Web-Erfinder-Tim-Berners-Lee-am-Cern
+
Tim Berners-Lee, hier Anfang der Neunzigerjahre am Kernforschungszentrum in Genf, setzt sich bis heute für ein freies Netz für alle ein.

#47 Tim Berners-Lee

Vertraue deinen Ideen - auch wenn sie keiner versteht

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
    schließen

1991: Tim Berners-Lee veröffentlicht die Software für das World Wide Web. Inspiriert zu seiner Vision wird er schon als Kind, in Genf realisiert er sie - im Untergrund des Wissenschaftsbetriebs

Als Tim Berners-Lee an seinem ersten Computerprogramm schreibt – einer Art Protoyp des World Wide Web –, nennt er es Enquire. Inspiriert von einem Buch, das er als Kind in seinem Elternhaus entdeckt hatte: „Enquire within upon everything“. Es versprach Informationen zu jeder Frage des Lebens – von der Entfernung von Kleiderflecken bis zur Geldanlage. Für Berners-Lee, so schreibt er es in seinem Buch über die Entstehung des Webs, ein geradezu magisches Versprechen.

Und geradezu magisch sollte auch werden, was Berners-Lee im Laufe seines Lebens erschafft. „Die Vision, die ich für das Web habe, ist, wirklich alles miteinander zu verbinden. Es ist eine Vision, die uns neue Freiheiten verleiht, und die uns erlaubt, uns schneller zu entwickeln als jemals zuvor.“ Sein Ziel: Wissen soll dezentral und flexibel organisiert und für alle jederzeit verfügbar sein. Informationen sollen sich beliebig miteinander verknüpfen lassen, genau so, wie auch das menschliche Gehirn arbeitet. „Die Erfindung des World Wide Web“, so Berners-Lee, „geht auf meine wachsende Erkenntnis zurück, dass eine Kraft darin liegt, Ideen in einer zwanglosen, netzartigen Weise zu ordnen.“

Den Impuls dafür erhält er in seiner Schulzeit. Er wächst als Sohn einer Mathematikerin und eines Mathematikers in der Nähe von London auf. Seine Eltern programmieren in den 1950er-Jahren den legendären „Manchester University Mark I“-Computer. Als Tim Berners-Lee eines Tages aus der Schule kommt, stöbert sein Vater in Büchern über das Gehirn. Er macht sich Gedanken darüber, wie Computer für Menschen intuitiver werden können. „Die Idee ließ mich nicht mehr los, dass Computer sehr viel leistungsfähiger sein könnten, wenn man sie befähigen würde, lose Information zu verbinden.“

Berners-Lee arbeitet in Informatikprojekten, doch keines davon sieht die Entwicklung des Web vor

Es ist diese Überlegung, die ihn auch begleitet, als er mit einem Abschluss in Physik von der Universität Oxford und einigen Jahren Erfahrung als Softwareingenieur 1980 für ein halbes Jahr als Berater ans europäische Kernforschungszentrum Cern in Genf kommt. Eine absolute Eliteeinrichtung der Wissenschaft. Mehrere tausend Forscher und Forscherinnen aus aller Welt versuchen dort, die Geheimnisse der Teilchenphysik zu lüften. Sie kommen in der Regel für ein paar Jahre ans Cern und kehren dann an ihre angestammte Forschungseinrichtung zurück. Die Organisation verändert sich ständig: neue Menschen, neue Ideen, neue Projekte. Wer was weiß und wo was ist, das erfährt man bei Gesprächen in der Cafeteria oder auf dem Flur. Informationen niederzuschreiben, lohnt sich kaum, da sich ohnehin ständig alles verändert. Dadurch geht allerdings auch viel Wissen verloren.

Um sich in der riesigen wissenschaftlichen Organisation einen Überblick zu verschaffen über die Beziehungen zwischen Beschäftigten, Computern und Projekten, beginnt Berners-Lee damit, Enquire zu programmieren. Nur für seinen persönlichen Gebrauch, ohne Auftrag. Der Gedanke: Wenn es nur gelänge, dem Computer beizubringen, alle Informationen auf jedem Computer im Cern zu verknüpfen, entstünde ein gemeinsamer Informationsraum.

Doch bis dahin wird es noch eine ganze Weile dauern. Nach seinem Beraterjob kehrt Berners-Lee erstmal nach England zurück. Doch das Cern lässt ihn nicht mehr los. 1984 bewirbt er sich bei den Kernforschern. Man erinnert sich an seinen ersten Aufenthalt und wie phänomenal schnell er seine Programmieraufgaben erledigt hat. Er wird eingestellt und in Informatikprojekten eingesetzt, aber keines davon sieht die Entwicklung eines World Wide Web vor.

