Carla Del Ponte, ehemalige Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag
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Scheut weder Mühen noch Grauen: Del Ponte auf dem Weg zu einem Massengrab im Kosovo.

#55 Carla del Ponte

Wer im Recht ist, muss dafür kämpfen

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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1999: Die Schweizer Bundesanwältin Carla del Ponte wird Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag und beginnt die Jagd auf Kriegsverbrecher.

Man möchte Carla del Ponte nicht zur Feindin haben. „Wenn du im Recht bist, musst du kämpfen, kämpfen, kämpfen“, habe ihr die Mutter eingeimpft, erzählt sie einmal. Zurückweichen ist ihre Sache nicht. Es sind ihre fordernde Ungeduld, ihre Hartnäckigkeit und Professionalität, die sie ans Ziel bringen.

1989 entkommt die Schweizerin nur knapp einem Sprengstoffanschlag, der ihr und dem Mafia-Jäger Giovanni Falcone gilt, dem sie als Staatsanwältin zuarbeitet. Als Falcone drei Jahre später zusammen mit seiner Frau und drei Leibwächtern bei einem weiteren Anschlag stirbt, zeigt sie sich erschüttert. Von der Suche nach der Wahrheit hält sie dies nicht ab.

1999 wird del Ponte zur Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien und den Völkermord in Ruanda ernannt. Es gehört Mut dazu, sich dem auszusetzen. Den Bildern von Gräueltaten, den Bergen an Akten, in denen von Vertreibung, Folter, Massenvergewaltigungen und Morden zu lesen ist. Sie trifft sich mit Hinterbliebenen und überlebenden Opfern, ein Pressefoto zeigt sie, wie sie im Jahr 2000 in dunklem Blazer und heller Hose im Kosovo ein Massengrab inspiziert, in dem mehr als 600 Leichen liegen.

Sie sucht Beweise und Fakten, sucht nach der Wahrheit, um für die Opfer etwas zu bewirken. Sie weiß um die Verantwortung den vielen Leidtragenden gegenüber, sie hat den Mut, diese Verantwortung zu tragen. Kein Unschuldiger sei wegen ihr auch nur eine Nacht im Gefängnis gewesen, sagt sie einmal. Angeklagt habe sie erst, wenn sie von der Schuld überzeugt gewesen sei.

Und sie hat den Mut, den Tätern zu begegnen. 161 Personen hat del Ponte vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt, 91 davon wurden verhaftet oder stellten sich, 63 wurden verurteilt.

2006 starb Slobodan Milosevic während des Verfahrens in Den Haag, der Serbenführer war als Kriegsverbrecher in den Jugoslawienkriegen angeklagt. Del Ponte sagt damals, dass sie den Tod für die Opfer, denen durch eine Verurteilung Gerechtigkeit hätte widerfahren können, bedauert. Sie bemüht sich, auch Radovan Karadzic und Ratko Mladic vor den Gerichtshof zu bringen. Als diese 2008 und 2011 schließlich verhaftet werden, ist das ihr Verdienst, auch wenn sie ihr Mandat schon 2007 abgegeben hat.

Der Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis preist del Pontes Wirken anlässlich der Verleihung des Erich Walser Generationenpreises am 27. August 2019: Sie habe nicht nur Klartext gesprochen, sondern ihre Botschaft auch gelebt. „Gerechtigkeit ist Wahrheit, und ohne Wahrheit gibt es keinen Frieden. Gerechtigkeit zu üben bedeutet vor allem, nach der Wahrheit zu suchen“, sagt Cassis. Auf dem Weg zur Wahrheit stellt Carla del Ponte sich auch den Anfeindungen, die ihr entgegenschlagen. Als sie nach Belgrad reist, steht auf Plakaten entlang der Autobahn „Karla, die Hure“.

Ohne Leibwächter kann sie jahrzehntelang keinen Schritt tun. Später sagt sie, das Wichtigste sei, dass man gut schlafen könne. Alpträume habe sie nie gehabt.

Nach ihrer Zeit in Den Haag wird sie 2008 Schweizer Botschafterin in Argentinien bis zu ihrer Pensionierung 2011. Doch ein Ende ihres Eintretens für Gerechtigkeit bedeutet das nicht.

2011 entbrennt der Syrienkonflikt, der Bürgerkrieg verwüstet das Land. Wieder sterben Menschen, vor allem Zivilisten, Männer, Frauen Kinder. Carla del Ponte tritt der Unabhängigen Untersuchungskommission der UN bei. Die Kommission veröffentlicht zweimal im Jahr einen Bericht, der ohne Konsequenzen bleibt. Nach sechs Jahren tritt del Ponte demonstrativ aus, ihre Bilanz ist ernüchternd. „Es hat nichts gebracht“, sagt sie. Die UN nennt sie „eine Schwatzbude“. Im Mai 2018 erscheint ihr Buch „Im Namen der Opfer“, das zum Bestseller wird. Es ist eine Abrechnung über das Versagen der Vereinten Nationen und der internationalen Politik in Syrien.

In einem Interview mit der „Schweiz am Wochenende“ fordert sie im Oktober vergangenen Jahres, den türkischen Präsidenten Erdogan wegen dessen Militäroffensive in Syrien der Kriegsverbrechen anzuklagen. Doch sie glaubt nicht, dass dies je geschehen wird. „Internationale Justiz ist nur möglich, wenn der politische Wille der Staatengemeinschaft da ist“, erklärt sie. Dieser Wille aber sei verschwunden. Ihre Hoffnung, dass sich nach den Tribunalen zu Jugoslawien und Ruanda die Generäle und Präsidenten dieser Welt zurückhalten würden, war vergeblich.

2019 wird Carla del Ponte mit dem Prix Courage Lifetime Award der „Beobachter“-Redaktion für ihr Lebenswerk geehrt. 2017 war sie mit dem Hessischen Friedenspreis ausgezeichnet worden.

Die heute 73-Jährige verbringt viel Zeit mit ihren Enkeln, widmet ihren Ehrgeiz dem Golfspiel und Bridge. Als scharfsinnige und schlagfertige Rednerin ist sie noch immer gefragt, ihrer Stimme hört man an, dass sie 50 Jahre lang geraucht hat – was sie dann von einem Tag auf den anderen aufgab. Sie sei, räumt sie ein, eine schlechte Mutter gewesen, ihr Sohn wuchs bei der Großmutter auf. Familie und Karriere, das passe kaum zueinander. Auch wenn sie nie eine Karriere angestrebt habe.

Ein Zeitungsfoto zeigt sie 2003 beim Prozess gegen Slobodan Milosevic. Sie steht am Pult, auf dem ihre rechte Hand neben der Lesebrille ruht, daneben ein Glaskrug und ein Glas Wasser. Ein wenig hinter ihr verkörpert ein Polizist in Uniform mit Pistole und Handschellen die exekutive Gewalt. Del Ponte sieht ruhig, ohne jeden Hochmut in die Kamera. Das ist keine Rächerin. Aber wie sie da steht in der schlichten schwarzen Robe und dem Jabots, dem traditionellen Lätzchen aus weißen Spitzen, ist es ein Versprechen: Dass die Wahrheit ans Licht kommt und den Schuldigen die Gerechtigkeit doch noch ereilen wird.

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