Der Buchautor Frantz Fanon auf einer undatierten Aufnahme aus den 50er Jahren.
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Frantz Fanon auf einer undatierten Aufnahme aus den 50er Jahren.

#17 Franz Fanon

Stark ist, wer mit den Schwachen kämpft

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Psychiater Frantz Fanon veröffentlicht 1961 „Die Verdammten dieser Erde“. Sein Manifest gegen den Kolonialismus ist heute aktueller denn je.

Er ist wütend. Er ist unversöhnlich. Als der Psychiater Frantz Fanon sein zentrales Werk schreibt, das ihn weltweit bekannt machen soll, steht ihm nichts anderes vor Augen als wirkliche Freiheit. Wirkliche Freiheit für all die Staaten Afrikas, die gerade begonnen haben, die Fesseln des Kolonialismus abzuwerfen. Im Dezember 1961 erscheint in Frankreich „Les damnés de la terre“ („Die Verdammten dieser Erde“). Der Arzt erlebt nicht mehr, wie dieser Text zur Bibel des Anti-Kolonialismus weltweit aufsteigt. Fanon stirbt wenige Tage nach Erscheinen seines Buches Ende 1961 an Leukämie. Der Schriftsteller wird gerade einmal 36 Jahre alt.

Heute aber, in einer Zeit, in der in den USA eine große antirassistische Bewegung von Tag zu Tag an Macht gewinnt, ist Fanon mit seinen Analysen aktueller denn je. „Die Verdammten dieser Erde“ ist ein Zitat aus der Internationale: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“. Man hat sein Hauptwerk denn auch „das kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution“ genannt. Weltweit ist in den 60er und 70er Jahren vom „Fanonismus“ die Rede. Auch die Studierenden im Jahr der Revolte 1968 beziehen sich auf ihn.

Zwei seiner zentralen Thesen haben sich als richtig erwiesen. Erstens: Die Zukunftsperspektive für die ehemals kolonialisierten Völker nicht nur Afrikas kann nicht darin bestehen, die politischen Systeme Europas nachzuahmen. Fanon schreibt: „Also, meine Kampfgefährten, zahlen wir Europa nicht Tribut, indem wir Staaten, Institutionen und Gesellschaften gründen, die von ihm inspiriert sind.“ Die Menschheit erwarte „etwas anderes als diese fratzenhafte Nachahmung“. Stattdessen gelte es, „eine neue Haut zu schaffen, ein neues Denken zu entwickeln, einen neuen Menschen auf die Beine zu stellen“.

Die Gewalt des Kolonialismus, so Fanon, kann nur durch gewaltsamen Widerstand überwunden werden

Heute wissen wir, dass Fanon recht hatte. In Afrika, aber auch in anderen ehemals kolonialisierten Regionen ist das kapitalistische System nicht überwunden. Europa ermöglicht sich seinen reichen Lebensstil durch fortdauernde Ausbeutung afrikanischer Staaten, Rohstoffe, Ressourcen.

Fanon beobachtet schon 1961, dass sich in den afrikanischen Staaten, die sich bereits ihre Unabhängigkeit erkämpft haben, eine neue einheimische Bourgeoisie an die Spitze setzte. Diese Kaste kopiere nur einfach die Machtbestrebungen der früheren Kolonialherren. Im Rückblick kann man nur sagen: Fanon hat recht behalten. In vielen der ehemaligen Kolonien stehen sogenannte „starke Führer“ an der Spitze, die ihre Macht über Jahrzehnte brutal verteidigen. Man denke nur an Robert Mugabe in Simbabwe, der erst mit weit über 90 Jahren abgelöst werden konnte.

Ein zweites Postulat des Mediziners aus dem Jahr 1961 lautet: Die Gewalt des Kolonialismus kann nur durch gewaltsamen Widerstand überwunden werden. Fanon schreibt: „Die Intuition der kolonisierten Massen begreift also plötzlich, dass ihre Befreiung durch Gewalt geschehen muss und nur durch Gewalt geschehen kann.“ Er lobt hier die Taktik der „Guerilla“, des „kleinen Krieges“ also, die zuerst durch die aufständischen Spanier Anfang des 19. Jahrhunderts gegen die französische Besatzung erfolgreich erprobt wurde.