"Vage, aber aufregend", findet sein Chef den Vorschlag fürs Web

Auf eigene Initiative legt er im März 1989 schließlich ein Dokument vor mit dem schlichten Titel „Informationsmanagement: ein Vorschlag“. Darin beschäftigt er sich mit Informationsverlusten in komplexen, sich verändernden Systemen wie dem Cern. Er schlägt vor, ein System aufzubauen, in dem jeder Information eine Adresse zugeordnet ist, so dass verschiedene Informationen flexibel miteinander verlinkt werden können. Und er prognostiziert, dass die Probleme, die das Cern jetzt schon hat, in zehn Jahren die ganze Welt haben wird.

Sein Chef Mike Sendall versieht das Diskussionspapier mit dem legendären Vermerk „Vage, aber aufregend“. Er spürt den visionären Geist von Berners-Lee, erzählt er später, aber er kann sich nicht wirklich vorstellen, worauf die Sache hinausläuft. Den Status eines offiziellen Cern-Projekts erreicht das Vorhaben nie. Sendall hält es für aussichtslos, die Entscheider im Cern davon zu überzeugen. Aber er sorgt dafür, dass die nötige Computertechnik beschafft wird und schlägt ab September 1990 Arbeitszeit für den genialen Programmierer frei. So entsteht das Web gewissermaßen im Untergrund des Wissenschaftsbetriebs.

Noch im selben Jahr vollendet Berners-Lee die Kerntechnologien des Web: das Hypertext Transfer Protocol (http), mit dem Informationen von einem Webserver angefordert werden können. Die Hypertext Markup Language (html), die regelt, wie Informationen dargestellt werden. Und ein Adresssystem, das heute als URL bekannt ist. Er entwickelt auch den ersten Browser und den ersten Server. Im Dezember 1990 läuft das System und die erste Website ist online. Den Server versieht er mit einer Warnung: „Diese Maschine ist ein Server. Nicht abschalten!!“

Die Technologie fürs Web frei zugänglich zu machen, ist der eigentliche Coup von Berners-Lee

Bezieht man sich auf das Konzeptpapier, ist 1989 das Geburtsjahr des Web. Bezieht man sich auf die ersten Software-Versionen, ist es 1990. Allerdings hat damals außer Berners-Lee und einigen wenigen Eingeweihten niemand etwas vom Web. Erst im August 1991 macht der Brite seine WWW-Software global verfügbar. Das Copyright dafür liege zwar beim Cern, aber das „Verbreiten und Nutzen ist normalerweise kein Problem“, schreibt er. Noch im selben Jahr geht der erste Server in den Vereinigten Staaten online. Und von da an wächst das Web.

Die freie Verfügbarkeit der Technologie ist dabei der eigentliche Coup. Berners-Lee meldet kein Patent an, um mit Lizenzen Geld zu verdienen. Er erkennt vielmehr, dass er sein Projekt in die Freiheit entlassen muss, wenn es prosperieren und von vielen Menschen genutzt werden soll. „Hätte mir die Technologie gehört, und hätte sie unter meiner vollen Kontrolle gestanden, hätte es vermutlich nicht funktioniert“, erläutert er später. „Man kann nicht vorschlagen, dass etwas ein universeller Raum sein soll und gleichzeitig die Kontrolle darüber behalten.“ Als gleichwohl Unsicherheit entsteht, ob das Cern nicht doch an der Erfindung verdienen will, sorgt er 1993 dafür, dass die Organisation offiziell zusichert, dass die Web-Technologie frei und kostenlos verfügbar bleiben wird.

Leidenschaft für das Web haben die Cern-Oberen ohnehin nie entwickelt. Im November 1990 scheitert auch der letzte Antrag von Berners-Lee auf finanzielle Unterstützung. Hilfe erhält er von dem Wissenschaftler Robert Cailliau und von Praktikanten. Die Cern-Führung konzentriert sich hingegen voll und ganz auf die Planung und Finanzierung des Teilchenbeschleunigers LHC, mit dem die experimentelle Physik auf ein neues Level gehoben werden soll. So lässt man Berners-Lee denn auch ziehen, als dieser auf der Suche nach mehr Unterstützung für sein Projekt 1994 in die Vereinigten Staaten ans renommierte Massachusetts Institute of Technology (MIT) wechselt, wo er das World Wide Web Consortium (W3C) gründet, in dem Amerikaner und Europäer gemeinsam mit der Web-Community die Weiterentwicklung des Netzes vorantreiben sollen.

