Bundestrainer Sepp Herberger nach dem WM-Finale 1954 in Bern
+
Stets eine Stütze für seine Jungs: Bundestrainer Sepp Herberger, in Bern selbst auf Schultern getragen.

# 10 Sepp Herberger

Wer das Unmögliche schafft, schafft Zukunft

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
    schließen

1954: Die Fußballweltmeister von Bern, allen voran Trainerlegende Sepp Herberger, stärken mit ihrem Überraschungserfolg das Selbstwertgefühl einer kriegsversehrten Nation.

Freitagabend, Flutlicht, Schmuddelwetter, Sturm und Regen im Stadio Olimpico di Serravalle, 3851 Fans – und ein Ereignis für die Ewigkeit. Nein, an jenem 12. November 2016 geht es nicht etwa um den frechen Neuling und Dreifachtorschützen Serge Gnabry, überhaupt ist das locker-flockig herausgeschossene 8:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beim 201. der Weltranglisten in San Marino nur Mittel zum Zweck. Im Fokus stehen andere Zahlen: die 95 und die 14 444. Wie das genau zusammenhängt? Nun, an diesem ungemütlichen Abend in der italienischen Enklave löst eine Legende die andere ab. Mit seinem 95. Sieg als Trainer der deutschen Auswahl stellt Joachim Löw nicht nur einen Bestwert in der Länderspielhistorie des Weltfußballs auf, er zieht auch an Sepp Herberger vorbei, exakt 14 444 Tage nach dessen Tod.

„Sepp Herberger war ein Vordenker, ein sehr guter Psychologe, schon zu seiner Zeit ein moderner Trainer. Viele Dinge, die er damals über den Fußball gesagt hat, gelten noch heute. Er ist für den deutschen Fußball und die deutsche Geschichte unglaublich wichtig gewesen“, sagt Löw einst über Herberger.

„Nun waren wir wenigstens im Fußball wieder wer", sagt Herberger

Der 4. Juli 1954, das „Wunder von Bern“, der sensationelle, weil unerwartete WM-Titel mit dem finalen 3:2-Erfolg gegen Ungarn, der legendäre Herbert-Zimmermann-Kommentar („… aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt: Tor! Tor! Tor! Tor! Tor für Deutschland!“) – unvergessen. Die deutschen Außenseiter zeigen es den ungarischen Favoriten – mit Bescheidenheit, Fleiß, Hingabe, Kameradschaft, den Herberger’schen Tugenden. Ein wenig Glück gehört natürlich auch dazu, aber das nur nebenbei.

Die deutschen Fußballer, geformt von einem ehemaligen Reichstrainer, sind plötzlich die besten der Welt. Viele Deutsche finden an diesem Tag vor nunmehr 66 Jahren ihr unter den Ruinen des Krieges begrabenes Selbstbewusstsein wieder. „Ich bin kein Patriot“, sagt Herberger einige Jahre später, „aber seien wir ehrlich: Nun waren wir wenigstens im Fußball wieder wer. Das wirkte über den Sport hinaus.“ Ein Mutmacher für ein ganzes Land.

Die Lebensgeschichte von Josef „Sepp“ Herberger ist von Beginn an die eines Aufsteigers. Geboren 1897 in Mannheim, aufgewachsen in der Arbeitersiedlung Waldhof, Schulabschluss mit 14. Dann: fünf Jahre Hilfsarbeiter auf dem Bau, zwei Jahre Funker im Ersten Weltkrieg, ehe er 1919, mit 22 Jahren, beim SV Waldhof seine vor dem Kriegseinzug begonnene Fußballerlaufbahn fortsetzt.

Herberger tritt in die NSDAP ein, hält aber Abstand zur Nazi-Führung

Später wird er noch Süddeutscher Meister mit dem VfR Mannheim, wechselt zu Tennis Borussia nach Berlin, trägt selbst das Nationaltrikot – und wird anschließend Trainer. Erst in Berlin, dann beim Westdeutschen Verband, schließlich als Unterstützer des damaligen Reichstrainers Otto Nerz, den Herberger nach dessen verpatzten Olympischen Spielen von Berlin 1936 gar als Chef der deutschen Auswahl ablöst. Sepp Herberger an der Spitze der Nationalmannschaft, genau dort, wo er immer hinwollte. Und wofür er sich auch dem Regime nicht verweigert.

Im Mai 1933 tritt Sepp Herberger der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 2 208 548. Abstand aber hält er sehr wohl zur Nazi-Führung. Wenn Herberger vor Länderspielen die Trainingszeit für seine Jungs um eine Woche ausdehnt, dann geht es nicht darum, ihre Kondition aufzupäppeln, sondern sie eher eine Woche länger von der umkämpften Front wegzulotsen. Sepp Herberger, ein Mitläufer mit eigennützige Motiven – denen eines nach sportlichem Erfolg strebenden Fußballtrainers. Er ist ein Mann mit einer speziellen Aura, für seine Spieler ist er gleichermaßen Mahner und Vaterfigur, jähzornig und fürsorglich, humorvoll und ernst. Eines aber treibt ihn stets an: seine Disziplin.

Herberger beschert den Deutschen einen kollektiven Rausch

Einerseits. Andererseits versteift er sich nicht auf seine fußballerischen Vorstellungen, lässt den Spielern ihre nötigen Freiheiten auf dem Rasen. Während Vorgänger Nerz den militärischen Drill zur Maxime auch auf dem Platz ausruft, sollen die Fritz Walters, Max Morlocks und Helmut Rahns dieser Zeit unter Anleitung Herbergers lieber ihre Qualitäten entfalten dürfen. Spielfreude in einem taktischen Korsett. Heutzutage, auch wenn diese Quervergleiche allen Beteiligten natürlich nicht vollends gerecht werden können, wäre er wohl nicht weniger als eine verheißungsvolle Trainerkombination der derzeit besten Männer ihres Fachs: dem großartigen Taktiker Pep Guardiola und dem wortgewaltigen Einpeitscher Jürgen Klopp.

Vier Weltmeisterschaften erlebt Herberger zeit seiner Bundestrainerkarriere, die erfolgreichste, na logisch, ist jene 1954 in der Schweiz. Während des Endspiels im völlig überfüllten Wankdorfstadion steht die Heimat still, die öffentlichen Plätze in Deutschland wirken wie leer gefegt, das Leben spielt sich fast ausschließlich vor den vielen Radio- und wenigen Fernsehgeräten ab. Hauptsache, irgendwie ein Bild erhaschen – und falls nicht, dann wenigstens Ton.

Lesen Sie auch: Auch leise Töne sprengen Grenzen - der Mut der Kernphysikerin Lise Meitner

Als die Mannschaft aus der Schweiz mit dem geschmückten „Roten Blitz“, einem roten Sonderzug, zurückkehrt, säumen Hunderttausende die Bahnhöfe – in Singen, der ersten Stadt auf deutschem Boden, in Konstanz, in München. Ein kollektiver Rausch der Glückseligkeit. Das Selbstwertgefühl steigt, die Deutschen sind wieder wer. Was genau, bleibt freilich den eigenen Interpretationen überlassen, aber auf jeden Fall mehr als nur Fußballweltmeister.

Der jetzige Bundestrainer Joachim Löw, der noch ein Heranwachsender ist, als Herberger Ende April 1977 und damit einen Monat nach seinem 80. Geburtstag an Herzversagen stirbt, bewertete das Schaffen seines Rekordvorgängers vor einiger Zeit wie folgt: „Sepp Herberger hat es damals geschafft, Deutschland am Boden liegend wieder aufzuhelfen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare