Laura Dekker, 2013, auf ihrem Segelboot.
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Laura Dekker, 2013, auf ihrem Segelboot.

#66 Laura Dekker

Wenn du die Welt rufen hörst, setz die Segel und brich auf

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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2010: Nach monatelangem Ringen vor Gericht kann Laura Dekker 2010 zu ihrer Weltumrundung im Segelboot aufbrechen - als damals erst 13-Jährige. Mit der Unterstützung ihres Vaters verwirklicht sie ihren Traum.

Wer einen Traum hat, braucht keine guten Gründe. Und lässt sich auch von der allzu gerne gestellten Frage nach dem „Warum“ nicht verunsichern. Mit der Frage, warum eine 13-Jährige allein mit einem Boot die Welt umsegeln will, wird Laura Dekker seit nunmehr elf Jahren immer wieder konfrontiert.

Sie wurde ihr schon gestellt, noch bevor sie am 21. August 2010 von Gibraltar aus mit ihrem Boot „Guppy“ aufbrechen konnte, um als bisher jüngste Einhand-Seglerin aller Zeiten die Erde zu umrunden. Und sie wird ihr auch heute noch gestellt, wenn sie auf Tagungen oder Workshops von ihrer knapp anderthalbjährigen Reise über die Weltmeere erzählt.

Laura Dekker findet das amüsant. Wohl auch, weil sie sich selbst nie gefragt hat, warum sie als 13-Jährige unbedingt „da raus und die Welt sehen“ wollte, wie sie sagt. „Ich hab das einfach tief in mir, in meinem Herzen gefühlt“, sagt sie. Und da tauchte das Warum eben nur einmal auf, und zwar als sie sich fragt: „Warum eigentlich nicht jetzt?“

Laura Dekker hat ihren Vater an ihrer Seite - und die Gerichte gegen sich

Anders als ihr Vater Dick, der Laura dabei hilft, ihr Boot hochseefest zu machen, sowie einige Enthusiasten, die an die stärkende Kraft des Abenteuers glauben, ist das Personal des zuständigen Jugendamtes in den Niederlanden überhaupt nicht angetan von der Idee des Mädchens. Laura Dekker wollte eigentlich im September 2009 zu ihrer Solo-Weltumseglung starten, aber daraus wird zunächst nichts: Über fast ein Jahr ziehen sich die Anhörungen und Verhandlungen vor Gericht hin. In dieser Zeit springt nicht nur der Sponsor ab, der ihr ein Boot zur Verfügung stellt, zwischenzeitlich schränkt auch das Amt für Kinderschutz das Sorgerecht des Vaters ein.

Alleine unterwegs: Laura Dekker beim Studium ihrer Unterlagen.

Es geht der Behörde darum, Zeit zu gewinnen, damit unabhängige Experten die Reisevorbereitungen prüfen und Psychologen einschätzen können, ob die inzwischen 14-Jährige diesem Solo-Trip auch mental gewachsen ist. Was sie selbst darüber denkt und dass sie im Grunde auf dem Wasser aufgewachsen ist, scheint kaum Gewicht zu haben. „Es war schon merkwürdig, von Menschen, die selbst überhaupt keine Ahnung vom Segeln hatten, ausgefragt zu werden über mein Boot und das Segeln und warum ich das alles machen will“, erzählt Laura Dekker zehn Jahre später in Frankfurt, wo sie im Herbst 2019 einen Vortrag auf der „MeConvention“ hält.

Das damalige Medieninteresse ist jedenfalls enorm, und für ein paar Monate beherrscht das Mädchen mit dem Segeltraum nicht nur in den Niederlanden die Schlagzeilen. Von Hirngespinsten und Verantwortungslosigkeit ist da immer wieder die Rede. Es heißt, selbst ihre Mutter sei gegen die Reise. Und als Laura Dekker im Dezember 2009 als vermisst gemeldet wird und wenige Tage später in der Karibik auftaucht, sieht sich ihr Vater mit dem Vorwurf konfrontiert, die Reisepläne seiner Tochter an geltendem Recht vorbei vorantreiben zu wollen.

Die Freiheit, die Laura Dekker spürt, macht sie wagemutig

Es gibt aber auch Stimmen, die es gutheißen, dass Dick Dekker den Traum seiner Tochter ernst nimmt. Immerhin hatte Laura Dekker bis zu diesem Zeitpunkt mindestens genauso viel Zeit auf dem Wasser wie auf dem Land verbracht, wenn nicht sogar mehr. Sie wurde im September 1995 in Neuseeland geboren – zu dieser Zeit waren ihre Eltern, der passionierte Bootsbauer Dick und die deutsche Straßenkünstlerin Barbara, mit ihrem selbst gebauten Boot auf Weltreise. Auch Lauras jüngere Schwester kam auf dieser Reise zur Welt.

Nach der Trennung der Eltern bleibt Laura beim Vater, die beiden leben in den Niederlanden, dort, wo das Wasser immer nah ist. Schon als Grundschülerin segelt sie in einem kleinen Boot auf dem nahen Fluss auf und ab. Und diese Freiheit, die sie spürt, wenn sie auf dem Wasser ist, macht sie wagemutig. Die Strecken, die sie segelt, werden länger, die Ufer, die sie ansteuert, ferner. Im Alter von zehn Jahren segelt sie auf einem Boot, das sie im Garten des Nachbarn entdeckt und mit ihrem Vater hergerichtet hat, wochenlang durch Holland, immer mit dabei: ihr Hund „Spot“.

