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Für echte Ideale musst Du etwas aufgeben

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Von: Alicia Lindhoff

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Als Edward Snowden seine Geheimnisse teilt, weiß er, dass er dafür jahrzehntelang ins Gefängnis kommen könnte. Snowden lebt im Exil in Russland. © Glenn Greenwald/Laura Poitras/dpa

Im Jahr 2013 wird Edward Snowden zum Whistleblower. Er enthüllt das umfassendste Überwachungssystem, das die Welt je gesehen hat. Die Konsequenzen für sein eigenes Leben waren dem US-Amerikaner von Anfang an bewusst.

Frankfurt - Edward Snowden sitzt im Schneidersitz auf einem großen Hotelbett, weißes Shirt, Strubbelhaare, zerknautschte Kissen im Rücken. Auf dem Schoß hat er ein Notebook, das ihm der „Guardian“-Journalist Glenn Greenwald herübergereicht hat. „So schnell gibst du dein Passwort ein?“, fragt der ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter Snowden tadelnd. „Wieviele Ziffern hat es – vier?“ Greenwald grinst: „Ach, reicht das nicht?“ Alle kichern. Edward Snowden lehnt sich zurück und tippt entspannt auf der Tastatur herum.

Die Szene stammt aus Laura Poitras Dokumentarfilm „Citizenfour“ – und was wirkt wie ein entspanntes Arbeitsgespräch unter Freunden ist in Wahrheit nicht nur ein höchst konspiratives Treffen, das alle im Raum – allen voran den US-Whistleblower Edward Snowden – in große Schwierigkeiten bringen wird. Es ist auch der Beginn eines der größten Politikskandale der jüngeren Geschichte.

USA: Edward Snowden offenbart Journalisten seine Identität in Hongkong

Einige Monate zuvor hat Edward Snowden die Filmemacherin Poitras und den Reporter Greenwald über verschlüsselte Kommunikationswege kontaktiert. Unter dem Pseudonym „Citizenfour“ berichtet er den beiden, wie er als Angestellter verschiedener Technologie-Firmen daran mitgearbeitet hatte, im Auftrag des US-Auslandsgeheimdienst NSA eine digitale Überwachungsarchitektur in nie dagewesenem Ausmaß zu erschaffen. Mit deren Hilfe, so beteuert er, könne die US-Regierung nicht nur ihre eigenen Bürgerinnen und Bürger nahezu lückenlos im Blick behalten, sondern auch die anderer Staaten, zum Teil sogar Regierungen und Institutionen verbündeter Länder. Alles im Namen des „Kriegs gegen den Terror“ nach den Anschlägen vom 11.September. Und ohne das Wissen der Öffentlichkeit.

Um seine Anschuldigungen zu beweisen und den beiden seine wahre Identität zu offenbaren, wird ein Treffen vereinbart. „Citizenfour“ zitiert Poitras, Greenwald und den „Guardian“-Reporter Ewen MacAskill in ein Hotel in Hongkong. Es folgen sechs Tage, die die Journalisten und der US-Whistleblower fast ausschließlich in Snowdens Hotelzimmer verbringen. Essen bestellen sie beim Zimmerservice, während Edward Snowden versucht, die technischen Grundlagen des globalen Überwachungssystems zu erklären. Er weiß, dass es schwer zu verstehen und noch schwerer zu glauben ist. Er selbst hat mehrere Jahre dafür gebraucht. Und das als ausgewiesener Experte.

Veröffentlichung von Geheimdokumenten: Edward Snowden begeht nach US-Recht schwere Straftat

Edward Snowden hat Millionen Dokumente auf verschiedenen Speichermedien dabei, die seine Behauptungen bestätigen. Viele von ihnen fallen unter die höchste Geheimhaltungsstufe. Dass er sie mit der Presse teilt, ist nach US-Recht eine schwere Straftat, für die Edward Snowden jahrzehntelang ins Gefängnis kommen könnte. Er weiß das. Alle wissen es.

Trotzdem will Snowden in den Enthüllungs-Storys nicht nur als anonymer Tippgeber erscheinen. Er hat eine Entscheidung getroffen: Er wird mit seinem Namen und seinem Gesicht für das einstehen, von dem er überzeugt ist. Am 11. Juni – die ersten Artikel zu den Überwachungspraktiken der NSA, sind da schon erschienen – veröffentlicht der „Guardian“ unter dem Titel „Edward Snowden: der Whistleblower hinter den Enthüllungen zur NSA-Überwachung“ ein Video, in dem er sich der globalen Öffentlichkeit erklärt.

Die Berichterstattung verfehlt ihre Wirkung nicht. Die NSA-Enthüllungen machen weltweit Schlagzeilen, Snowdens Gesicht ist bald auf allen Kanälen zu sehen. Von seinem kleinen Hotelzimmer aus verfolgt er stundenlang die TV-Nachrichten in den USA und dem rest der Welt. Manchmal nickt er, ansonsten bleibt er zumindest äußerlich völlig regungslos.

