Pussy Riot: Provokation mit vollem Körpereinsatz.
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„Jungfrau Maria, heilige Muttergottes, räum Putin aus dem Weg!“

# 68 Pussy Riot

Wer die Angst überwindet, hat die Macht

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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2012: Pussy Riot provoziert Russlands Mächtige mit einem Punk-Gebet in einer Moskauer Kathedrale. Mit seiner Überreaktion demaskiert sich das System um Wladimir Putin selbst.

  • Pussy Riot wurde mit Performance in einer Kirche in Russland bekannt.
  • Damit handelten sie sich den Zorn von Wladimir Putin ein.
  • Sie gelten nach wie vor als die Nervensägen des Kreml.

Wer den Namen der Punkband „Pussy Riot“ hört, hat sofort Bilder im Kopf. Sieht neonfarbige Strickmasken und wilde Verrenkungen, hört schrille Töne. „Jungfrau Maria, heilige Muttergottes, räum Putin aus dem Weg!“, grölen fünf Punk-Musikerinnen am 21. Februar 2012 im Altarraum der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale. „Scheiße, Scheiße, die Scheiße des Herrn!“

Das Video geht um die Welt und schreibt sich ins kollektive Gedächtnis ein. Denn aus einer kurzen Aktion, keine Minute lang, wird ein Kunst- und Protestformat, das weit über Russland hinaus Wirkung entfaltet. Bis heute.

Pussy Riot mit Punk-Gebet in Kirche in Russland

„Maria, die heilige Muttergottes, ist bei uns im Protest!“ Die Skandalperformance der jungen Frauen an diesem Wintertag triggert die Mächtigen Russlands, vor allem Kyrill I., den Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche, und natürlich Wladimir Putin, der gerade seine dritte Amtszeit anstrebt. Die beiden sind Brüder im autoritären Geiste. Und so hat sich der Kirchenmann als Putins Wahlhelfer betätigt, damit seine Schäfchen bei der Abstimmung Anfang März nur ja auf keine falschen Gedanken kommen.

„Patriarch Gundjajew glaubt an Putin. Glaub stattdessen lieber an Gott, du Mistkerl!“, schimpfen die Frauen. Und beschwören die Muttergottes: „Werd’ Feministin, werd’ Feministin, werd’ Feministin!“ Es ist das Patriarchat, gegen das sie so lautstark aufbegehren, die unheilige Liaison von Kirche und Kreml, die das verhasste „System Putin“ stabilisiert, wie sie es nennen. Und sie treffen es offenbar an einem empfindlichen Punkt.

Pussy Riot: Festnahme nach Punk-Gebet

Nach dem Punk-Gebet vergehen einige Tage, dann nimmt die Polizei die drei Aktivistinnen, derer sie habhaft werden kann, in Haft: Nadeschda Tolokonnikowa, genannt Nadja, Maria Aljochina, genannt Mascha, und Jekaterina Samuzewitsch, genannt Katja. Damit mussten sie rechnen. Eine illegale Protestaktion bedeutet in Russland üblicherweise einen Tag oder ein paar Tage Haft, mindestens eine Geldstrafe. Das haben auch die Musikerinnern x-mal erlebt.

Im Oktober 2011 tauchen sie erstmals in Moskau auf und machen den öffentlichen Raum zu einer Bühne für abgedrehte Auftritte. Sie klettern auf die Dächer von Trolleybussen, auf Gerüste in Metrostationen, auf eine Mauer auf dem Roten Platz. Dort singen sie Mitte Januar „Putin pisst sich in die Hose“ – und werden festgenommen, so wie fast nach jedem Auftritt. „Niemand in Moskau hatte prächtigere, effektvollere Bühnen als wir“, schwärmt Tolokonnikowa in ihrem 2016 erschienenen Buch „Anleitung für eine Revolution“.

Feministische Kunst-Guerilla einer feministischen Sponti-Gruppe - das ist Pussy Riot

Bis zu ihrem Auftritt in der Erlöser-Kirche ist die Band eine kleine unbekannte Kunst-Guerilla. Nach dem Punk-Gebet ist alles anders: Die feministische Sponti-Gruppe wird weltberühmt. Und das ist auch das unfreiwillige „Verdienst“ des Systems Putin. Denn die willfährige Justiz straft die unbotmäßigen jungen Frauen unverhältnismäßig hart ab: Diese werden erst ein halbes Jahr lang in Untersuchungshaft gehalten und dann, am 17. August 2012, zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt – wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“.

Schon die Anklage hat die drei überrascht: „Zu sagen, dass unser vierzigsekündiger Auftritt jahrhundertalte Fundamente unterminiert hätte, ist absurd“, sagt Aljochina zu den Anschuldigungen. Nicht nur in ihren Augen, auch vor den Augen der Weltöffentlichkeit, die den Prozess verfolgt hat, verurteilt sich der Machtapparat mit seiner Überreaktion selbst.

Madonna und Hillary Clinton solidarisieren sich mit Pussy Riot

Das Echo ist gewaltig: Madonna, Hillary Clinton, EU-Politiker, Bundestagsabgeordnete aller Parteien und sogar deutsche Bischöfe protestieren gegen die Willkürjustiz. „Wir drei sind unschuldig. Das sagt die ganze Welt. Sie sagt es bei Konzerten, im Internet, in den Medien, sogar im Parlament,“ so Aljochina in ihrem Schlusswort vor Gericht.

