Bundeskanzler Willy Brandt - bejubelt in der Frankfurter Festhalle.
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Bundeskanzler Willy Brandt - bejubelt in der Frankfurter Festhalle.

# 25 Willy Brandt

Friedlich zu sein, erfordert echte Stärke

  • Stephan Hebel
    vonStephan Hebel
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1969: Willy Brandt ändert radikal die Außenpolitik und bringt das geteilte Deutschland damit näher zusammen.

In der Chronik des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte heißt es unter dem 12. November 1972: „Bundeskanzler Willy Brandt kommt im Rahmen des Bundestagswahlkampfes nach Frankfurt am Main und hält in der Festhalle vor 15.000 Menschen eine Wahlkundgebung.“ Das ist eine ausgesprochen nüchterne Wiedergabe des Ereignisses. Nur über die Zahl 15 000 wird wahrscheinlich sofort staunen, wer sich schon mal im dritten Jahrtausend auf eine Wahlkundgebung verirrt hat.

Aber es war nicht nur das. Unter den vielen Menschen, die mit dem „Willy, Willy“-Schreien gar nicht mehr aufhören wollten, waren Jugendliche und junge Erwachsene in großer Zahl vertreten. Von der Stimmung her mag das mit einer Kundgebung von Fridays for Future ein halbes Jahrhundert später vergleichbar sein, aber es gibt eben einen Unterschied: Alle waren gekommen, um einem amtierenden Spitzenpolitiker zuzujubeln und ihn im Kampf um seine Wiederwahl zu unterstützen.

Das war auch damals nicht selbstverständlich. Die 68er-Revolte war noch nicht lange vorbei, und die Jugend, die damals aufbegehrt hatte, war nicht gerade dafür bekannt, etablierte Politiker und Parteien zu bejubeln. Und doch waren es nicht nur bekennende Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die ihn bewunderten, sondern auch manche, die eigentlich im Protest gegen die etablierten Parteien politisiert worden waren.

Charisma, Rhetorik und Mut

Was sie beeindruckte, waren nicht nur Brandts Charisma und seine begnadete Rhetorik. Es war vor allem eines: sein Mut. Der Mut, für eine politische Überzeugung auch gegen starke Kräfte in Politik und öffentlicher Meinung zu kämpfen. Diese Überzeugung lautete, mit Brandts Worten: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein und werden, im Innern und nach außen.“ Und das galt auch gegenüber dem kommunistischen Osten im geteilten Deutschland und Europa: „20 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR müssen wir ein weiteres Auseinanderleben der deutschen Nation verhindern, also versuchen, über ein geregeltes Nebeneinander zu einem Miteinander zu kommen.“

Diese Zitate stammen aus Brandts erster Regierungserklärung im Bundestag vom 28. Oktober 1969. Nach zwei vergeblichen Anläufen 1961 und 1965 hatte er als Kanzlerkandidat genügend Stimmen für die SPD gewonnen, um mit der FDP eine Koalition gegen die stärkste Fraktion, die CDU/CSU, bilden zu können. Und von Anfang an warfen ihm die Union sowie außerparlamentarische rechte Gruppen so ziemlich alles an den Kopf, was ihnen einfiel: „Vaterlandsverräter“, „Ausverkauf deutscher Interessen“, „Verzichtspolitik“ und manches mehr.

Aber Brandt, unterstützt von Weggefährten und Mitarbeitern wie Egon Bahr sowie dem Koalitionspartner FDP, ging den Weg der Entspannung unbeirrt. Zwischen 1970 und 1973 entstanden Verträge, die den Ost-West-Konflikt zwar nicht lösten, aber doch auf ein geregeltes und friedliches Miteinander zielten. „Die Politik des Gewaltverzichts, die die territoriale Integrität des jeweiligen Partners berücksichtigt, ist nach der festen Überzeugung der Bundesregierung ein entscheidender Beitrag zu einer Entspannung in Europa.“ Mit der Sowjetunion, mit Polen, später auch mit der Tschechoslowakei wurden entsprechende Abkommen geschlossen.