US-Präsident Donald Trump forderte Hinrichtung von Edward Snowden

Ob er sich Sorgen mache, fragen die Journalisten ihn immer wieder. Jedes Mal beruhigt Edward Snowden sie. „Ich bin okay.“ Und man glaubt es ihm. Tatsächlich kommt nichts von dem was geschieht, für Snowden unerwartet, seit Monaten hat er jeden Schritt geplant, jedes Szenario durchgespielt. Er rechnet damals damit, im besten Fall Asyl in Island zu bekommen, dessen Regierung er politisch auf seiner Seite wähnt. Doch auch den schlimmsten Fall hat er immer vor Augen: Dass er auf der Flucht von US-Agenten gekidnappt wird und ins berüchtigte Militärgefängnis Guantanamo kommt. Einmal sagt er: „Ich weiß, wie das für mich enden wird – und ich akzeptiere dieses Risiko.“ Dass später Donald Trump seine Hinrichtung fordern wird, weiß Snowden noch nicht. Der US-Präsident überlegte zuletzt öffentlich den US-Whistleblower Edward Snowden zu begnadigen.

Zu diesem Zeitpunkt scheint ihm nur eines wirklich zu schaffen zu machen: Die Situation seiner Familie. Er befürchtet, dass sie in den Fokus der Ermittler gerät. Seine langjährige Freundin Lindsay Mills konnte er in seine Pläne nicht einweihen. Ihr hatte er eine Dienstreise vorgegaukelt – nur um dann ohne ein Wort nach Hongkong zu verschwinden. Und das Schlimmste: Er weiß nicht, wann er sie alle wiedersehen wird. Und ob er jemals in die USA zurückkehren kann.

Warum hat US-Whistleblower Edward Snowden sein Leben für die NSA-Enthüllungen aufgegeben?

Letzteres ist für Snowden keine Kleinigkeit. Wer seine Autobiografie liest, merkt, dass Edward Snowden das ist, was man vielleicht einen kritischen Patrioten nennen könnte. In seiner Familie ist man stolz darauf, von den sogenannten „Pilgervätern“ abzustammen. Viele von Snowdens Verwandten arbeiten für US-Regierungsbehörden. Und nach den Anschlägen vom 11. September meldete er sich freiwillig für das Militär.

Als Privatmensch steht für Edward Snowden zu diesem Zeitpunkt also alles auf dem Spiel. Warum ist er bereit, sein Leben in den USA aufzugeben für den Kampf gegen eine Bedrohung, die die meisten Menschen in ihrem eigenen Leben nur diffus wahrnehmen? Und für die bis heute viele nicht mehr als ein Schulterzucken übrig haben, überzeugt davon, dass sie „ja nichts zu verbergen“ haben.

Um das zu verstehen, muss man vielleicht wissen, dass es für Edward Snowden eine Sache gibt, die ihm mindestens genauso wichtig ist wie sein Heimatland: das Internet. Oder besser gesagt: das Internet, wie es einmal war. In seiner Autobiografie beschreibt Snowden, wie er schon mit sechs Jahren fasziniert war von einem klobigen Commodore 64, den sein Vater eines Tages mit nach Hause brachte. Wenn er nicht gerade in der Schule war, verbrachte Edward Snowden seine Kindheit und Jugend von da an größtenteils am Rechner. Als 1991 das World Wide Web global verfügbar wurde, war er gerade einmal acht Jahre alt – und baute sich in diesem Roh-Internet, das für Außenstehende nach einem chaotischen Mischmasch aus pixeligen Designs und schrägen Gifs aussah, über die folgenden Jahre ein ganz eigenes Leben auf.

Traum vom freien Internet: Edward Snowden ist ein Idealist

Edward Snowden nahm in Online-Rollenspielen die unterschiedlichsten Identitäten an, diskutierte in Foren über die Abschaffung der Todesstrafe, und ließ sich von einem Profi-Informatiker am anderen Ende der USA beim Bau seines eigenen Computers helfen. Im Internet interessierte es niemanden, dass er ein blasses Kind mit mittelmäßigen Noten war. Man nahm ihn ernst, einfach, weil er zur Online-Community gehörte.

BehördeNational Security Agency (NSA)
HauptsitzMaryland, USA
Gründung4. November 1952
GründerHarry S. Truman

In seiner Autobiografie schwärmt er von diesem Aufwachsen im Web 1.0: „Für einen kurzen, wunderschönen Zeitraum […] wurde das Internet vorwiegend von Menschen für Menschen gemacht.“ Noch kontrollierten es weder Tech-Konzerne noch staatliche Behörden. Edward Snowden nennt es „die angenehmste und erfolgreichste Anarchie, die ich jemals erlebt habe.“

Das ist die Welt, in der Snowden zu einem Erwachsenen heranwächst. Und in der er zum Idealisten wird. Sein Ideal ist eine Welt, in der alle Menschen sich frei und ohne Angst im Internet bewegen, sich politisch ausdrücken und sich zu jedem beliebigen Thema informieren können. „Ich gehe lieber ins Gefängnis als zu akzeptieren, dass meine intellektuelle Freiheit eingeschränkt wird“, sagt er in Poitras‘ Film.

