Der Regimekritiker Robert Havemann (l. am Tisch) bei seiner letzten Vorlesung an der Humboldt-Uni.
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Der Regimekritiker Robert Havemann (l. am Tisch) bei seiner letzten Vorlesung an der Humboldt-Uni.

#21 Robert Havemann

Sturheit beugt sich nicht

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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1965: Robert Havemann erhält in der DDR Berufsverbot, weil er sich von der SED so wenig den Mund verbieten ließ wie von den Nazis.

Im Jahr 1964 erschien „Dialektik ohne Dogma“ als Taschenbuch im Rowohlt-Verlag. Cheflektor und stellvertretender Verlagsleiter war damals Fritz J. Raddatz, der zuvor Cheflektor des Verlages „Volk und Welt“ in Berlin (DDR) gewesen war und später Feuilleton-Chef der „Zeit“ wurde.

Robert Havemann dagegen hatte die DDR nicht verlassen wollen, können, dürfen. Über lange Jahre hatte er Hausarrest. Das machte sein Haus zu einem der bestbewachten Objekte der auf ihre Sicherheit so sehr bedachten DDR. Gleichzeitig wurde das Haus Havemann zu einem der wichtigen Treffpunkte der Teile der Opposition, die davon ausgehen konnte, dass die Stasi über ihre Haltung Bescheid wusste.

Robert Havemann (1910-1982) war Chemiker und Kommunist. Er war im Widerstand gegen den Nationalsozialismus Mitglied der Roten Kapelle gewesen und hatte 1943 als Mitglied der linkssozialistischen Gruppierung „Neu Beginnen“ die Widerstandsgruppe „Europäische Union“ gegründet. Im selben Jahr verhaftete ihn die Gestapo. Er wurde zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde allerdings nicht vollstreckt, sondern er wurde aufgefordert, seine Giftgasforschungen in einem eigens für ihn eingerichteten Labor im Zuchthaus Brandenburg-Görden fortzusetzen.

Am 27. April 1945 befreite ihn die Rote Armee. Havemann wurde nach dem Krieg Leiter der Abteilung für Kolloidchemie und Biomedizin am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie. Als er sich gegen die Entwicklung einer Wasserstoffbombe seitens der USA wandte, verlor er diesen Arbeitsplatz. Bald danach wurde er Direktor des Instituts für Physikalische Chemie an der Humboldt-Universität in Berlin (DDR) und zum Ordinarius für Physikalische Chemie ernannt. 1951 trat er der SED bei. Eine deutsche Biographie.

Ja, aber die einer kleinen Minderheit. Die große Mehrheit hatte sich auf die Seite des Nationalsozialismus gestellt. Havemann hatte ihm den Krieg erklärt und er zählte zu denen, die diesen Krieg gewonnen hatten.

Das sicher schon früh ausgeprägte Selbstbewusstsein dürfte dadurch noch einmal einen gewaltigen Schub bekommen haben. Der Schachzug, der ihn aus West- nach Ostberlin verfrachtete, zeigt, dass er es sehr wohl verstand, sich in zwei Systemen gleichzeitig zu bewegen. Inzwischen ist detailliert belegt, dass Robert Havemann von 1946 bis 1963 mit dem KGB, dem Ministerium für Staatssicherheit und der Armeeaufklärung zusammenarbeitete. Als „Leitz“ lieferte er der Staatssicherheit bei 62 Treffen mit seinem Führungsoffizier mehr als 140 Einzelinformationen – darunter an 19 Treffen auch belastende personenbezogene Angaben. Auch das ein Stück deutscher Geschichte.

Als ich vor ein paar Jahren in der Humboldt-Universität einen Vortrag von Jürgen Habermas besuchte, flüsterte mir der Nebenmann zu: Hier hielt Robert Havemann seine Vorlesungen, die ihm das Berufsverbot brachten.

