Eine Frau, die sich durchsetzt: Elisabeth Selbert, 1953.
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Eine Frau, die sich durchsetzt: Elisabeth Selbert, 1953.

#04 Elisabeth Selbert

Wer die Regeln schreibt, verändert die Realität

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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1948: Die Anwältin Elisabeth Selbert gestaltet das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit - und setzt mit einem Kniff die formale Gleichberechtigung von Mann und Frau durch.

Die Lichthalle des Zoologischen Museums Koenig war eines der wenigen Gebäude im Zentrum der Stadt Bonn, das den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hatte. Am 1. September 1948 kamen dort geladene Gäste zu einem feierlichen Festakt zusammen. 65 von ihnen bildeten den sogenannten Parlamentarischen Rat. Sie waren zuvor von den Landtagen in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands gewählt worden. Ihre Aufgabe besaß große Bedeutung für die Zukunft der von den USA, Großbritannien und Frankreich besetzten Gebiete: Sie sollten eine Verfassung für einen neuen, demokratischen deutschen Staat erarbeiten.

Dreieinhalb Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wollten die drei Siegermächte dem Westen Deutschlands „volle Regierungsverantwortung“ übertragen. Es war der Versuch eines demokratischen Neuanfangs nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Terrorherrschaft. Doch dieser Start begann schon mit einem großen Fehler. Im Parlamentarischen Rat herrschte ein groteskes Missverhältnis der Geschlechter. Gerade einmal vier Frauen standen 61 Männern gegenüber.

Doch daran störte sich im Herbst 1948 im Museum Koenig kaum jemand. Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold (CDU), der sich als christlicher Sozialist verstand, sprach vor der Versammlung von dem „festen Willen, einen Bau zu errichten, der am Ende ein gutes Haus für alle Deutschen werden soll“. Eine der vier Frauen im Saal war die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert. Sie verfolgte ein ganz besonderes Ziel. Die 52-jährige Politikerin wollte in der Verfassung eine Selbstverständlichkeit verankern, für die sie freilich schon Jahrzehnte vergeblich kämpfte: die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

Ein Blick zurück. Im Februar 1920 präsentierte sich in der kleinen hessischen Gemeinde Niederzwehren nahe Kassel eine junge SPD-Kandidatin im Kommunalwahlkampf in einer Versammlung von mehr als 300 Frauen. „Genossin Fräulein Elise Rohde“, so berichtete hinterher der „Gemeindebote“ von Niederzwehren, habe über ein zentrales Thema gesprochen: „Die Pflichten der Frau durch die Gleichberechtigung“. Elisabeth Rode, die noch im gleichen Jahr Adam Selbert heiratete und seinen Namen annahm, hatte also schon damals ihr Thema gefunden. Im Jahr 1918 war sie der SPD beigetreten. „Was ich mache, tue ich ganz“, berichtete sie Jahrzehnte später.

Roth stammte aus einem kleinbürgerlichen Elternhaus, sie war eine von vier Töchtern eines Gefängniswärters in einer Jugendstrafanstalt. Gerne hätte sie studiert und wäre Lehrerin geworden, doch dafür reichte das Geld der Familie nicht. Also besuchte sie die Mittelschule, arbeitete zunächst als „Auslandskorrespondentin“ bei einer Kasseler Import-Export-Firma, später als Postbeamtenanwärterin im Telegraphendienst. Tatsächlich wurde sie für die SPD in das Gemeindeparlament gewählt und holte 1926 ihr Abitur nach.

Der Weg war frei für ein Studium und die junge Frau entschied sich für ein Fach, das für Frauen seinerzeit exotisch war: Jura. Unter den 350 Jura-Studierenden an der Universität Göttingen fanden sich vier Frauen. In nur sechs Semestern zog sie das Jurastudium durch, ihre Doktorarbeit schrieb sie 1930 zu einem Thema, das viel mit dem Kampf der Frauen um Gleichberechtigung zu tun hatte: „Zerrüttung als Ehescheidungsgrund.“

Die SPD setzte sich in der Weimarer Republik für ein neues Scheidungsrecht ein, das die Rolle der Frauen stärken sollte. Doch es sollte bis zum Jahre 1976 dauern, bis die damalige sozialliberale Koalition auf Bundesebene dieses Ziel annähernd erreichte. Erst da wurde das „Zerrüttungsprinzip“ im Scheidungsrecht eingeführt, das Selbert schon 50 Jahre zuvor gefordert hatte. Nun durfte eine Ehe nicht mehr nur bei einem schuldhaften Verhalten eines der Ehepartner geschieden werden, sondern auch dann, wenn sie gescheitert, zerrüttet, ist.

Gegen Ende der Weimarer Republik erstarkten die Nationalsozialisten immer mehr und deren Frauenbild war zutiefst reaktionär. Die Frauen sollten sich mit der Rolle als Helferin des Mannes und als Gebär-Maschine für die möglichst männlichen Nachkommen bescheiden. Als sich Selbert 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung der Nazis, um die Zulassung als Rechtsanwältin bemühte, standen ihre Chancen schlecht. Tatsächlich war sie eine der letzten Frauen in Nazi-Deutschland, denen es noch gelungen ist, sich als Anwältinnen selbständig zu machen. Zwei liberale Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Kassel halfen ihr.

In der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft stritt sie mit ihrem Anwaltsbüro so gut es ging für den Widerstand, versuchte etwa, für Angeklagte eine Freiheitsstrafe statt Konzentrationslager zu erreichen. Als zum Beispiel im Oktober 1943 nach einem schweren alliierten Bombenangriff auf Kassel zwei 16 Jahre alte Jugendliche wegen „Plünderung“ aufgegriffen worden und mit der Todesstrafe bedroht worden waren, lehnte sie mit anderen Anwälten die Bildung des nötigen „Sondergerichts“ ab. Die Anwältin musste freilich erleben, dass nur eine Woche später dann doch noch das Urteil erging: Hinrichtung durch Erschießen.

Ihr Ehemann Adam Selbert war als städtischer Beamter und Sozialdemokrat schon 1933 von den Nazis entlassen worden. All diese Erfahrungen brachte Elisabeth Selbert mit, als sie 1948 in den Parlamentarischen Rat gewählt wurde, der die Verfassung für ein demokratisches Deutschland ausarbeiten sollte. Sie wurde so eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“. Die drei anderen Frauen unter den 61 Männern im Parlamentarischen Rat waren Helene Wessel, Helene Weber und Friederike Nadig.

Selbert griff im Parlamentarischen Rat sofort das Thema wieder auf, das sie als ihr politisches Lebens-Motiv ansah. Anfang Dezember 1948 formulierte sie für die SPD-Fraktion den Antrag, den Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in der Verfassung zu verankern. Am 3. Dezember kam die Nagelprobe, die erste Lesung im Hauptausschuss. Eine riesige Enttäuschung für die Sozialdemokratin: Der Antrag fiel mit elf zu neun Stimmen durch. Selbert machte die bittere Erfahrung, dass auch die CDU-Frau Helene Weber und die Zentrums-Abgeordnete Helene Wessel gegen ihre Forderung stimmten. Die politischen Fronten schienen stärker als die Geschlechterzugehörigkeit.

Die Sozialdemokratin drohte offen damit, die Frauen in der gesamten Bundesrepublik zu mobilisieren. Sie erinnerte daran, dass es 1948 in Deutschland einen „Frauenüberschuss“ von sieben Millionen gab und dass 170 Wählerinnen nur 100 Wählern gegenüberstanden. Tatsächlich gab es jetzt Protest. Frauenvereine und Gewerkschafterinnen schickten Briefe und Telegramme. Auch die Christdemokratin Helene Weber berichtete von erheblicher Unruhe unter den Frauen.

Die Historikerin Karin Gille-Linne hat Jahrzehnte später recherchiert, dass Selbert sehr geschickt darin war, den Protest größer erscheinen zu lassen als er war. Tatsächlich, so Gille-Linne in dem Buch „Elisabeth Selbert und die Gleichstellung der Frauen“, hätten sich kaum 50 Eingaben an den Parlamentarischen Rat nachweisen lassen. Doch die politische und öffentliche Wirkung, die Selbert erreichen wollte, erreichte sie. Bei der zweiten Abstimmung im Hauptausschuss im Februar 1949 wurde der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ einstimmig angenommen.

Doch dieser große Erfolg der Sozialdemokratin, der in den kommenden Jahrzehnten die Gesellschaft tiefgreifend verändern sollte, spiegelte nicht die politische Stimmung im Lande wider. Bei der Bundestagswahl 1949 schnitt die SPD so schlecht ab, dass Selbert es nicht in das erste Parlament schaffte. Ihre Gegenspielerin im Parlamentarischen Rat, die Christdemokratin Helene Weber, zog jetzt im Bundestag die Aufmerksamkeit für die Belange der Frauen auf sich. Selbert arbeitete weiter als Rechtsanwältin, geriet aber in Vergessenheit. Erst in den letzten Jahren vor ihrem Tod 1986 bekam sie wieder öffentliche Aufmerksamkeit.

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