Überwachungssystem der US-Geheimdienste: Edward Snowden deckt verfassungswidrige Taktiken auf

Umso größer ist sein Schock, als er 2012 später in einem NSA-Stützpunkt auf Hawaii das erste Mal vor einem Rechner sitzt, der Zugang zu XKEYSCORE hat, dem damals mächtigsten Tool des US-Geheimdienstes. Er kann einfach die Adresse, Telefonnummer oder IP-Adresse jedes einzelnen Menschen auf der Welt eingeben – und bekommt vollen Zugriff auf dessen Online-Aktivitäten. Er kann Emails lesen, Suchchroniken, Postings in sozialen Netzwerken, „einfach alles“. Er kann sich sogar benachrichtigen lassen, wenn die Person wieder online aktiv wird.

Es ist ein Schock, obwohl Edward Snowden spätestens seit 2009 den Verdacht hatte, dass die globale Überwachung der NSA deutlich weiter geht als offiziell bekannt und verfassungsrechtlich erlaubt ist. Über Jahre forschte er so unauffällig wie möglich nach, las jedes Dokument, das er in die Finger bekam und bewarb sich strategisch auf Jobs innerhalb der „Intelligence Community“, die ihn näher an die Wahrheit heranbrachten. Doch lange Zeit fehlten ihm die Beweise. Wie viele andere Tech-Dienstleister im Auftrag der US-Geheimdienste hatte er zwar Zugang zu Top-Secret-Informationen und wirkte an verschiedenen Stellen am Ausbau der digitalen Überwachungsarchitektur mit. Aber er überblickte immer nur einen kleinen, abgegrenzten Bereich. Das große Ganze blieb ihm lange verborgen.

Sieben Jahre nach Enthüllung von Edward Snowden: US-Gericht erklärt Telefonüberwachung für illegal

Doch als es da jetzt so ungeschönt vor ihm liegt, weiß Edward Snowden, dass er keine Wahl mehr hat. Was für einige seiner Kollegen ein spaßiges Werkzeug ist, mit dem sie gerne auch mal ihre aktuellen Affären ausspionieren, ist für ihn der blanke Horror. Die „größte Waffe zur Unterdrückung in der Geschichte der Menschheit“, wird er die globale Überwachungsarchitektur der NSA später in Hongkong nennen. Er, der lange davon überzeugt war, zu den „Guten“ zu gehören, fühlt sich verraten und schuldig. Während seit Monaten im Nahen Osten junge Menschen für Freiheit auf die Straße gehen und das Internet nutzen, um die staatliche Zensur zu umgehen, ist es seine Regierung, ist es er selbst, der dabei hilft, diese Freiheit zu zerstören.

Es wird ganze sieben Jahre dauern, bis ein Gericht in den USA erstmals Teile von Edward Snowdens Enthüllungen als gerechtfertigt anerkennt. Anfang September 2020 erklärt ein Bundesgericht die anlasslose Telefonüberwachung von Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern für illegal – und die Geheimdienst-Chefs, die das Ausspähen der eigenen Bevölkerung lange geleugnet hatten, zu Lügnern.

In den USA verurteilt und im Exil - Edward Snowden bereut Entscheidung nicht

Persönlich hilft Edward Snowden das Urteil nicht. Genauso wie Chelsea Manning und Julian Assange ist der Whistleblower unter dem sogenannten „Espionage Act“ verurteilt worden, einem Gesetz, das im ersten Weltkrieg erlassen wurde und auf Spione abzielte, die zum eigenen Vorteil mit feindlichen Staaten zusammenarbeiteten. Es ist in der Geschichte der USA nur in wenigen Einzelfällen zum Einsatz gekommen und verhindert faktisch, dass die Beschuldigten ihren Fall vor einem öffentlichen Gericht verteidigen.

So lebt Edward Snowden bis heute im Moskauer Exil.  Mit scharfer Zunge teilt der US-Whistleblower von dort gegen Donald Trump und Russlands Präsident Wladimir Putin aus. Seine Freundin Lindsay Mills ist ihm inzwischen nach Russland gefolgt, 2017 haben die beiden geheiratet. Snowden hält weiter Kontakt zu Datenschützern und Bürgerrechtlerinnen aus aller Welt.  Als ihn der „Guardian“-Reporter Ewen MacAskill, der auch in Hongkong dabei war, 2018 in einem Interview fragt, ob er seine Entscheidung manchmal bereue, verneint er das vehement: „Die Menschen sind immer noch machtlos, aber wenigstens wissen sie jetzt Bescheid.“ (Alicia Lindhoff)

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