Fanon meldet sich freiwillig zum Kampf gegen das Nazi-Regime

Frantz Fanon hat in der Praxis und am eigenen Leib erfahren, was Kolonialismus bedeutet. Er ist als Sohn eines Zoll-Inspektors 1925 auf der karibischen Insel Martinique geboren worden, die zu dieser Zeit eine französische Kolonie war. Die mittelständische Familie ermöglichte es ihm, eine höhere Schule zu besuchen. Doch schon im Alter von zehn Jahren, so schreibt er später, habe er begriffen, dass die Franzosen die wahre Geschichte Martiniques verfälschten. Von den zahlreichen Aufständen gegen die Sklaverei während der französischen Kolonialzeit sei nirgendwo die Rede gewesen, diese Erinnerung sei unterdrückt worden.

Fanon meldete sich freiwillig zum Kampf gegen das Nazi-Regime in Europa. 1944 erlebt er den Rassismus in der französischen Armee. Im Spätherbst 1944, bei Kämpfen in den Vogesen, wird er verwundet. Nach dem Krieg kehrt er nach Martinique zurück, holt seine Hochschulreife nach, studiert in Lyon Medizin und Philosophie.

Er geht 1952 nach Algier und beginnt, in der nordalgerischen Stadt Blida als Arzt in einer psychiatrischen Klinik zu arbeiten. Er erlebt den blutigen Alltag des französischen Kolonialregimes, das sich immer härter gegen die Unabhängigkeitsbewegung wehrt. Später schreibt er: „Jeder, der in Algier ankommt, muss es zugeben: Algerien ist nie wirklich französisch gewesen. Vor allem wegen seiner Bevölkerung, denn neun von zehn Einwohnern sind keine Europäer. Ende der 40er Jahre hat Algerien etwas mehr als zehn Millionen Einwohner. Auf etwa eine Million schätzt man die Franzosen. Doch fast neun Millionen Araber nennt man unterschiedslos die Araber, ob es arabisierte Berber sind oder nicht. Man nennt sie so, gleich welcher Sprache sie angehören, welcher sozialen Schicht, oder sogar welchen Zugang zur französischen Bildung sie haben …“

Fanon wird zum Repräsentanten der Provisorischen Befreiungsregierung Algeriens

Schon in seinem ersten großen Werk „Schwarze Haut, weiße Masken“ untersucht er die Situation des schwarzen Menschen in einer von Weißen dominierten Gesellschaft. Die Schwarzen trügen weiße Masken, um überleben zu können: Das ist sein einprägsames Bild. Er wirbt für die Gleichberechtigung aller nichtweißen Menschen in der französischen Gesellschaft, aber auch in anderen Staaten.

In der Klinik behandelt er bald heimlich verwundete Freiheitskämpfer. 1956 hält er die Situation nicht mehr aus und reicht ein Rücktrittsgesuch als Chefarzt beim französischen Präfekten ein. Der weist ihn aus Algerien aus. Bald darauf schließt sich Fanon der Befreiungsbewegung an. Er schreibt sein nächstes Buch, „Im fünften Jahr der algerischen Revolution“, in dem er bereits herausarbeitet, dass eine Befreiung ohne Gewalt nicht möglich ist.

Der Arzt wird offiziell zum Repräsentanten der Provisorischen Befreiungsregierung Algeriens und wirbt für eine gesamtafrikanische Befreiungsbewegung. Bald begreift er, dass es eine Ablösung des kapitalistischen Systems braucht, um den Völkern Afrikas wirkliche Befreiung zu bringen. Er beginnt mit der Arbeit an seinem letzten Buch „Die Verdammten dieser Erde“. Das Schreiben gerät zum Wettlauf mit seiner Krebserkrankung. Fanon gewinnt diesen Kampf und kann das Buch noch abschließen. Wie sehr es wirklich bis heute gebraucht wird, erfährt er nicht mehr.

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