„Vater der Nation“: Mahatma Gandhi
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„Vater der Nation“: Mahatma Gandhi

#03 Mahatma Gandhi

Überzeugungen sind stärker als Gewalt

  • vonAgnes Tandler
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Mahatma Gandhis Traum geht in Erfüllung: Indien wird 1947 unabhängig. Seine Lehre vom friedlichen Widerstand wirkt bis heute.

Als ich in der 3. Klasse war, hat mich Gandhis Philosophie tief beeindruckt. Ich bin so glücklich, dass wir den gleichen Namen haben“, erzählt Mohan Mohapatra. Der 25-jährige Student aus dem indischen Bhubaneshwar verteilt Gesichtsmasken und Hand-Desinfektionsmittel in den Slums seiner Heimatstadt im Osten des Subkontinents. Mit silbrig angemaltem Gesicht, einer runden Brille, weißem Dhoti und Umhang führt der Student seinen eigenen Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie.

„Ich versuche in den ländlicheren Gebieten am Stadtrand die Leute über die tödlichen Virus-Infektionen aufzuklären, und wie sie sich davor schützen können“, sagt Mohan der „Times of India“. Der „silberne Gandhi“, wie Mohan auch genannt wird, kleidet sich seit einigen Jahren wie sein Vorbild, Mahatma Gandhi, Indiens berühmtester Unabhängigkeitskämpfer und Begründer des gewaltfreien Widerstandes. „Die Leute sind eher bereit, mir zuzuhören, wenn sie mich in meinen Gandhi-Kleidern sehen“, meint Mohan.

„Sei die Veränderung, die du sehen willst“, steht auf dem Sockel der Gandhi-Statue am Rajghat in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, der Gedenkstätte für Mahatma Gandhi. Über dem berühmten Zitat erhebt sich in Bronze gegossen ein Denkmal für Indiens „Vater der Nation“. Auch über 150 Jahre nach seiner Geburt ist Gandhi ein großes Vorbild – nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt.

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Im Juni publizierte die renommierte medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ einen Aufsatz darüber, was Gandhi in der Corona-Pandemie tun würde. Der Autor, Abhay Bang, ein bekannter indischer Kinderarzt und Sozialaktivist, schloss mit den Worten: „Wir sollten nicht auf Gandhi warten. Wir sollten das tun, was er getan hätte.“ Für Bang ist das klar: nicht predigen, sondern selbst ein Vorbild sein. in der Nachbarschaft anfangen, mit kleinen Schritten beginnen, um große Veränderungen zu erreichen, Empathie für die Armen und Schwachen zeigen, Kranke pflegen und andere gandhische Ideale einhalten.

Mohandas Karamchand Gandhi wird 1869 im indischen Gujarat geboren, das damals noch zur britischen Krone gehört. Nach seinem Jura-Studium in London begibt sich der junge Gandhi nach Südafrika, wo er 21 Jahre als politischer Aktivist und Rechtsanwalt arbeitet. Er tritt für die Rechte der indischen und chinesischen Bevölkerung ein und erprobt sein Konzept des gewaltfreien Widerstandes, das unter dem Begriff Satyagraha (deutsch: Hinwendung zur Wahrheit) bekannt wird.

Als Gandhi im Januar 1915 aus Südafrika nach Indien zurückkehrt, ist er in Indien eine kaum bekannte Figur. Doch die Redekunst, Mediengewandtheit und Selbstdarstellung, die sich Gandhi bei seinen Kampagnen in Südafrika angeeignet hat, kommen ihm nun entgegen, etwa bei seiner ersten Protest-Kampagne gegen die Ausbeutung von Indigo-Bauern durch die britische Kolonialmacht 1917.

Gandhi legt damals auch den Grundstein für weitere Aktionen in Indien, etwa den berühmten Salz-Marsch gegen die britischen Herrscher 1930. Mit gewaltlosem Widerstand, Streiks, Gebeten und Fasten macht er eine neue politische Form der Agitation populär, die schließlich die Kolonialmacht in die Knie zwingt. 1947 wird Indien unabhängig. „Erst ignorieren sie dich, dann lachen sie dich aus, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du“, so fasst Gandhi seinen Ansatz einmal zusammen.

Schon zu Lebzeiten beeindruckt Gandhi mit seinem Wirken Menschen auf der ganzen Welt. Der Physiker und Entdecker der Relativitätstheorie, Albert Einstein, der mit Gandhi im Briefwechsel steht, nennt den Inder „ein Rollen-Vorbild für künftige Generationen.“

Der US-Bürgerrechtler und Nobelpreisträger Martin Luther King ist von Gandhis Wirken so beeindruckt, dass er 1959 nach Indien reist, um Gandhis Familie zu treffen. „Christus gab uns die Ziele, und Mahatma Gandhi die Taktik“, sagt King.

Auch der Anti-Apartheid-Kämpfer und spätere Präsident von Südafrika, Nelson Mandela, zitiert Gandhi als sein Vorbild: „Sowohl Gandhi als auch ich haben koloniale Unterdrückung ertragen müssen und wir beide haben unsere Leute gegen Regierungen, die unsere Freiheiten verletzten, mobilisiert“, schreibt Mandela über Gandhi. Obwohl sich die Wege von Mandela und Gandhi nie kreuzten, saßen beide in Johannesburgs berüchtigtem Old-Fort-Gefängnis in Haft: Gandhi 1908, Mandela 1962. Mandela verbrachte insgesamt 27 Jahre im Gefängnis, Gandhi gut sechs Jahre.

Als der Dalai Lama 1956 erstmals die indische Hauptstadt Neu-Delhi besucht, ist sein erstes Ziel der Rajghat, die Verbrennungsstätte von Gandhi. „Als ich dort stand, habe ich überlegt, was für einen weisen Ratschlag der Mahatma mir gegeben hätte, wenn er noch am Leben wäre. Ich bin sicher, er hätte mit all seiner Willensstärke und seiner Persönlichkeit den friedlichen Kampf für die Freiheit der Menschen von Tibet unterstützt“, schreibt der Religionsführer in seinen Memoiren.

Auch der frühere amerikanische Präsident Barack Obama zitiert Gandhi als einen bestimmenden Einfluss auf sein Leben. „Mir ist bewusst, dass ich ohne Gandhi und seine Botschaft für Amerika und die Welt heute hier als Präsident der Vereinigten Staaten vielleicht nicht stehen würde“, sagt der erste afroamerikanische US-Präsident 2010 in seiner Rede vor dem indischen Parlament in Neu-Delhi.

Kurz bevor Gandhi im Januar 1948 von dem Hindunationalisten Nathuram Godse kaltblütig ermordet wird, hat die Ikone des gewaltfreien Widerstandes gerade einen neuen Hungerstreik begonnen. Schockiert von der religiösen Gewalt zwischen Muslimen und Hindus nach der Teilung von Indien und Pakistan hat der Mahatma beschlossen, dass er erst wieder essen wird, „wenn ich davon überzeugt bin, dass die Herzen aller Gemeinschaften vereint sind“.

Auch wenn Gandhis Wunsch unerfüllt ist, haben seine Lehren weiterhin enormen Einfluss. „Die Kraft eines einzigen Satzes: ,Sei die Veränderung, die du sehen willst‘, hat mich mein ganzes Leben lang inspiriert,“ sagt Abhay Bang, der sein Leben dem Kampf gegen die Kinder- und Säuglingssterblichkeit widmet.

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