Gegner von Brandt brandmarkten den „Ausverkauf deutscher Interessen“

Diejenigen, die den Ausgang des Zweiten Weltkriegs immer noch nicht begriffen hatten, empörten sich vor allem über eine zentrale Entscheidung der neuen Regierung: Sie erkannte ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende die Oder-Neiße-Grenze an – und damit die Tatsachen, die Nazi-Deutschland mit seiner Kriegspolitik letztlich selbst geschaffen hatte. Der geschichtslose und unverschämte Traum der Rechten, deutsche Ansprüche auf die ehemals deutschen und nun polnischen Gebiete östlich von Oder und Neiße aufrechterhalten zu können, war damit ausgeträumt.

Mehr noch: Der Grundlagenvertrag mit der DDR von 1972 (in Kraft getreten 1973) bedeutete zumindest eine Duldung der Tatsache, dass der Einflussbereich der Sowjetunion bis in die Mitte Berlins und bis an die Grenzen der westdeutschen Bundesrepublik reichte. Zwar wurden nicht Botschaften eingerichtet wie sonst üblich – eine endgültige, formelle Anerkennung der DDR war nie im Gespräch –, aber die beiden deutschen Staaten tauschten „Ständige Vertreter“ aus und regelten Fragen des täglichen Zusammenlebens wie etwa das Reisen oder den Handel.

Das war auch mutig

Homo- und Transsexuelle wehren sich Ende Juni 1969 aktiv gegen die wiederkehrenden Razzien und Verhaftungen durch die Polizei in New York. Die als Stonewall-Unruhen bekannten Proteste beginnen in der Christopher Street, nachdem die Polizei wieder einmal in der Bar Stonewall einfiel. Die Auseinander-setzungen zwischen der Polizei, den Homosexuellen und den solidarischen Anwohnern des Viertels dauern mehrere Tage. Die Unruhen gelten als Beginn der Schwulen- und Lesbenbewegung, die jährlich am Christopher Street Day/Gay Pride mit Demonstrationen gefeiert wird. FR

Das war es, was die Gegner des Kanzlers als „Ausverkauf deutscher Interessen“ brandmarkten – weil sie den wichtigsten und zugleich mutigsten Aspekt der neuen Ostpolitik nicht verstanden hatten: Willy Brandt hatte sich für die riskante und gewagte Dialektik entschieden, nach der die bestehenden Verhältnisse anerkannt wurden – um sie zu überwinden. Niemand konnte damals sicher sein, dass es gelingen würde. Aber heute bezweifelt kaum noch jemand, dass der zunehmende Austausch zwischen Politik und Bevölkerungen, der mit der Entspannungspolitik einherging, entscheidende Lücken in die Mauer zwischen Ost und West schlug. Lücken, die letztlich zu ihrem Fall beitrugen.

Mutig war das Ganze also aus zwei Gründen: Zum einen, weil Brandt dem Osten ein Angebot machte, von dem niemand wusste, ob es zu den gewünschten Ergebnissen führen würde. Zum anderen, weil er um den Ansatz von Entspannung und Versöhnung gegen eine feindliche, teils wütende Stimmung in großen Teilen der heimischen Öffentlichkeit kämpfte. Noch knapp drei Jahrzehnte nach Kriegsende verfügten ja in Politik und Öffentlichkeit diejenigen über eine weitgehende Hegemonie, die den Nazi-Terror als Hauptursache der europäischen Spaltung leugneten, das Hitler-Regime mit Verweis auf die kommunistischen Diktaturen relativierten und den deutschen Widerstand als eine Art Verrat diffamierten.

