Wolfgang Lauinger, verfolgt, weil er schwul, Jude und ein Swing-Kid war
+
„Wir waren einfach jung, wollten unser Leben leben“, sagte Wolfgang Lauinger einmal.

#06 Wolfgang Lauinger

Wer den Swing hat, kann nicht strammstehen

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
    schließen

1950: Wolfgang Lauinger wird im Zuge der staatlichen Schwulenverfolgung verhaftet. Schon zu Hitlers Zeiten lebte er gefährlich. Als Swing-Kid und schwuler Jude tanzt er aus allen Reihen. Angepasst hat er sich nie.

Es war ein gewitzter Mann von 97 Jahren, schlagfertig und unverdrossen, der da im Mai 2016 in der hessischen Landespressekonferenz auf dem Podium von seiner jahrzehntelangen Verfolgung und seinem Kampf um Gerechtigkeit berichtete. Wolfgang Lauinger wirkte bei dieser Pressekonferenz, zu der ihn die Grünen-Fraktion eingeladen hatte, nicht verbittert, sondern lebenslustig und agil.

Auch wenn er seine Worte manchmal nuschelte, was dem hohen Alter geschuldet war, ließ er es doch bei der Schilderung seiner Erlebnisse nicht an Deutlichkeit fehlen. Es waren nur wenige Journalisten, die zuhörten. Für die Frankfurter Rundschau allerdings war die Verfolgung der Homosexuellen in der Bundesrepublik ein Thema, die Fortsetzung ihrer Verfolgung aus der Nazizeit, für die teilweise immer noch dieselben Beamten zuständig waren.

Lauinger saß acht Monate in Haft wegen des Verdachts homosexueller Handlungen

Der FR-Reporter ahnte nicht, dass seine Zeitung auch schon im Jahr 1950 als einziges Blatt kritisch über die staatliche Schwulenverfolgung in einem Frankfurter Verfahren berichtet hatte, das rund 100 Männer betraf, darunter Wolfgang Lauinger. Doch später erfuhr er, dass die unheilvolle personelle Kontinuität in der Justiz ohne den damaligen FR-Gerichtsreporter Rudolf Eims nicht an die Öffentlichkeit gekommen wäre. So sah es jedenfalls Wolfgang Lauinger.

Acht Monate hat der Frankfurter seinerzeit in Untersuchungshaft gesessen, nachdem er 1950 wegen des Verdachts auf homosexuelle Handlungen verhaftet worden war. Er war denunziert worden von dem Strichjungen Otto Blankenstein, der Dutzende von Namen preisgegeben und diese Männer damit ans Messer der Justiz geliefert hatte. Am Ende, 1951, wurde Lauinger freigesprochen.

Seine Schlitzohrigkeit rettet Lauinger

Dafür gab es wohl zwei Gründe: Auch dank der FR-Berichterstattung war zum einen ein Nazirichter versetzt worden, der immer noch für die staatliche Schwulenverfolgung zuständig war und etliche der Frankfurter Schwulenprozesse der Jahre 1950/51 geführt hatte. Zum anderen spielte Lauingers Schlitzohrigkeit eine Rolle – wie so oft, wenn er in seinem Leben in scheinbar aussichtslose Situationen geraten war. Durch die dünne Zellenwand hatte er Blankenstein ins Gewissen geredet, der daraufhin die Aussage gegen ihn verweigerte.

Lesen Sie auch: Eine nüchterne Analyse ist ein scharfes Schwert - Wie Simone de Beauvoir den Frauen die Augen öffnete

Der Freispruch wurde aber mehr als 60 Jahre später zum absurden Grund dafür, dass ihm bis zu seinem Lebensende keine Entschädigung zugesprochen wurde. Im Juli 2017 trat das Gesetz in Kraft, für das Lauinger jahrelang gekämpft hatte, das Gesetz zur Rehabilitierung und Entschädigung jener schwulen Männer, die in der Bundesrepublik wegen ihrer Homosexualität nach dem berüchtigten Paragrafen 175 verurteilt worden waren.

Entschädigt wurde Lauinger nie

Doch der inzwischen 98-Jährige musste feststellen, dass das Gesetz anderen Opfern zugutekam, aber nicht ihm – weil er nicht verurteilt worden war, sondern „nur“ monatelang in Untersuchungshaft zugebracht hatte. „Man hat das Gesetz zu einer Farce gemacht“, stellte er fest. „Wo liegt denn für einen normalen Menschen der Unterschied, wenn du fünf Monate im Gefängnis sitzt, ob du freigelassen wirst oder freigesprochen wirst?“

Wolfgang Lauinger konnte sich aufregen, und er hatte allen Grund dazu. Doch er behielt dabei immer seine erfrischende, geradezu jugendlich kecke Lebensfreude. Im Dezember 2017 starb Wolfgang Lauinger im Alter von 99 Jahren. „Ich bin sehr traurig und auch wütend, weil er selbst nicht mehr erlebt hat, wofür er gekämpft hat“, sagte seine Freundin und Biografin Bettina Leder.