Das war im Wintersemester 1963/1964. Es waren die Vorlesungen, die unter dem Titel „Dialektik ohne Dogma“ 1964 im Rowohlt-Verlag des DDR-Flüchtlings Raddatz erschienen. Im März 1964 wurde Havemann aus der SED ausgeschlossen, er habe sich des „Verrats an der Sache der Arbeiter- und Bauernmacht schuldig gemacht“. Es folgten ein Berufsverbot (1965) und der Ausschluss aus der Akademie der Wissenschaften der DDR und weitere Bücher und immer wieder Äußerungen von Havemann in West-Medien.

Wir wussten nichts von seiner geheimdienstlichen Tätigkeit. Viele der undogmatischen Linken bewunderten Havemann, der gegen die Nazis gekämpft hatte und sich auch von der SED nicht den Mund verbieten ließ. Als er dann 1976, nachdem er gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte, Hausarrest erhielt, war er zum Helden geworden. Ein Mann, schwer erkrankt, der sich dennoch nicht beugte. Weder in der einen noch in der anderen Richtung.

Havemann biederte sich dem Westen nicht an. Er hörte nie auf, ein Linker zu sein. Der DDR-Führung warf er Verrat an den linken Idealen vor. Das war eine Haltung, die viele der Westlinken teilten. Und auch viele der Intellektuellen der DDR. Sowohl viele in als auch außerhalb der SED. Man darf nicht vergessen: Die Welt war damals zweigeteilt. In beiden Teilen wurde unbedingte Gefolgstreue verlangt. In beiden Teilen gab es immer mehr, die das eigene System und die Zweiteilung der Welt in Frage stellten. Das gehörte für viele zur „Dialektik ohne Dogma“.

Der Titel des Rowohltbändchens war ein Signal, das sofort politisch verstanden wurde. „Dialektik“ hatte im Westen als ein besonders raffiniertes Verfahren gegolten, mit dem die geschulten Kader der FDJ westliche Schüler k.o.-argumentieren konnten. Ich erlebte noch, wie wir Westgymnasiasten für solche Auseinandersetzungen geschult wurden. Wie erfuhren freilich bald, dass unsere Jeans deutlich bessere Argumente waren als die, die unser „Gemeinschaftskundelehrer“ uns bereitgestellt hatte. Zur Dialektik gehörte für uns die Einsicht, dass nichts ewig hält, dass es klüger ist, die sich abspielende Veränderung zu nutzen, statt sich ihr starr entgegen zu stellen.

1968 war dann eine Zeit, in der die Zweiteilung der Welt überall zusammenzubrechen schien. Mit einem Male gab es unübersehbar eine Dritte Welt. „Revolution“ lag in der Luft. Auch in Paris und Prag, in Berkeley und Berlin. Das war die Zeit, in der wir kaum noch dazu kamen, Havemann zu lesen. Es aber offenbar dennoch geschah, denn das Rowohlttaschenbuch war viele Jahre lang lieferbar. Ich weiß nicht, wie einflussreich Havemanns Gedanken zum Zusammenhang von Philosophie und Naturwissenschaft waren, aber die Haltung, dass keine Erkenntnis unumstößlich ist, dass jede irgendwann einer neuen, besseren Platz machen muss, die beflügelte bald nicht nur die Linke, sondern auch noch die Alternativ- und die Anti-Atombewegung.

Havemann war zu einem Helden geworden, dessen Namen man sich zurief, um einander zu erkennen. Für die DDR-fromme Linke, die es auch in der BRD gab, war er ein Verräter. Sie mussten sich von ihm distanzieren. Havemann war unser Lackmustest.

Er ist es nicht mehr. Zu viele Gespräche mit der Stasi, zu lange. Aber natürlich bewundere ich, dass er sich daraus auch noch einmal herausgezogen hat. Dieser Sturkopf, der nicht nur dem SED-Staat gedient, sondern ihn dann doch auch herausgefordert hatte. Und nicht nur ihn, sondern mitten im Kalten Krieg auch den Kalten Krieg selbst.

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