Stichwort Widerstand: Hier findet sich wohl der Grund sowohl für den politischen Mut Willy Brandts als auch für den Hass seiner Gegner. Als der Krieg im Mai 1945 endete, war der spätere Bundeskanzler gerade 33 Jahre alt – und hatte bereits einiges hinter sich. 1913 als uneheliches Kind einer Verkäuferin geboren, war Herbert Frahm – so sein ursprünglicher Name – schon als Jugendlicher in die SPD eingetreten, mit knapp 18 Jahren dann in die radikalere „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands“, SAPD.

Willy Brandt hatte sich in linken Kreisen längst einen Namen gemacht

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet der nicht einmal 20-Jährige, der sich in linken Kreisen längst einen Namen gemacht hatte, natürlich in Gefahr. Er emigrierte nach Norwegen, wo er sich den „Kampfnamen“ Willy Brandt zulegte, und später nach Schweden. Im Exil beteiligte er sich politisch und publizistisch an der Koordination des Widerstands. Einmal, 1936, reiste Brandt sogar getarnt als norwegischer Korrespondent nach Deutschland – immer in der Gefahr, in den Fängen des nationalsozialistischen Verfolgungsapparats zu landen. Kaum vorstellbar, aber wahr: In der Bundesrepublik der frühen 70er-Jahre war so eine Biografie für einen bestimmenden Teil der Gesellschaft kein Grund zur Bewunderung, sondern ein Anlass zu Hass und Diffamierung.

Wer zum Beispiel glaubt, Franz-Josef Strauß sei ein lustiges bayerisches Original mit putzig aggressiven Zügen gewesen, möge sich diesen Satz des CSU-Politikers und damaligen Bundesverteidigungsministers aus dem Jahr 1961 zu Gemüte führen: „Aber eines wird man doch noch fragen dürfen: Was haben Sie in den zwölf Jahren draußen gemacht, wie man uns gefragt hat, was habt ihr in den zwölf Jahren drinnen gemacht.“

Willy Brandt war kein Heiliger

Wer so redete, brauchte das Wort „Vaterlandsverrat“ gar nicht mehr auszusprechen. Und besonders beliebt war es, den Sozialdemokraten als „Herr Brandt alias Frahm“ zu bezeichnen, wie es 1961 sogar der CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer tat. Die doppelte Anspielung auf die uneheliche Geburt und die Tarnung des Widerstandskämpfers dürfte in den entsprechenden Kreisen sofort verstanden worden sein.

Willy Brandt war sicher kein Heiliger. Auf seinen berühmten Satz aus der Regierungserklärung von 1969, „Wir wollen mehr Demokratie wagen“, fiel zum Beispiel ein ziemlich dunkler Schatten, als 1972 Bund und Länder den „Radikalenerlass“ beschlossen. Für Tausende, die etwa als Lehrer zu Verfassungsfeinden gestempelt wurden, bedeutete er ein faktisches Berufsverbot. Aber das ändert nichts daran, dass dieser Politiker den Mut besaß, auf die Geschichte Einfluss nehmen zu wollen – gemeinsam mit „Partnern“, deren autoritäre Regime er nicht weniger verachtete als die Rechten, die ihm Verrat vorwarfen. Er wusste wohl, dass deren diktatorisches Handeln, das Mauerbauen, Bespitzeln und Verfolgen, in Wahrheit ein Zeichen von Schwäche war; von Unfähigkeit, die Menschen in ihrem Machtbereich zu überzeugen.

Einzelne Personen allein können sicher nicht Geschichte machen. Immer gehören dazu überzeugte Mitstreiterinnen und Mitstreiter sowie historische Konstellationen wie der spätere Aufstieg von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion. Aber Willy Brandt, geprägt von den Lehren eines furchtbaren Krieges, hat die gegebenen Umstände zu einer mutigen Friedenspolitik geformt. Die Konfrontationspolitiker unserer Tage sollten sich daran erinnern.

Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Auftritt in der Frankfurter Festhalle, am 8. Oktober 1992, ist Willy Brandt an seinem Wohnort Unkel gestorben. Den Fall der Mauer, der auch ihm zu verdanken war, hatte er noch erlebt.

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