Ihre Mitstreiterin Samuzewitsch geht noch einen Schritt weiter: „Wir haben gewonnen. Im Vergleich zum Justizapparat sind wir Niemande, und wir haben verloren. Auf der anderen Seite haben wir gewonnen. Die ganze Welt kann sehen, dass das Strafverfahren gegen uns fingiert wurde. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verschleiern.“ Einmal mehr sehe die Welt Russland anders, als es Putin zu präsentieren versuche. Yoko Ono schickt ihr eine Solidaritätsadresse. Sie schreibt: „Du hast recht. Ihr habt gewonnen! Ihr habt für uns alle gewonnen, für die Frauen dieser Welt.“

Pussy Riot - eine Mitmachbewegung

Sechs Jahre später, am 17. Juli 2018, fällt auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sein Urteil – zugunsten von Pussy Riot. Russland muss den drei Aktivistinnen Entschädigung zahlen. Die Straßburger Richter stellen fest: Der Staat hat das Verbot der Misshandlung, das Recht auf Freiheit, das Recht auf ein faires Verfahren und die Meinungsfreiheit missachtet.

Zu diesem Zeitpunkt sind die drei Frauen längst wieder auf freiem Fuß. Im Oktober 2012 hat ein Moskauer Strafgericht überraschend Samuzewitschs Haftstrafe in eine Bewährungsstrafe umgewandelt. Tolokonnikowa und Aljochina dürfen im Dezember 2013 das Straflager im Zuge einer vom Parlament beschlossenen Amnestie verlassen.

Auch beim Finale der Fußball-WM in Russland tritt Pussy Riot in Erscheinung

Die beiden machen weiter von sich reden, das harte Leben in der Haft, Schikanen und Folter haben sie nicht brechen können. Jetzt lenken sie das Augenmerk der Weltöffentlichkeit auf die üblen Haftbedingungen in den russischen Straflagern, sie gründen eine Menschenrechtsorganisation, reisen durch die Welt, halten Reden über Protestkultur, treffen Stars, spielen sich selbst in einer Folge der US-Serie „House of Cards“.

Ihre Wege trennen sich, Pussy Riot macht weiter Schlagzeilen. Der Kreml wird die Nervensägen nicht los. Beim Finale der Fußball-WM im Sommer 2018 in Moskau flitzt der Aktivist Pjotr Wersilow zusammen mit drei anderen Pussy-Riot-Mitgliedern in Polizeiuniformen aufs Spielfeld, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Eine Blamage für den Sicherheitsapparat. Und wieder schaut die Welt zu. Wersilow wird zwei Monate später in der Berliner Charité wegen einer Vergiftung behandelt. Wer sich mit dem System Putin anlegt, lebt gefährlich.

Aber Pussy Riot ist nicht kleinzukriegen. Wladimir Putin sitzt fest im Sattel der Macht, die Opposition kann ihm nichts anhaben. Aber einer Handvoll von Feministinnen ist es gelungen, das Bild zu prägen, das sich eine kritische Weltöffentlichkeit von ihm macht. In ihrer „Anleitung zur Revolution“ von 2016 verspottet Tolokonnikowa Putin als „durchgedrehten Möchtegern-Superheld, der halbnackt auf Pferden reitet und vor nichts und niemandem Angst hat, außer vor Homosexuellen. Ein Mann, der so großzügig ist, dass er das halbe Land an seine engsten Freunde verschenkt hat – die Oligarchen.“ Treffender kann man es nicht formulieren.

Die Botschaft von Pussy Riot: Hab keine Angst

Tolokonnikowas Buch ist ein Manifest in Gestalt einer literarischen Punk-Performance – gemixt aus Tagebuch-Häppchen, Liedtexten und Revolutionsparolen: „Versuche, aus jeder Scheiße Pralinen zu machen“, „Geh mit dem Kopf durch die Wand“, „Du hast keine 500 Jahre. Lebe mit voller Wucht“, „Lies keine Nachrichten, mach sie“. Heute müsse sie lobhudeln, schreibt die Kolumnistin Margarete Stokowski in ihrer Rezension.

Man könne das Buch als etwas lesen, „das dem ganzen Elend etwas Gutes entgegensetzt, und zwar weit über den russischen Kontext hinaus. Ein Manifest gegen die Scheiße.“ Mit dem Titel ihrer Rezension, „Wie Sex, nur anders“, spielt Stokowski auf Tolokonnikowas Selbstbeschreibung an: „Pussy Riot ist wie Sex. Ohne Fantasie betrachtet, wirken beide wie gehirnamputierte Bewegungen. Alle Macht der Fantasie!“

Pussy Riot: Politische Aktionskunst in Russland

Die Botschaft wird offenbar gehört. Pussy Riot sei inzwischen mehr als das Projekt einer kleinen Gruppe, sondern eine Mitmach-Bewegung, sagt Tolokonnikowa Anfang dieses Jahres in einem Interview. Sie inspiriere junge Leute, aktiv zu werden. Tatsächlich ist die Geschichte von Pussy Riot ein politisches Lehrstück, wie sich Aktionskunst aus einer Nische ins Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit katapultiert – indem sie furchtlos eine doppelte Botschaft sendet. An die Mächtigen (nicht nur im Kreml) und an diejenigen, die der Repression trotzen. Tolokonnikowa sagt es so: „Macht haben nicht diejenigen, die über Posten und Gefangenentransporter verfügen, sondern diejenigen, die ihre Angst überwinden. Es ist ganz einfach: Hab keine Angst.“

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