Beate Rotermund-Uhse im März 1969 vor ihrem Versandhaus in Flensburg.
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Beate Rotermund-Uhse im März 1969 vor ihrem Versandhaus in Flensburg.

#07 Beate Uhse

Tabus sind zum Brechen da

  • Elena Müller
    vonElena Müller
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1951: Beate Uhse gründet ihr Erotik-Versandhaus und wird zu einer der prominentesten deutschen Unternehmerinnen - auch weil sie sich um gesellschaftliche Konventionen nicht schert

Und der Staatsanwalt schrieb: „Die Angeschuldigte hat dann später ein eigenes Prospekt verfasst, das […] die Überschrift trägt: ‚Rund um die Zauberwelt der Erotik‘. Das genannte Prospekt enthält die Anpreisung eines sogenannten ‚Gummipeter‘, eines Gegenstandes, der der Selbstbefriedigung dient. Exemplare dieses ‚Gummipeter‘ sind als Überführungsstücke beigefügt. Er ist als ein unzüchtiger Gegenstand im Sinne von § 184 Ziff. 3 StGB anzusehen.“

Sie verkaufte Kondome zur Geburtenkontrolle und Dildos für die Selbstbefriedigung und das brachte Beate Uhse 1951 vor Gericht – wie obiger Ausschnitt aus einer Anklage zeigt. Der Paragraf 184 des Strafgesetzbuches sollte Uhse lange begleiten, doch die meisten Verfahren, die gegen sie angestrebt wurden, hat die Unternehmerin gewonnen.

Uhse gibt den Frauen, was die Frauen wollen

Als die damals 32-Jährige ihren ersten Versandhandel für „Ehehygiene“ – heute nennen wir es Sexshop – eröffnete, galt Lust und Sex allein zum Spaß und außerhalb der Familienplanung oder gar Ehe als unzüchtig. Schon gar nicht durfte er mit Postwurfsendungen beworben werden. Die noch junge Bundesrepublik war in ihrer Mehrheit spießig, die sexuelle Befreiung der 1968er noch in weiter Ferne. Doch es gab Frauen, die suchten auch da schon nach Wegen der Geburtenkontrolle, damit Sex nicht länger mit Nachwuchs gleichzusetzen war. Und sie verlangten nach Möglichkeiten, die Partnerschaft auch im Schlafzimmer gleichberechtigt und modern auszuleben. Und das brachte Beate Uhse auf den Plan.

Uhse, geborene Köstlin, hieß nach ihrer zweiten Hochzeit zwar Rotermund-Uhse, doch der Name ihres ersten Ehemannes, der im Zweiten Weltkrieg bei einem Unfall ums Leben kam, wurde auch zum Namen ihres Unternehmens und damit der Öffentlichkeit besser bekannt.

Uhses Eltern legten ihrer Tochter den Mut zum Aufbruch in die Wiege: Ihre Mutter Margarete Köstlin-Räntsch war eine der ersten Ärztinnen Deutschlands und ihr Vater, Otto Köstlin, war ein fortschrittlicher Landwirt, der seiner Tochter ihren sehnlichsten Wunsch erfüllte: Sie durfte Pilotin werden.

Von moralischen Bedenken ließ sich Uhse nicht stoppen

Uhse erkannte im Laufe ihres Lebens mehr als einmal das Potenzial der Zeit – und so schuf sie nach dem Zweiten Weltkrieg, aus der Not heraus, einen Lebensunterhalt für sich und ihren kleinen Sohn Klaus. Mit dem Versand ihrer „Schrift X“ legte sie die Grundlage ihres späteren Imperiums. Schließlich gab es noch kein Internet, in dem man sich einfach über Sex hätte informieren können.

In der kleinen Broschüre erläuterte Uhse die „Knaus-Ogino-Methode“, ein Weg der natürlichen Empfängnisverhütung und verschickte die Hefte für 2,70 Mark das Stück an die an Aufklärung interessierten Frauen im Nachkriegsdeutschland. Aus diesem kleinen Versand entwickelte sich ein größeres Geschäftsmodell für Sexspielzeug aller Art, bis 1962 irgendwann der erste Laden folgte und Uhses Firma später in die Porno-Industrie einstieg.

Doch auch für Uhse gilt, was bei Pionierinnen und Pionieren oft der Fall ist: Sie sind zwar visionär und ihrer Zeit voraus, aber deshalb moralisch nicht unbedingt ohne Makel. In der Biografie „Beate Uhse – Ein Leben gegen Tabus“ setzt sich Autorin Katrin Rönicke (erschienen beim Residenz Verlag Salzburg) sehr kritisch mit der Haltung der Unternehmerin auseinander. So war Uhse stets überzeugt, dass der Weg, den sie geht, der richtige ist – und ließ sich davon auch nicht von persönlichen Rückschlägen oder dem großen juristischen Widerstand abbringen – oder eben von moralischen Bedenken.

"Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer", sagt Uhse

Rönicke, die für ihr Buch mit vielen Weggefährten Uhses gesprochen hat, zeichnet nicht das Bild einer überzeugten Feministin, die sich ausschließlich für die sexuelle Freiheit der Frauen im Wirtschaftswunderland Deutschland einsetzte. Wie exemplarisch steht dafür ein Zitat der Geschäftsfrau über sich selbst: „Ich bin nicht Jesus, sondern Unternehmer.“ Feministinnen warfen ihr später auch vor, die Frau zum Lustobjekt zu degradieren, Hauptsache das Geschäft mit dem Sex läuft. Rönicke zitiert einen ehemaligen Mitarbeiter der Firma Uhse, Hansi Thomsen: „Die Pionierzeit, ja die, die war eben deswegen schön, weil man noch keine gegangenen Pfade vor sich hatte. Denn wir sind ja Wege gegangen, wo noch kein anderer war. Sodass wir […] dafür sorgten, dass es mit der Aufklärung in Deutschland weiterging. Dass wir Tabus verringerten und abbauten. Später war das ja nur noch der Wettstreit mit Konkurrenten, mit Mitbewerbern, immer der Bessere zu sein.“

Uhses Geschäftsmodell bestand schlicht darin, den Wünschen des Marktes zu genügen, von Anfang bis Ende. So wie sie als Pilotin Kriegsflugzeuge für die Nazis überführte, sich aber später auch auf Nachfrage nie von dieser Zeit distanzierte oder sich für ihre Arbeit rechtfertigte. Sie als Opportunistin zu bezeichnen, wäre vielleicht zu viel gesagt. Dennoch war Beate Uhse wohl keine moralisch blütenreine Instanz – auch wenn sie schon mal als „Sauberfrau des Sex“ bezeichnet wurde. Doch ungeachtet ihrer Motive war sie sicherlich eine Aufklärerin, die deutschen Schlafzimmern ein modernes Leben eingehaucht und zur Enttabuisierung der Lust beigetragen hat.

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Heute, 69 Jahre nach dem Start von Uhses Versandhandel, findet man Sexspielzeug neben Zahnbürsten, Shampoo und anderen Dingen des täglichen Bedarfs in den Regalen von Drogerien. Online-Händler wie Amorelie und Eis werben im Fernsehen für ihre Waren. Und Pornografie ist im Internet kostenlos zugänglich.

Dass ihr Unternehmen mit der jungen Konkurrenz aus dem Internet, für die sie den Weg geebnet hat, nicht mehr mithalten konnte und 2017 in die Insolvenz gehen musste, hat die Gründerin nicht mehr erlebt. Beate Uhse, Pilotin, Pionierin und „Tante Sex“ starb 2001 im Alter von 81 Jahren.

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