Er arbeitet nicht nur an der Technologie fürs Web, sondern auch an einer Philosophie

Das W3C etabliert neben der Technologie auch eine Philosophie des World Wide Web. Dazu zählt die Dezentralisierung; dass es keine zentrale Instanz gibt, die kontrolliert, was veröffentlicht werden kann und was nicht. Es gibt auch keine Möglichkeit, das Netz abzuschalten. Es sorgt für einheitliche Standards, damit alle Computer dieselbe technische Sprache sprechen und so unbegrenzte Kommunikation möglich ist. Diese universellen Standards werden in offenen Prozessen definiert, an denen sich alle beteiligen können. Dasselbe gilt für die Entwicklung der Webtechnologie, die nicht von einigen wenigen geschrieben wird, sondern zu der alle etwas beitragen können, die wollen. Schließlich setzt sich W3C dafür ein, dass alle Daten gleichberechtigt durchs Netz geleitet werden. Diese Philosophie der Offenheit und Beteiligung wirkt inzwischen über das Netz hinaus auf gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft, Kultur oder Politik.

Gleichzeitig sind die Prinzipien im World Wide Web gefährdet. 90 Prozent aller Suchanfragen laufen über Google, was dem Prinzip der Dezentralisierung und Verhinderung von Zensur widerspricht. Facebook hat sich zu einem Netz im Netz entwickelt. Hass bedroht die freie Meinungsäußerung. Desinformation trägt zur Zerrüttung der Gesellschaften und der Demokratie bei. Die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer wird untergraben. Und Staaten versuchen, das Netz – oder Teile davon – unter Kontrolle zu bekommen.

Es sind jene Schattenseiten des Web, mit denen sich Berners-Lee nicht abfinden will. 2018 gründet er eine Initiative für einen Vertrag für das Netz, dem inzwischen zahlreiche Regierungen, Großkonzerne und Nichtregierungsorganisationen beigetreten sind. Sie verpflichten sich, den Missständen entgegenzutreten und die Prinzipien des Web zu stärken. Was damit erreicht werden kann, ist derzeit noch nicht absehbar.

Berners-Lee zeigt sich bescheiden, doch seinen Laudatoren ist kein Superlativ zu groß

Berners-Lee sieht sich weiterhin ganz im Dienst seiner Erfindung. Er selbst bleibt im Hintergrund und tritt fast nur an die Öffentlichkeit, wenn es dem Web dient. Und er legt viel Wert darauf, dass sein Beitrag dazu richtig eingeordnet wird. Von der Glorifizierung seiner Person hält er nichts. „Das Web ging aus vielen Einflüssen auf mich hervor: halbfertige Gedanken, lose Unterhaltungen und Experimente, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten“, so Berners-Lee. „Ich habe sie im Zuge meiner Arbeit und meines Lebens zusammengefügt. Ich habe die Vision artikuliert, die ersten Webprogramme geschrieben, und Akronyme kreiert wie URL, http, HTML, und, natürlich, World Wide Web. Aber viele Menschen, die meisten von ihnen unbekannt, haben bedeutende Zutaten beigesteuert.“

So hat Tim Berners-Lee zum Beispiel weder das Internet geschaffen, mit dem sich Informationen von Computer zu Computer schicken lassen (zum Beispiel auch E-Mails), noch das Hypertext-Prinzip, das besagt, dass man über Links von einer Information zur nächsten springen kann. Aber er hat die beiden Technologien verschmolzen, so dass sich Informationen, die auf unterschiedlichsten Computern liegen, verknüpfen, von überall aus abrufen und visuell darstellen lassen. Und damit hat er das Web, wie wir es heute kennen, erst möglich gemacht.

Lesen Sie auch: Wie dem Außenseiter James Watson einer der größten medizinischen Erfolge gelang

Bei aller Bescheidenheit des Erfinders kommen Beobachter nicht umhin, ihn in den höchsten Tönen zu loben. Das „Time Magazin“ zählt Tim Berners-Lee zu den 100 wichtigsten Personen des 20. Jahrhunderts – und hat eine regelrechte Jubelarie auf ihn verfasst: „Anders als so viele andere Erfindungen, die die Welt verändert haben, ist diese wahrhaftig die Arbeit eines einzigen Mannes… das World Wide Web ist Berners-Lee alleine. Er hat es entworfen. Er hat es auf die Welt losgelassen. Und er hat mehr als irgendjemand anders dafür gekämpft, es offen, im Besitz von allen und gratis zu halten. (…) Es ist schwierig, den Einfluss zu überschätzen, den das von ihm kreierte globale System hat. Es ist fast guttenbergisch.“

Die Queen hat Berners-Lee zum Ritter geschlagen. Er hat den Turing-Award gewonnen, der als Nobel-Preis der Computerwissenschaften gilt. Und am Cern erfährt das Web doch noch die Wertschätzung, die es verdient hat. „Die Geburt des Webs“ wird nun als einer der zentralen Erfolge am Cern präsentiert, gleichberechtigt mit großen wissenschaftlichen Durchbrüchen wie etwa dem Nachweis des Higgs-Boson.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare