#63 Ahmet Altan

Die Freiheit verteidigen gegen Tyrannei

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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2007 gründet Ahmet Altan die Zeitung „Taraf“. Nicht nur damit macht er sich den türkischen Präsidenten Erdogan zum Feind. Er bezahlt mit jahrelanger Haft.

  • Ahmet Altan ist Gründer der Zeitung „Taraf“, die Präsident Erdogan offen kritisierte.
  • Nach dem Putsch gegen Recep Tayyip Erdogan 2016 wird die Zeitung geschlossen.
  • Ahmet Altan sitzt seit 2016 in der Türkei mit einer kurzen Unterbrechung in Haft.

Türkei - Ahmet Altan wusste, welches Risiko er mit der Gründung der liberalen Zeitung „Taraf“ im Jahr 2007 in Istanbul einging. „Man muss verrückt sein, um so etwas zu machen“, sagte Altan, als er zwei Jahre später den Leipziger Medienpreis erhielt. „Taraf“ – das bedeutet etwa so viel wie „Standpunkt“ oder „Haltung“. Kaum etwas passt besser zu dem heute 70-jährigen Ahmet Altan.

Ahmet Altan, hier als „Taraf“-Chefredakteur in Leipzig, 2009.

Die Freiheit verteidigen gegen die Erdogan-Tyrannei: Wie Ahmet Altan für die Wahrheit kämpft

Der türkische Schriftsteller und Journalist hat den Mut gezeigt, im Laufe der Jahre mit praktisch jedem politischen und gesellschaftlichen Tabu in seinem Heimatland zu brechen. Altan hat den Völkermord an den Armeniern angeprangert und die kulturelle und militärische Unterdrückung der Kurden, er hat die Verherrlichung des Staatsgründers Kemal Atatürk ebenso kritisch beleuchtet wie die autokratische Herrschaft des heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Bereits 1989 hatte ein Gericht entschieden, dass ein Buch von Ahmet Altan vernichtet werden müsse, wegen angeblich pornografischer Passagen. Indirekt war es ein literarischer Ritterschlag, denn im gleichen Urteil wurde auch Henry Millers „Wendekreis des Steinbocks“ zur Vernichtung freigegeben.

Altan wusste schon 2007 besser als die meisten, welche Konsequenzen journalistische und schriftstellerische Unbotmäßigkeiten haben können. Er hat erlebt, wie sein Vater wegen seiner Texte verhaftet wurde, der bekannte türkische Schriftsteller Çetin Altan. Kurz nach dem rechten Militärputsch von 1971 wurde Çetin Altan inhaftiert und schrieb den Roman „Die große Haft“. Ahmet Altan hat die Szene beschrieben und mit seiner eigenen Verhaftung verglichen. „Vor genau 45 Jahren waren sie in unsere Wohnung, auch zur Zeit der Morgendämmerung, eingefallen. Damals hatten sie meinen Vater mitgenommen“, schreibt er in seinem ergreifenden Gefängnis-Bericht „Ich werde die Welt nie wiedersehen“.

Nach dem Putsch gegen Erdogan wird die Zeitung „Taraf“ geschlossen, Gründer Altan kommt in Haft

Kurz nach dem Putschversuch vom Juli 2016 wurde „Taraf“ geschlossen. Seit September 2016 sitzt Gründer und Chefredakteur Altan im Hochsicherheitsgefängnis Silivri bei Istanbul ein, dort, wo auch der Journalist Deniz Yücel und der Menschenrechtler Peter Steudtner aus Deutschland inhaftiert wurden, der türkische Journalist Can Dündar, der Karikaturist Musa Kart und viele andere.

Auch Altans Bruder Mehmet, ein Wirtschaftsprofessor und Kolumnist, wurde seinerzeit dort inhaftiert, aber 2018 freigelassen. Wahrscheinlich gibt es kaum einen Ort in der Welt, wo sich auf engem Raum so viele kluge Intellektuelle aufhielten und noch aufhalten – doch sie dürfen sich im Gefängnis nicht treffen.

Für ein paar Tage immerhin hat Ahmet Altan die Welt wiedergesehen, das war im November 2019. Ein Gericht hatte seine Freilassung nach mehr als drei Jahren angeordnet, doch der nächste Haftbefehl ereilte Altan nach einer Woche. Seither sitzt er erneut hinter Gittern, unter verschärften Haftbedingungen.

Wie Altan werden etliche Oppositionelle von Erdogan drangsaliert

Kaum jemand hat so präzise aufgeblättert, wie willkürlich die Verhaftungen von Intellektuellen in der Türkei und wie absurd die Anklagen sind, wenn sie denn nach vielen Monaten und Jahren der Inhaftierung endlich vorliegen. Sein eigenes Verfahren nennt er „ein hässliches Varieté von einem Prozess“. Die abwegigen Vorwürfe würden mit immer neuen Begriffen erhoben, die von „heimlichen Botschaften“ in einer Fernsehsendung bis zu einer „nicht greifbaren Drohung“ reichten. Alle diese Begriffe hätten mit dem Recht nichts zu tun.

Ohne den türkischen Präsidenten Erdogan namentlich zu nennen, sagte Altan vor Gericht: „Erstens ist eine bestimmte Person höllisch hinter der Verlängerung unserer Haft her. Zweitens kann man uns mit rechtmäßigen Mitteln nicht in Haft halten.“

Ahmet Altan hat immer wieder den Mut bewiesen, den Mund aufzumachen, auch wenn man ihn zum Schweigen bringen wollte. Er steht für all die unterschiedlichen Oppositionellen, die seit 2016 vom Erdogan-Regime zu Hunderttausenden drangsaliert, entlassen und inhaftiert wurden. Ahmet Altan gibt aber auch den vielen Journalistinnen und Journalistin eine Stimme, die in etlichen Ländern der Erde für ihre Recherchen und ihre Meinungsbeiträge bestraft werden, oft trotz einer formellen Presse- und Meinungsfreiheit.

Journalisten gegen Erdogans „Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des Landes“

Die Frankfurter Rundschau begleitet Altan und andere inhaftierte türkische Journalisten daher seit 2017 mit einer Solidaritätsaktion. FR-Redakteurinnen und -Redakteure zeigen den gefangenen Patenjournalisten mit Briefen und Artikeln, dass sie nicht vergessen sind – und dem Regime zugleich, dass es nicht unbeobachtet die Unterdrückung fortsetzen kann.

Nach der Festnahme der Altan-Brüder und weiterer türkischer Journalisten und Schriftsteller protestierten bekannte Autoren, Künstler und Verleger in einem offenen Brief gegen die „Vendetta gegen die klügsten Denker und Autoren des Landes“. Zu denen, die unterzeichneten, gehörten die Nobelpreisträger Orhan Pamuk und J.M. Coetzee, die Nobelpreisträgerin Herta Müller. Doch auch sie fanden kein Gehör in Ankara.

Ahmed Altan will sich Erdogan und der Tyrannei nicht beugen und nimmt Haft in Kauf

Im vorigen Jahr zeichneten die Stadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels Ahmet Altan mit dem Geschwister-Scholl-Preis aus. Sie begründete die Entscheidung mit den Worten: „Ahmet Altan spricht für alle die, die für die Wahrheit eintreten und die Freiheit verteidigen, gerade unter schwierigsten Bedingungen.“

Ahmet Altan will sich der Tyrannei nicht beugen. „Ihr könnt mich einsperren, wo immer ihr wollt“, schreibt er in seinem Buch aus dem Gefängnis. „Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen.“

Im Gefängnis arbeitet der Autor derzeit an seinem neuen Buch, wie er die FR wissen ließ. Es soll „Lady Life“ heißen. Der erste Satz des unveröffentlichten Werks lautet: „Die Leben änderten sich über Nacht.“ Ahmet Altan weiß, wovon er spricht – und lässt sich davon dennoch nicht beirren. (Pitt von Bebenburg)

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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