Semiya Simsek, deren Vater Enver Şimşek 2000 von den Rechtsterroristen des NSU ermordet wurde
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Semiya Şimşek lebt heute mit ihrer Familie in der Türkei.

#56 Semiya Şimşek

Schmerz ist ein starker Antrieb

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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2000: Der Vater von Semiya Şimşek wird von Rechtsterroristen ermordet. Sie setzt sich seit 20 Jahren für Gerechtigkeit für die Opfer des NSU ein.

Erst vor kurzem war das Gesicht ihres Vaters wieder überall zu sehen, wurde in Zeitungsartikeln, in sozialen Netzwerken und auf Kundgebungen an ihn erinnert. Es bedeute ihr sehr viel, dass ihr Vater auch 20 Jahre nach seinem Tod in Deutschland nicht vergessen sei, sagt Semiya Şimşek. Es beweise, dass ihr jahrelanger, zermürbender Kampf um Erinnerung und Gerechtigkeit nicht umsonst gewesen sei. „Mein Vater ist vor 20 Jahren gestorben, aber er ist ein bekanntes Gesicht“, sagt Şimşek. „Ich bin so stolz darauf.“

Das Leben von Semiya Şimşek, 34 Jahre alt, Sozialpädagogin, geboren im hessischen Friedberg, gerät in der Nacht auf den 10. September 2000 ohne Vorwarnung aus den Fugen. Im Internat, das die damals 14-Jährige besucht, wird sie aus dem Schlaf gerissen und in ein Nürnberger Krankenhaus gebracht, wo ihr Vater, Enver Şimşek, mit dem Tod ringt. Tags zuvor war der Blumengroßhändler aus Schlüchtern an seinem mobilen Verkaufsstand in der fränkischen Großstadt niedergeschossen worden. Seine Mörder, heute ist das geklärt, waren die Rechtsterroristen vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU). Enver Şimşek gilt als erstes Opfer ihrer mit einer Ceská-Pistole verübten rassistischen Mordserie, die zehn Menschen das Leben gekostet hat, neun davon migrantische Unternehmer.

„Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“, sagt Simsek

Wer das Buch „Schmerzliche Heimat“ liest, das Semiya Şimşek 2013 veröffentlicht hat, bekommt eine Ahnung von dem Schmerz, den der gewaltsame Tod ihres geliebten Vaters für die Jugendliche, ihren Bruder Abdulkerim und ihre Mutter Adile Şimşek bedeutet hat. Und von der unmenschlichen Belastung, der die Familie durch die Ermittlungen der Polizei und die auf sie folgenden Gerüchte ausgesetzt war. Denn obwohl es keinen Hinweis auf eine Verstrickung von Enver Şimşek in kriminelle Machenschaften gab, glaubten die Beamten an einen familiären Hintergrund des Mordes – oder einen im Mafia- oder Drogenmilieu. Die Wohnung der Familie wurde durchsucht, gerade die Witwe immer wieder befragt, ein rassistisches Motiv nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

„Elf Jahre lang durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein“, hat Semiya Şimşek diese Kriminalisierung ihrer Familie später auf den Punkt gebracht. Es ist der 23. Februar 2012, als die damals 25-Jährige auf die Bühne des Konzerthauses am Berliner Gendarmenmarkt und damit in den Fokus der breiten Öffentlichkeit tritt. Als eine Vertreterin der Opferfamilien hält sie bei der Gedenkfeier für die NSU-Opfer vor der gesamten Staatsspitze eine viel beachtete Rede. Die Bundesrepublik ist verunsichert in dieser Zeit, denn seit drei Monaten steht fest: Die Ceská -Mordserie, von Ermittlern und Medien jahrelang als Ausdruck einer Parallel- und Halbwelt unter Migranten betrachtet, wurde von Rechtsterroristen verübt. Der gesamte deutsche Sicherheitsapparat hat versagt. Der Staat.

Şimşek nutzt ihre Rede, um an ihren Vater und das Leid aller Hinterbliebenen der NSU-Opfer zu erinnern. An die haltlosen Verdächtigungen, der die Ermordeten ausgesetzt waren. Sie berichtet, dass ihr, „in diesem Land geboren, aufgewachsen und fest verwurzelt“, erstmals Zweifel kämen, ob Deutschland noch ihre Heimat sei. Und Şimşek stellt Forderungen: Jeder Mensch müsse ein freies Leben führen können, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Identität, sagt sie. „Lasst uns nicht die Augen verschließen und so tun, als hätten wir dieses Ziel schon erreicht.“

Simsek mahnt an, es müssten auch rassistische Motive untersucht werden

Obwohl Şimşeks Rede ihr erster Auftritt an derart prominenter Stelle ist, blickt sie im Februar 2012 bereits auf ein langes Engagement für Aufklärung und Gedenken zurück. Im Mai 2006 war sie dabei, als in Kassel Tausende Menschen, die meisten aus migrantischen Communities, unter dem Motto „Kein 10. Opfer“ auf die Straße gingen. Kurz zuvor waren in Dortmund der 39-jährige Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık und in Kassel der 21 Jahre alte Internetcafébetreiber Halit Yozgat mit der Ceská erschossen worden. Die Demonstration war ein verzweifelter Hilferuf an die Behörden, die Täter endlich zu fassen. In einem Interview, das sie gemeinsam mit Gamze Kubaşık gab, der Tochter Mehmet Kubaşık, forderte Semiya Simsek, es müsse auch ein rassistisches Motiv untersucht werden, anstatt nach jedem Ceská-Mord wieder gegen die Familie des Opfers zu ermitteln. Gehört wurde sie nicht.

Nach ihrer Rede in Berlin wirft Şimşek sich weiter mit großer Energie in die Debatte über den NSU-Komplex. Mit ihrem Buch, in Talkshowauftritten, Interviews und Dokumentarfilmen berichtet sie vom Leid ihrer Familie und gibt den Opfern des NSU ihre Stimme. Sie klagt das Versagen der Behörden an. Als Nebenklägerin bringt sie sich in den Münchener NSU-Prozess ein, kämpft für Aufklärung und dafür, dass die deutsche Öffentlichkeit nicht nur auf die Täter schaut, sondern Empathie für die Opfer entwickelt – und sich mit angegriffen fühlt. Dass die Ermordeten im Urteil kaum erwähnt wurden und der Prozess viele brennende Fragen der Hinterbliebenen nicht beantworten konnte, hat Şimşek bis heute nicht ganz verkraftet. „Als dieses Urteil kam, war ich wirklich am Boden zerstört“, sagt sie im September dieses Jahres in einem Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Das war sehr schmerzhaft.“

„Die Namen der Opfer kennt kaum jemand“, kritisiert Simsek

Semiya Şimşek hat viele Rückschläge verkraften müssen. Wenn es um den NSU gehe, falle bis heute allen Beate Zschäpe ein, sagt sie. „Aber die Namen der Opfer kennt kaum jemand.“ Und doch haben Şimşek und andere Betroffene etwas bewegt: Rassismus ist zum Megathema geworden, über den NSU wird ungebrochen diskutiert. Betroffenen von Übergriffen wird anders zugehört als vor 20 Jahren, etwa nach dem rassistischen Anschlag in Hanau im Februar dieses Jahres. Der Angriff habe sie selbst tief getroffen, sagt Şimşek. Sie empfinde den Schmerz der Angehörigen der neun Opfer und der vielen Verletzten wie ihren eigenen. „Es ist der gleiche Schmerz.“

Ans Aufgeben hat Semiya Şimşek nie gedacht. „Ich bin gar nicht die Person dafür“, sagt sie und lacht. Große Energie, das liege in ihrer Familie. Trotzdem hat sie sich in den vergangenen Jahren zurückgezogen. Zum 20. Todestag ihres Vaters hat sie aber wieder Gespräche mit Medien geführt – aus der Türkei, wo sie heute mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt. Sie sei oft in Deutschland und verfolge die Entwicklung in ihrer Heimat genau, sagt Şimşek. Sie sei aber auch froh, dass ihre Kinder in der Türkei aufwüchsen. „Sie erleben hier keinen Rassismus.“ In der Türkei arbeitet sie mit jungen Flüchtlingen aus Syrien, versucht sie zu stärken und ihnen Humanität und Toleranz mitzugeben. Das gebe ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft, sagt Şimşek. „Jeder Jugendliche, bei dem wir was bewegen können, ist ein Pluspunkt für uns.“

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