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Kim Phuc vor dem Bild, das sie auf traurige Art weltberühmt machte.

#53 Kim Phuc

Vergeben kann das Herz befreien

  • Nina Luttmer
    vonNina Luttmer
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1997: 25 Jahre nach dem Horror eines Napalmangriffs im Vietnamkrieg gründete Kim Phuc eine Stiftung für Kinder, die Opfer von Krieg und Terror sind

Phan Thi Kim Phuc verdankt ihr Leben ihren Füßen, oder vielmehr ihren unversehrten Füßen. Das erzählt sie immer wieder, wenn sie Vorträge hält oder Interviews gibt. Nach den Napalm-Angriffen ihrer eigenen Landsleute, einem „friendly fire“ der Südvietnamesen auf ihr Dorf Trang Bang am 8. Juni 1972 war Kim Phuc schwer verbrannt. Doch ihre Beine und Füße waren nicht betroffen und so konnte die damals Neunjährige immerhin rennen und sich vor den Flammen retten. Direkt in die Arme der Fotografen, die auf der Straße vor dem Dorf standen und auf eindrucksvolle Fotos zu den Kampfhandlungen hofften.

Einer von ihnen, der für die Nachrichtenagentur AP arbeitende Vietnamese Nick Ut, bekam ein „gutes Foto“ – und wenig später dafür den Pulitzerpreis. Er fotografierte die nackte, verzweifelt schreiende Kim Phuc, die ihm gemeinsam mit ihren Brüdern und Cousins entgegenrannte. Es ist eines der berühmtesten Kriegsfotos der Geschichte.

Bereits einen Tag nach der Aufnahme war es auf der Titelseite der „New York Times“ zu sehen, Gegner wie Anhänger des Vietnamkrieges nutzten es für ihre Zwecke – die einen, um die Grausamkeit des Krieges zu verdeutlichen, die anderen, um zu demonstrieren, dass die Südvietnamesen den Krieg alleine nicht gewinnen konnten. Im Präsidentschaftswahlkampf 1972 wurde das Bild gegen Richard Nixon verwendet. Und später von Wissenschaftlern genutzt, um die fragwürdige Rolle der Medien im Vietnamkrieg aufzuarbeiten.

Kim Phuc hasste das ikonische Foto anfangs

Denn das Foto von Kim Phuc, wie es meistens gezeigt wird, ist stark beschnitten. Im Original ist zu sehen, wie ein Fotograf am Bildrand seelenruhig seinen Film in der Kamera wechselt, während die verzweifelten Kinder an ihm vorbeirennen und weitere Fotografen entspannt die Straße herunterschlendern, ohne helfend einzugreifen.

Immerhin: der Fotograf des „Napalm-Mädchens“, wie Kim Phuc oft genannt wird, Nick Ut, war es, der das Mädchen ins Krankenhaus fuhr und ihr so vermutlich das Leben rettete. Ut und Kim Phuc stehen bis heute in Kontakt.

Kim Phuc hasste das ikonische Foto anfangs, wie sie später erzählte. Es habe sie beschämt. Sie habe sich immer wieder gefragt: „Warum hat es mich erwischt?“ Jahrelang habe sie sich für ihr Äußeres, ihre schlimmen Narben an Armen und Rücken, geschämt. Nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus wurde sie in den „Todesraum“ gelegt, weil die Ärzte nicht annahmen, dass sie überleben würde.

Auf die körperlichen Schmerzen folgte der politische Missbrauch

Die Schmerzen seien unerträglich gewesen. Mindestens 17 Operationen musste sie in den vergangenen Jahrzehnten über sich ergehen lassen. Inzwischen habe sie die Schmerzen im Griff, aber wenn das Wetter sich ändere, spüre sie das sofort, so Kim Phuc.

Zu den körperlichen Schmerzen kam der Missbrauch durch das vietnamesische Regime, das das Kind und später die Jugendliche für die eigene Propaganda nutzte. Im Jahr 1982, erzählte Kim Phuc später einmal in einem Interview, habe sie sich umbringen wollen. „Ich wollte nicht mehr leiden, ich wollte keine Schmerzen mehr haben“, sagte sie. Damals entdeckte sie den christlichen Glauben für sich, was ihr in dieser schweren Zeit sehr geholfen habe.

Kim Phuc studierte Medizin in Vietnam, von 1986 an dann Pharmazie auf Kuba, musste das Studium allerdings wegen einer Diabetes-Erkrankung abbrechen. Auf Kuba traf sie auch ihren heutigen Mann, der ebenfalls aus Vietnam stammt. Auf der Rückreise von ihrer Hochzeitsreise nach Moskau nutzten die beiden den Tankstopp ihres Flugzeugs in Neufundland und beantragten politisches Asyl in Kanada, das ihnen gewährt wurde.

„Lernen zu vergeben, war eine große Herausforderung für mich“

Heute lebt Kim Phuc mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Kanada. Sie habe sich mit den Kindern einen für unmöglich gehaltenen Lebenstraum erfüllt, betont sie immer wieder – denn sie habe immer geglaubt, wegen ihrer Narben niemals einen Mann zu finden und niemals eine eigene Familie gründen zu können.

„Zu lernen zu vergeben war eine große Herausforderung für mich “, berichtete sie einmal in einem Interview. „Ich war voller Zorn.“ Aber das Gefühl, letztendlich verzeihen zu können, „hat mein Herz befreit.“ Inzwischen sei ihr Leben sehr glücklich.

Ob sie denn nicht einen unbändigen Hass auf die Amerikaner verspüre – die zwar nicht ihr Dorf angegriffen, aber ja den Vietnamkrieg geführt hatten, fragte sie Frank Elstner einmal in einem Gespräch. „Nein“, sagte Kim Phuc entschieden. „Der Krieg hat dazu geführt, dass jeder zum Opfer wurde. Auch die amerikanischen Soldaten haben sehr gelitten. Die seelischen Schmerzen sind vielleicht noch schlimmer als die körperlichen.“

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Wegen ihres Einsatzes für Aussöhnung und Frieden wurde Kim Phuc 1994 zur ehrenamtlichen Unesco-Botschafterin des guten Willens ernannt. Drei Jahre später, im Jahr 1997, gründete sie in den USA die „Kim Phuc Foundation“, die sich für medizinische und psychologische Hilfe für Kinder einsetzt, die Kriegsopfer wurden. Später wurde daraus die „Kim Phuc Foundation International“.

Die Stiftung unterstützt andere Organisationen, die Kindern helfen, die unter Krieg und Terrorismus leiden. Derzeit ist die Stiftung aber auch daran beteiligt, eine Kinderbibliothek in Kim Phucs Heimatstadt Trang Bang aufzubauen. Im vergangenen Jahr erhielt Kim Phuc in Deutschland den Dresdner Friedenspreis. Sie ist immer noch eine gefragte Interviewpartnerin und Rednerin auf Konferenzen.

Das Foto des nackten kleinen Mädchens sieht sie heute mit anderen Augen. „Mir ist eines Tages bewusst geworden, dass dieses Foto ein ganz großes Geschenk für mich ist. Ich kann es benutzen, ich kann damit arbeiten, um den Menschen zu zeigen, wie schrecklich ein Krieg sein kann. Es kann zeigen: Da hat ein kleines Mädchen Leid erfahren, aber es kann vergeben und weitermachen und anderen helfen.“

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