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Miles Davis mit Jeanne Moreau in Paris.

#15 Miles Davis

Spiel das, was nicht da ist

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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1959: Miles Davis revolutionierte nicht nur den Jazz, sein „Swag“ machte ihn zum Idol der Afroamerikaner seiner Generation.

Seine Band eröffnet, die Spannung andauernder Rhythmuswiederholung. Lange Takte, Aufforderung, die Nullposition einer Melodie. Er steht hinter dem Vorhang. Wartet. Der Raum weitet sich zur Stille. Und dann, noch hinter dem Vorhang, klingen drei Töne, drei reine, d r e i durchdringende schwebende exakte Töne. Er hat mich sofort, durchdringt mich, bringt mich zum Weinen, Lachen. Wahrscheinlich ist das Musik, oder etwas anderes, etwas Größeres. Wie geht das? What the fuck? Niemand weiß, welcher Miles Davis einem diesmal begegnet. Hier, 1990 in Ingolstadt, war es ein zurückklingender Trompeter, der in wenigem alles konzentrierte, was sein Leben ausmachte.

„Nothing“ antwortete einmal der Posaunist Jay Jay Johnson im Gespräch über das, was Miles Davis tun musste, um seine jeweilige Band zu den kongenialen Höchstleistungen zu treiben. Dieses Nichts lässt sich musiktheoretisch erklären.

Der Saxophonist und Trompeter Benny Carter hatte in den 1940er Jahren das Tor zu einer neuen Art der Improvisation aufgestoßen. Anders als die Bop-Musiker zuvor reihte er nicht mehr Motive aneinander, er spielte weite, organisch zusammenhängende Melodiebögen und verließ dabei immer mehr die Ursprünge des Blues. Der Saxophonist Charlie Parker machte daraus ein musikalisches Stenogramm, nur noch die wichtigsten Noten – die Zentral-, Ziel- und Spitzentöne – die Verbindungstöne verschwanden aus dem Jazzclub und der Notation.

Miles Davis stieg auf diesen Klangteppich und flog damit in den Himmel der Improvisation. Der Musikschüler aus wohlhabendem Elternhaus studierte in New York an der Juilliard School. Dort fand er den virtuosen Startrompeter Dizzy Gillespie und die Legende Charlie Parker, zusammen spielten sie Nacht für Nacht in den Clubs der 52ten Straße. Er lernte nicht nur, er abstrahierte einen Stil, der nirgendwo so dicht wurde wie in seinen Improvisationen über Balladen, die später das Etikett „modal“ bekamen. Davis vollzog an der Trompete, was die Maler in der Abstraktion auf die Leinwand brachten – er drang zur Essenz der Kunst vor, musste nichts mehr darstellen, in seinen Tönen beschrieb er die Welt, war selbst das abgeschlossene Universum. Diese Reduktion brachte er auf eine einfache Formel: „Spiel nicht das, was da ist, sondern spiel das, was nicht da ist.“

„Es gehört mehr Mut dazu, Balladen zu spielen, als technisch mit Kapriolen zu glänzen“, schwärmte Carlos Santana in der sehenswerten Dokumentation „Miles Davis – birth of the Cool“. Vielleicht nirgendwo kam dieses Können mehr zusammen als 1959 in seinem Album „Kind of Blue“, dem erfolgreichste Jazzalbum aller Zeiten. Die Besetzung ein Who Is Who des Jazz: Miles Davis an der Trompete, Cannonball Adderley am Altsaxophon, der junge John Coltrane am Tenorsaxophon, Bill Evans (und bei einem Stück auch Wynton Kelly) am Klavier, Paul Chambers am Kontrabass und schließlich der im Mai diesen Jahres verstorbene Schlagzeuger Jimmy Cobb.

Miles Davis hat im Verlauf seines Lebens jeden wichtigen Trend geprägt und gestaltet: Am Rande des Freejazz spielte er in den 1960er polyrhythmische Meisterwerke wie „Miles Smiles“ ein, komprimierte in „Bitches Brew“ den Elektrischen Jazz. Cool Jazz, Hard Bop, Fusion, Electric Jazz – keine Musikrichtung, die der Innovator nicht mitgeprägt hat. Er selbst sagte einmal dazu: „Wenn irgendwer kreativ ist, dann redet er über Wandel.“ Der Könner bereiste früh Europa. Miles Davis stand in Paris mit hochgezogenen Schultern und der Trompete und tat – nichts. Spielte einfach. Nicht er musste um Auftritte betteln, sondern die weißen Musiker durch Können überzeugen, um mit ihm auftreten zu dürfen. Der Respekt, den die Pariser Intellektuellen dem Schwarzen Musiker entgegenbrachten, die Affäre mit Juliette Greco, das Treffen mit Pablo Picasso und Jean-Paul Sartre, all das ließ ihn vergessen, dass die Realität in den USA immer noch mit anderen Farben gemalt war.

Wenige Wochen nach „Kind of Blue“ stand der berühmte Musiker vor dem Birdland, dem angesagtesten New Yorker Jazzclub. Er rauchte eine Zigarette und begleitete eine weiße Frau zum Taxi. Das genügte, um von einem weißen Polizisten verprügelt zu werden. Es spielt keine Rolle, wie reich, wie verehrt ein Afroamerikaner ist, die Farbe der Haut, der Rassismus prägt damals wie heute sein Leben, auch das eines Miles Davis.

Davis, der ohnehin als wenig sozial galt, erweiterte nach dieser Episode sein Emotionsspektrum um bitteren Zynismus. Er rächte sich auf seine Art. Anders als Jazzgrößen wie Archie Shepp oder selbst Charles Mingus und John Coltrane trat er sichtbar aus dem Underdog-Leben heraus, leistete sich mit dem Geld der Weißen teure Autos, flirtete mit weißen Frauen, benutzte das System der Unterdrücker und entwickelte einen Lebensstil, der mindestens so cool wie sein Jazz war. Sein „Swag“ faszinierte die afroamerikanische Gemeinde und gab ihr ein Idol. „Miles“ wurde zum häufigen Jungennamen. Dem weißen Establishment verweigerte er sich konsequent, drehte den Zuhörerinnen und Zuhörern den Rücken zu, gab kaum Interviews und äußerte sich klar zu Fragen der Schwarzen. Er predigte nicht Kampf oder Hass, sein Mittel der Emanzipation war der Stolz unerreichten Genies.

Zum Ende seines Lebens zog es Miles Davis, schwer gezeichnet von den Folgen frühen Drogenkonsums und den Spätfolgen einer gutartigen Tumoroperation, zurück nach Europa. Musikalisch hätte er mit seinen Konzerten in Paris und Montreux überall anhalten können, doch er bereiste noch einmal in das Jahr 1959, als er mit „Kind of Blue“ die Jazzwelt revolutionierte und spielte in Frankreich im Stil der späten 1950er. Zwölf Wochen später, am 28. September 1991, starb der vielleicht größte Trompeter und Innovator, den der Jazz je hervorgebracht hatte.

Gedichte oder Jazzstandards unterscheiden sich von wissenschaftlichen Hypothesen, weil sie nie überprüft oder falsifiziert werden können. Die besten stellen jeder Generation die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Schönheit der Kunst. Wenn „Kind of Blue“ eines der besten Alben des Jazz ist, ragt Miles Davis’ Standard „So what“ darin noch einmal heraus. „So what“ überdauert als eines der tiefsten Jazzgedichte jemals. Jede Generation findet es und findet sich darin neu.

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