Michelle und Barack Obama.
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Ehepaar Obama auf dem Weg zur Amtseinführung – es folgen acht mutige Jahre.

Sei so dreist, Hoffnung zu haben

Barack Obama greift wieder in die Politik ein – gegen Donald Trump

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
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2009: Als erster Schwarzer US-Präsident verheißt Barack Obama den USA eine bessere gerechtere Zukunft.

  • Barack Obama betrat zu einem Zeitpunkt die Bühne, zu dem die USA noch Gräben überwinden wollten.
  • Seine Wahl im Jahr 2008 zum ersten Schwarzen Präsidenten erzeugte eine Aufbruchstimmung in den USA.
  • Heute kann das Amerika Donald Trumps mutlos machen. Doch Obama ist noch immer da.

Ende Juli des Jahres 2004 trat ein junger Senator aus Illinois in der Basketballarena von Boston vor die versammelte demokratische Partei der USA, um die bis dahin wichtigste Rede seiner noch jungen politischen Karriere zu halten. Er war etwas nervös und sprach anfangs etwas zu hastig, so, als sei er sich noch unsicher, ob er überhaupt auf diese Bühne gehöre.

Doch in den folgenden 20 Minuten redete sich Barack Obama immer mehr in Form. Von Absatz zu Absatz, von Applaus zu Applaus, gewann er die Sicherheit, dass das, was er der Partei und per Fernsehen dem ganzen Land zu sagen hatte, nicht anmaßend ist; dass er als praktisch unbekannter Politiker keine Grenzen überschreitet, indem er mit Leidenschaft seine Vision der Nation darlegt, der er als Volksvertreter zu dienen gedachte.

US-Präsident Barack Obama: Mut zur Hoffnung

Es war ein überaus beherzter Auftritt, und er begründete eine der großen politischen Karrieren der vergangenen Jahrzehnte. Barack Obama wurde vier Jahre später der beliebteste und geachtetste Präsident, den die USA seit John F. Kennedy hervorbrachten.

Obama verarbeitete die Themen der berühmt gewordenen Rede kurze Zeit später zu einem Buch. Das Werk, das auch als sein politisches Programm diente, trug den Titel „The Audacity of Hope“ – der Mut zur Hoffnung. Der Titel war ein Kernsatz seiner Rede. „Ich spreche nicht von blindem Optimismus“, sagte Obama. „Ich spreche von etwas Profunderem. Von Hoffnung im Angesicht von Widerständen. Hoffnung im Angesicht von Unsicherheit. Dem Mut zur Hoffnung.“

Hope in den USA: Barack Obamas Botschaft an ein gespaltenes Land

Die Botschaft kam an in Amerika, das damals schon zerklüftet war. George W. Bush war im Jahr zuvor im Irak einmarschiert und hatte einen Krieg angezettelt, der sich rasch als endlos abzeichnete. Das Land spaltete sich in eine militaristisch-nationalistische Fraktion, die sich als fruchtbarer Nährboden für Fremdenfeindlichkeit herausstellte, und in eine Fraktion, die sich um die Freiheiten und die Offenheit einer pluralistischen Gesellschaft sorgte.

Im Vergleich zu heute waren das aber noch harmonische Zeiten. Auch wenn der Wahlkampf zwischen Bush und John Kerry mit harten Bandagen geführt wurde, konnten die beiden sich noch ins Gesicht sehen. Republikaner und Demokraten im Kongress konnten sich noch auf Gesetzentwürfe einigen und Kompromisse finden. Selbst Bush war der Meinung, dass man US-Bürger muslimischen Glaubens nicht kollektiv für den 11. September verantwortlich machen darf, und er erneuerte aus Überzeugung das Wahlrechtsgesetz aus den 60er-Jahren, das vor allem Afroamerikanern die volle Partizipation an der Demokratie garantieren sollte.

So betrat Obama zu einem Zeitpunkt die Bühne, zu dem die USA noch Gräben überwinden wollten. Die Hoffnung, die zu wagen er seine Landsleute aufrief, war die, dass man sich auf Gemeinsamkeiten besinnen und Differenzen überwinden kann. Er glaubte daran, das sagte er schon 2004, dass es „der Genius von Amerika“ sei, dass es sich verändern kann, dass es Fortschritte machen kann.