Er hat sich ein Leben lang nie danach gerichtet, was andere wollten

Zukunft hat eine Stimme

Die Frankfurter Rundschau besteht seit 75 Jahren. Seither sucht die FR die Mutigen und gibt ihnen eine Stimme. Deshalb feiern wir unser Jubiläum unter dem Motto Zukunft hat eine Stimme.

„75 Lektionen Mut“: Die FR stellt Frauen und Männer vor, die je zu ihrer Zeit Besonderes erfunden, gedacht und geforscht haben – und unbeirrt für Gerechtigkeit und Solidarität eingetreten sind.

Megatrends: Zugleich blicken wir nach vorne und fragen: Welche Trends werden unsere Welt prägen? Worauf müssen wir uns einstellen? Welche Probleme müssen wir lösen? Worauf können wir uns freuen?

Zukunft hat eine Stimme: Wir zeigen Menschen, die sich heute aufmachen, die Welt zu verändern und drängende Probleme unserer Zeit zu lösen - und die sich ideenreich gegen die Mächtigen in Politik und Wirtschaft stellen.

Unser Angebot: Zum Jubiläum legt unser Verlag ein 75-Tage-Abo auf, mit dem Sie keinen Text der Jubiläums-Serie verpassen.

Was für ein Leben! Wolfgang Lauinger wurde 1918 in Zürich geboren, kam als Kleinkind nach Frankfurt, wo die Familie in der Sophienstraße wohnte. Die Eltern trennten sich, als er fünf Jahre alt war. Die beiden Söhne blieben beim Vater Artur Lauinger, der als Journalist für die Frankfurter Zeitung schrieb und die Jungs gewähren ließ.

Von den Nazis wurde Lauinger senior zum „Juden“ erklärt. Als er sich 1939 nach London absetzte, ließ er den jüngeren Sohn Wolfgang zurück – worunter dieser ein Leben lang litt. Wolfgang Lauinger musste zum Militärdienst, wurde aber bereits 1940 als „Halbjude“ wieder entlassen – vielleicht hat ihm dieser Umstand das Leben gerettet. Er hatte Mechaniker gelernt, schlug sich durch, in der Nazizeit und danach.

Dieser Mann hat sich ein Leben lang nicht danach gerichtet, was andere wollten. Er war und blieb aufmüpfig gegen die Obrigkeit, die ihn stets drangsaliert und verfolgt hatte. Als „Halbjude“, zu dem er erklärt worden war. Als Mitglied der „Swing-Jugend“, die sich im Frankfurter „Harlem-Club“ traf und untermalt von den Klängen der Jazzmusik den Hauch eines anderen, eines freien und offenen Lebens atmete.

„Wir waren einfach jung, wollten unser Leben leben", so Lauinger

Sie seien damals, mit Anfang 20, im nationalsozialistischen Frankfurt „keine Gegner oder gar Widerstandskämpfer“ gewesen, berichtet er in Bettina Leders lesenswertem Buch „Lauingers“. „Wir waren einfach jung, wollten unser Leben leben.“ Und dann setzt Wolfgang Lauinger hinzu: „Wir tanzten buchstäblich aus der Reihe.“

Auch wenn Wolfgang Lauinger betonte, nie ein Widerstandskämpfer gewesen zu sein, so war das Rebellische doch tief in ihm verankert; er war nicht bewusst unangepasst, es kam ihm offenbar gar nicht erst in den Sinn, angepasst zu leben. „Mir scheint“, sagte er einmal, „wem der Swing in den Gliedern steckt, der kann nicht strammstehen oder die Hacken zusammenschlagen.“

Swing wurde auch gespielt, als im Jahr 2018 mehr als hundert Wegbegleiter Lauingers ihn zu seinem 100. Geburtstag posthum ehrten. Der Grünen-Politiker Volker Beck erinnerte damals daran, dass die strafrechtliche Sonderbehandlung der Homosexuellen in der Bundesrepublik erst 1994 geendet hatte. Dann griff er Lauingers Wunsch auf, „dass niemand wieder Opfer eines menschenverachtenden Systems wird, besser noch, dass es solches Gedankengut erst gar nicht mehr gibt“. Und der Grüne setzte hinzu: „Wir müssen jetzt für ihn diesen Kampf zu Ende führen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare