Weltkrieg beginnt der dunkelblonde sportliche Typ als Hauptfeldwebel im Infanterieregiment 57, das in seiner Geburtsstadt Eisenach in Thüringen stationiert ist. Löffler macht Karriere im Krieg, er wird Offizier, überlebt als einer von nicht vielen den Winter 1941 vor Moskau, in den Kämpfen 1942 zerstört er im Alleingang unter Einsatz seines Lebens vier russische Panzer. Er wird zum Hauptmann befördert und erhält im Herbst des gleichen Jahres auch das Ritterkreuz, die höchste Tapferkeitsmedaille des Nazireichs.

Bilder aus dem Oktober 1942 zeigen einen plötzlich nicht mehr jungen Mann mit wachem Blick und einem gezwungen breiten Lachen. Der Horror von Hitlers endlosem Vernichtungskrieg gräbt sich in die Gesichter seiner Handlanger. Aber Löffler überlebt. Sein Regiment wird 1943 in der Ukraine aufgerieben, ein Jahr später jedoch ist er bei der Neuaufstellung in Dänemark wieder dabei und führt es durch die Ardennenoffensive 1944.

Anfang März 1945 wird dem Oberstleutnant Löffler die Kampfkommandantur von Koblenz übertragen. Kampfkommandant bedeutet, aus Koblenz eine uneinnehmbare Festung zu machen, nicht die Stadt wie ein Ortskommandant zu verwalten. Löffler drängt die dortigen Nazi-Bonzen, die Stadt räumen zu lassen. Um die 10 000 Menschen harren noch in den Trümmern aus, die „Goldfasane“ der NSDAP nehmen derweil Reißaus. Als die Amerikaner am 18. März Koblenz einnehmen, haben Löffler und seine paar Soldaten sich schon davongemacht. Neuer Standort des Grenadierregiments 57 wird Marburg, weit weg von allen Truppenbewegungen, ideal zum Ausharren mit anschließender Kapitulation. Aber Löffler ist ein ruhiges Kriegsende nicht vergönnt.

In Marburg ereilt ihn die Order, sich als Kampfkommandant von Frankfurt zu melden. Mit einem Stab aus neun Offizieren reist er in die Stadt am Main, die Überreste seiner Truppe lässt er zurück. Frankfurt muss ihm wie ein Déjà-vu erscheinen: Koblenz zwo. Die Stadt in Trümmern, die entferntere Stadthälfte (südlich des Mains) offen für den Vormarsch der Amerikaner, die nördliche Hälfte alles, nur keine Festung. Und vor allem sind noch gut eine Viertelmillion Zivilpersonen in der Stadt.

Löffler fackelt nicht lange. Seine mit Orden nur so übersäte Uniformjacke gibt ihm selbst in den Augen jener Frankfurter Nazis, die sich noch am unmittelbar bevorstehenden deutschen Endsieg berauschen können, absolute Autorität – wobei die meisten Braunen sich eh längst im Taunus verkrochen haben, um ihre bundesrepublikanische Wiedergeburt vorzubereiten. Er entwaffnet als erstes eine Einheit ungarischer Faschisten, die jeder vergessen zu haben scheint. Dann beendet er die tragisch-lächerliche Veranstaltung namens „Volkssturm“ und schickt die Alten und Kinder nach Hause. Während Pioniere Frankfurts Brücken sprengen (eine aber nur teilweise), lässt Löffler die vom Volkssturm aufgetürmten Barrikaden wieder abbauen.

Was Erich Löffler in den Stunden zwischen dem 26. und 27. März tatsächlich tut und wahrscheinlich denkt, würde allemal dafür ausreichen, dass ihn irgendwelche 150-prozentigen Nazis an der nächsten Laterne noch hätten aufknüpfen können. Aber Löffler geht unbeirrbar nach Plan vor. Nach seinem Plan. Wenn man den konsequent zu Ende denkt, dann sieht der vor: Zivilleben schonen, sinnlose Kämpfe vermeiden, die Stadt so gut erhalten, wie es geht und den Amis kampflos überlassen, Brücken sprengen, um den Gegner zu bremsen, sich selbst sicher absetzen und den Nazis vorgaukeln, man würde wie befohlen jeden Fußbreit deutschen Bodens bis zum letzten Atemzug verteidigen.

Ein guter Plan. Aber dann schlägt eine US-Artilleriegranate in Löfflers Kampfkommandantur in der Taunusanlage 12 ein. Ein Zufallstreffer; die Amerikaner schießen einfach auf gut Glück irgendwo hin. Oberstleutnant Erich Löffler ist sofort tot. Es kommt noch zu ein paar Scharmützeln rund um den Hauptbahnhof, dann ist alles vorbei. Und eine Viertelmillion Frankfurterinnen und Frankfurter ist gerade so nochmal mit dem Leben davongekommen. Weil einer am Ende wohl den Irrsinn des Kadavergehorsams erkannte und nicht mehr länger mitmachte.

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