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„Dieser Moment, so viel größer als ich“: die ausgezeichnete Halle Berry.

# 58 Halle Berry

Wage den Gang ins Scheinwerferlicht

  • Tanja Kokoska
    vonTanja Kokoska
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2002: Halle Berry ist die erste afroamerikanische Schauspielerin, die den Oscar als beste Hauptdarstellerin bekommt.

Die Leinwand zeigt die fünf nominierten Frauen in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“. Vier sind weiß. Judi Dench, Renée Zellweger, Sissy Spacek, Nicole Kidman. Eine ist Schwarz. Vier bemühen sich um eine entspannte Mimik, um einen Blick, der sagt: Ich sehe dem Ergebnis gelassen entgegen. Eine wirkt tatsächlich vollkommen locker. Weil sie offenbar davon ausgeht, dass sie ohnehin nicht gewinnt. Eine wie sie hat noch nie gewonnen, nicht in der bis dato 73-jährigen Geschichte der Oscars. Nicht in dieser Kategorie.

Halle Berry ist nominiert für ihre Rolle in „Monster’s Ball“ – einer Geschichte über die Todesstrafe, über Rassismus, über ein Leben voller Hass und unüberwindbarer Verdammnis zur Einsamkeit. Nichts ist zu sehen von der Schönheit ihrer Erscheinung. Sie spielt mit dem Mut zum Hässlichen, mit dem Bewusstsein für Abgründe, seelische und körperliche.

Als Schauspieler Russell Crowe auf der Bühne den Umschlag öffnet und ihren Namen vorliest, erstarrt Halle Berry in einer Mischung aus Unglaube und Schrecken. Ja, so wirkt sie. Erschrocken. Erschüttert. Überfordert. Da ist noch keine Freude. „Oh my God“, sie wiederholt es immer und immer wieder. „Oh my God.“ Erst ist es noch Schmerz, der ihr Gesicht verzerrt. Kaum gelingt es ihr, sich aufzurichten, sich zu zeigen.

Wie viel Mut sie wohl braucht, um dann diese sieben Stufen hinaufzugehen, auf die Bühne? In dem Wissen, dass die Welt auf sie schaut – auf die erste Afroamerikanerin, die den Oscar „in a leading role“ bekommt. Diese „leading role“, diese Führungsrolle, kann ihr niemand mehr nehmen. Es wird den Schmerz nicht lindern. Aber das weiß sie noch nicht.

„This moment, so much bigger than me.“ Ihr erster Satz. „Dieser Moment, so viel größer als ich.“ Die ungebrochene weiße Dominanz, so hofft sie – nein, so glaubt sie – ist an diesem Abend beendet. Sie spricht unter Tränen, mit zitternder Stimme. Und bald auch mit ungezügelter Freude. Sie richtet sich an die „namenlosen, gesichtslosen, nicht-weißen Frauen, die jetzt eine Chance haben, da heute Nacht eine Tür geöffnet wurde“. Lange, viel zu lange mussten sie warten. 38 Jahre nach dem ersten Oscar für einen Schwarzen Hauptdarsteller – Sidney Poitier 1964 – ist dies der Moment der Schwarzen Frauen. Der Moment, der ihnen Mut machen soll. Sich aufzurichten, sich zu zeigen.

18 Jahre später erstickt der Schwarze George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis. Die Bewegung „Black Lives Matter“ organisiert landesweit Massenproteste gegen Rassismus. Die US-amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences lädt wie jedes Jahr neue Mitglieder ein, darunter auch die Schwarze Schauspielerin Cynthia Erivo. Für ihre Hauptrolle in dem Sklaverei-Drama „Harriet – Der Weg in die Freiheit“ ist sie 2020 als einzige nicht-weiße Darstellerin für einen Oscar nominiert. Als sie auf den Namen wartet, der im Umschlag steckt, wirkt sie ähnlich gelassen wie damals Halle Berry. Doch noch etwas ist in ihrem Gesicht zu lesen: Resignation. Auf die Bühne geht eine Weiße; Renée Zellweger, geehrt für ihre Darstellung der Judy Garland.

Halle Berry, jetzt 54 Jahre alt, sagt in einem Interview mit dem Magazin „Variety“, sie habe gedacht, „Cynthia müsse gewinnen“. Und sei wieder enttäuscht worden. 2002 habe sie noch an die Möglichkeit geglaubt, dass sich tatsächlich etwas ändere. „Und dann passierte nichts, und ich musste mir die Frage stellen: ,War das ein wichtiger Moment, oder war es nur ein wichtiger Moment für mich?‘“ Im Rückblick sei es wohl naiv gewesen zu denken, eine Statue könne etwas bewegen. Der Schmerz ist immer noch da.

Und die Oscars sind nach wie vor weiß dominiert. „OscarsSoWhite“ stürmt als Schlagwort durch die sozialen Medien. Die Academy ändert daraufhin ihre Kriterien für die Preisvergabe in der Kategorie „Bester Film“. Von 2024 an müssen Filme mindestens zwei von vier Kriterien erfüllen, um sich zu qualifizieren: Vielfalt vor der Kamera, in der Crew, im Produktionsstudio und in anderen Bereichen der Filmentwicklung. Zum Beispiel muss mindestens eine Haupt- oder eine wichtige Nebenrolle mit einer Schauspielerin oder einem Schauspieler einer ethnischen Minderheit besetzt sein.

Halle Berry ist das Kind einer weißen Mutter und eines Schwarzen Vaters. Er ist „ein wütender Alkoholiker“, er schlägt die Mutter, auch die ältere Schwester. Als Halle vier Jahre alt ist, trennen sich die Eltern. Die Mutter zieht mit den beiden Töchtern in einen vorwiegend von Weißen bewohnten Vorort von Cleveland in Ohio. Dort habe sie täglich Rassismus erfahren, sagt Halle Berry. Sie selbst „wählt Männer“, die gewalttätig sind, „weil ich das so aus meiner Kindheit kannte“. Sie findet den Mut, eine Therapie zu beginnen, sie lernt, sich von Schlägern fernzuhalten. Sie richtet sich auf, sie zeigt sich.

Vielleicht wird in vier Jahren jemand auf der Bühne des Dolby Theatre in Hollywood den Namen einer Schwarzen Schauspielerin vorlesen. Vielleicht auch schon früher. Halle Berry wird dabei zusehen, mit dem Mut der Verzweifelten. Dieser zweite Name, wie auch immer er lautet, wird den Schmerz lindern. Ein bisschen zumindest.

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