USA: Barack Obama als erster Schwarzer Präsident

Seine Wahl im Jahr 2008 schien diese Botschaft zu bestätigen. Als erster Schwarzer Präsident des Landes war er der lebende Beweis dafür, dass die USA nicht auf ewige Zeiten in ihrer dunklen Vergangenheit gefangen bleiben müssen. Sie schien zu bestätigen, dass – wie Obama in einer berühmt gewordenen Rede zum Rassismus in den USA sagte – Weiße erkennen können, dass der alltägliche Rassismus real ist, und dass Schwarze daran glauben können, dass Weiße ihren Rassismus, wie tief er auch sitzen mag, überwinden können.

Obamas Präsidentschaft ließ sich so hoffnungsvoll und mutig an, wie der Wahlkampf verlaufen war. Der Kongress verabschiedete das von ihm eingebrachte Stimuluspaket, das das Land aus der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 30er-Jahren rettete. Und Obama brachte eine umfassende Gesundheitsreform durch die Parlamentskammern – ein Unternehmen, an dem demokratische Politiker seit Jahrzehnten gescheitert waren.

USA: Tea-Party-Bewegung entsteht

Gleichzeitig formierte sich am rechten Rand der politischen Landschaft erbitterter Widerstand. Irgendwann im Jahr 2009 tauchten Gruppierungen auf, die sich in Anlehnung an den Widerstand der Kolonien gegen die britische Krone „Tea Party“ nannten und sich als eine Art Guerilla gegen den Übergriff des Staates und überhöhte Steuern begriffen. Und je näher die Zwischenwahlen des Jahres 2010 rückten, desto mehr wuchsen diese Gruppen zu einer Bewegung.

Die Demokraten verloren in der Zwischenwahl das Repräsentantenhaus an die Republikaner, unter denen viele enge Bindungen an die Tea Party Bewegung unterhielten. Die Partei und die Kongressfraktion rückten dramatisch nach rechts und waren fortan darauf fixiert, jegliche Initiative, die aus dem Weißen Haus kam, zu obstruieren.

Barack Obama gab den Mut zur Hoffnung nie auf

Der Rest von Obamas Präsidentschaft verlief deshalb beinahe tragisch. Obama gab nie den Mut zur Hoffnung auf. Er glaubte unermüdlich daran, dass man miteinander reden kann. Er verbog sich in dem Versuch, Kompromisse zu finden, oft bis zur Selbstverleugnung. Und trotzdem rannte er immer wieder gegen Mauern.

So fuhr er etwa bei der Deportation illegaler Einwanderer eine harte Linie, in der Hoffnung, die Republikaner im Kongress zu beschwichtigen und so ein umfassendes neues Einwanderungsgesetz verabschieden zu können. Doch es nützte ihm nichts, die Xenophoben blieben stur.

Obama wurde zwar wiedergewählt, nicht zuletzt dank der Schwarzen Wählerschaft, die sich von Obama mobilisieren ließ wie nie zuvor. Doch am Ende musste er das Weiße Haus einem Mann überlassen, der das Gegenteil von ihm verkörpert. Mit einer einzigartigen Besessenheit versucht Trump, das Werk Obamas zu zerstören- Kompromiss und Dialog sind ihm fremd. Der Mut zur Hoffnung, dass Amerika zusammenfinden kann, geht ihm völlig ab. Schlimmer noch, es interessiert ihn nicht.

Obama in Donald Trumps Amerika

Vier Jahre später kann das Amerika Donald Trumps bisweilen mutlos machen. Doch Obama ist noch immer da. Mit der moralischen Gravitas des Elder Statesman redet er in den vergangenen Wochen, nachdem er sich beinahe drei Jahre lang rar gemacht hat, wieder gegen Zynismus und Resignation an.

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Bei seiner Rede während des demokratischen Parteikonvents, 16 Jahre nach seinem ersten Auftritt in diesem Rahmen, erneuerte er seine Botschaft, „dass dieses manchmal chaotische und frustrierende System noch immer dazu genutzt werden kann, die höheren Überzeugungen seiner Bürger zu verwirklichen.“

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Das war derselbe Mut zur Hoffnung, der ihn schon 2004 beseelte und den er den Mut nannte, „den Sklaven am Lagerfeuer hatten, wenn sie Befreiungslieder sangen, und Auswanderer, als sie mit ihrem Hab und Gut in See gestochen sind.“ Es ist ein Mut, den Amerika im Moment dringend braucht.

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