Als Zwölfjährige segelt sie nach England rüber. 24 Stunden, die meiste Zeit im dichten Nebel. Da sei sie „wirklich unruhig“ geworden, erinnert sich Laura Dekker, wusste sie doch, dass die Nordsee zwischen Festland-Europa und der britischen Insel im Grunde eine dicht befahrene Autobahn für Schiffe ist. Aber sie kommt an – und darf nicht wieder zurück segeln, weil sie noch zu jung ist. Ihr Vater muss nach England kommen, um seine Tochter auf der Polizeistation abholen. „Er war nicht amused, aber als wir auf dem Weg zu meinem Boot waren, sagte er zu mir: Wenn du hergesegelt bist, dann kannst Du auch wieder zurücksegeln.“

„Zu spüren, wie mächtig und kraftvoll die Natur ist“, das prägt Laura Dekker

Auf all diese Erlebnisse und Erfahrungen kann sie zurückblicken, als sie im Jahr 2010 gemeinsam mit ihrem Vater dafür kämpft, so bald wie möglich den Anker lichten zu können. Ende Juli erklärt das Familiengericht die Vormundschaft beendet, wenige Tage später gibt Laura Dekker bekannt, Anfang August mit ihrem Vater Richtung Portugal lossegeln zu wollen. Die dortigen Behörden spielen nicht mit, also segeln die beiden weiter nach Gibraltar. Von dort aus schließlich beginnt sie am 21. August 2010 ihre Weltumseglung.

Dass sie weiß, worauf sie sich einlässt, zeigt auch die Namenswahl für ihren 11,5 Meter langen Zweimaster: Sie nennt das Boot „Guppy“, auch, wie sie sagt, um sich selbst vor Augen zu halten, „wie winzig der Mensch ist, da draußen auf diesem riesigen Ozean“. Sie steuert zunächst die Kanaren und Kap Verde an, von wo aus sie im Dezember ihre Atlantiküberquerung startet. Ihre nächsten Stationen sind die Karibik, die Galapagosinseln, im Sommer 2011 hat sie die Fidschi-Inseln erreicht. Im australischen Darwin macht sie vier Wochen Station, bevor sie aufbricht, den Indischen Ozean Richtung Afrika zu überqueren.

„Zu spüren, wie mächtig und kraftvoll die Natur ist in ihrer schieren Weite“ – das ist für Laura Dekker bis heute eine unglaubliche, vielleicht sogar ihre prägendste Erfahrung. Für die Überquerung des Indischen Ozeans braucht sie 48 Tage. 48 Tage nur Himmel, Wasser, Wind. Kurs halten. Kurz schlafen. An ruhigen Tagen eins sein mit dem Boot und dem Meer; und wenn Sturm aufkommt, die Guppy von Gischt umtost von Wellenkamm zu Wellenkamm jagd, zurrt sie die Sicherungsleine fester, umklammert das Ruder noch entschiedener und brüllt die Wellen an.

„Wenn etwas nicht in Ordnung ist, kümmer dich darum“

Wenn Laura Dekker heute davon erzählt, muss sie lachen. Eine 15-Jährige, die den Indischen Ozean anbrüllt! Die sich allmählich an die erstaunten Blicke der Erwachsenen gewöhnt, wenn sie irgendwo im Hafen einläuft, um die Tanks zu füllen und ihre Vorräte aufzustocken. Die immer wieder erkannt und fast immer dafür bewundert wird, wie unbeirrt sie ihren Traum verfolgt. Zweifel? Die kamen auch schonmal auf, sagt Laura Dekker, aber die fallen angesichts der vielen guten Erfahrungen, die sie macht, nicht ins Gewicht. Im Gegenteil: Laura Dekker ist sicher, auf ihrer Reise wesentliche Dinge über das Leben gelernt zu haben. Dass wir die kleinen Dinge des Alltags, das warme Wasser, das aus der Dusche kommt, schätzen sollten. Und dass wir eben auch unseren Anteil daran haben, wenn etwas gelingt. Oder eben nicht: „Wenn etwas nicht in Ordnung ist, kümmer dich darum. Am besten gleich. Denn alles zieht Kreise.“ Sie meint damit: Wenn ein Segel einen kleinen Riss hat, dann flicke ihn gleich, sonst reißt es dir die erste harte Böe überm Indischen Ozean in Stücke. Auch so ein Moment, in dem sie „wirklich unruhig“ wurde. Und fortan jedes kleine Leck, jeden kleinen Riss sofort ausbesserte.

Angesichts all dieser Erfahrungen, von denen sie auch in ihrem Buch „Ein Mädchen, ein Traum“ berichtet, ist es auch nicht so tragisch, dass ihr Rekord nie offiziell anerkannt wurde, weil sowohl das Guinness-Komitee als auch das World Sailing Speed Record Council nach der Kontroverse um den Fall Dekker den Titel nicht mehr vergeben wollten, Auch hat sie nie durchgerechnet, was ihre Weltumseglung gekostet hat. Aber im Grunde, sagt sie, ist sie froh, dass sie den Trip, der am 21. Januar 2012 auf der Karibikinsel St. Maarten endete, ohne große Sponsoren realisieren konnte. „Ich hatte das Gefühl, dass dieser Traum dann nicht mehr mein Traum gewesen wäre.“

Inzwischen ist Laura Dekker verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes. Und hat sich in diesem Jahr mit ihrem Mann den nächsten Traum erfüllt: Sie haben eine Hochseejacht gekauft, auf der sie schon bald Richtung Karibik aufbrechen wollen. Mit an Bord sind dann bis zu acht Jugendliche, die auch mal raus wollen, in die Welt, so wie sie damals. „Aber es geht nicht nur darum, dass sie Segeln lernen“, sagt Laura Dekker, „es geht darum, etwas über das Leben zu lernen.“ Sie bleibt also mit beiden Füßen auf den Planken. Und lebt weiter ihren Traum. Dass das neue Schiff auch „Guppy“ heißt, ist da nur konsequent.

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