Daniel Cohn-Bendit, 1968 in Paris
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Daniel Cohn-Bendit, 1968 im chaotischen Niemandsland zwischen Links und Rechts von Paris.

#24 Daniel Cohn-Bendit

Manchmal liegt der Mut in einem Augenblick

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
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1968: Daniel Cohn-Bendit kehrt nach der Flucht vor dem Wehrdienst nach Paris zurück und führt die 68er-Revolte an.

Zwei Bilder machen die Mai-Tage des Jahres 1968 in Paris aus. Klar, da ist das aufgerissene Kopfsteinpflaster, da sind die ausgebrannten Autos, der verstreute Barrikadenschutt, die verrammelten Geschäfte, die zerrissene Trikolore und die zertretenen Plakate: „Befreit die Bücher!“ „Spießbürger, Ihr habt nichts kapiert!“ „Seid realistisch – verlangt das Unmögliche!“ Da ist der einsame studentische Steinewerfer vor einer im Dunst der Straße verschwimmenden Phalanx von Polizisten. Und der einsame polizeiliche Steinewerfer vor einer diesigen Phalanx von Studenten. Da hockt der zusammengeknüppelte, halb besinnungslose Demonstrant am Straßenrand. Da tragen Polizisten ihren bewusstlos geschlagenen Kameraden weg.

Aber zwei Bilder stechen aus dem Wust der fotografischen Eindrücke jener Tage hervor, und keines von beiden bedient die aufgezählten (allesamt wahren) Klischees. Zwei Bilder und drei Blicke. Ein Blick wurde zur Ikone, die anderen beiden sind fast vergessen.

Der Bursche mit dem spöttischen Blick

Das eine Bild zeigt herumstehende Angehörige der paramilitärischen Polizeitruppe CRS (Compagnies Républicaines de Sécurité). Alle tragen ihre glänzenden schwarzen Helme, die schweren dunklen Wolluniformen, Gasmaskentaschen, breite Koppel, Schlagstöcke, Schutzbrillen. Nur einer, der steht da, ein junger Bursche, keine 25, hat den Helm abgezogen, die blonden Haare sind ein wenig verstrubbelt und seinen Mund umspielt etwas Aufmerksames, etwas Interessiertes, auch etwas Spöttisches. Sein Blick begegnet ihrem Blick, der gerade eben noch alles andere zu sein schien: Angewidert, genervt, ablehnend. Nun aber ist er eher verwundert – vielleicht sogar ein ganz klein bisschen interessiert.

Die kaum anderthalb Meter voneinander entfernten Augenpaare treffen sich über dem chaotischen 68er Niemandsland zwischen Links und Rechts. Die junge Studentin, dicker Rollkragenpulli, Minirock, Lederstiefel, geht an dem Schalk in Uniform vorbei. In dem Augenblick klickt der Auslöser. Und danach? Wahrscheinlich geht sie weiter und die beiden sehen sich nie wieder, sie könnte aber auch stehen bleiben oder wenigstens kurz im Schritt innehalten. Und der zurückhaltend überlegene Spott in seinem Blick würde sich dann in reinste Sehnsucht verwandeln. Oder die junge Frau hält inne, dreht sich um und küsst den spöttischen Jungen. Dann wirft der seinen Helm fort und die beiden nehmen zusammen Reißaus. Paris ’68: Alles ist möglich.

Paris 1968, alles ist möglich, auch das Unmögliche

Vielleicht gleich daneben, vielleicht ein paar Straßen weiter, vielleicht ein völlig anderes Arrondissement der französischen Hauptstadt: CRS mischen sich mit einer Gruppe ordentlich gekleideter und unordentlich frisierter junger Männer. Und einer von denen schaut auf zu einem hünenhaft wirkenden Polizisten. Und der junge Mann lächelt, breit, sehr breit. Und der Zeigefinger eines Pressefotografen drückt auf den Auslöser – voilà, die Legende von „Dany le Rouge“– dem roten Dany – ist geboren.

Paris 1968, alles ist möglich, auch das Unmögliche. Auch Legenden. Wie die von dem Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland, zur Welt gekommen in Frankreich knapp nach der Befreiung von den Nazis, aufgewachsen in einer Familie, die nicht mehr recht zusammenhalten konnte, und in einem Europa, das sich erst in langen Jahren würde zusammenraufen müssen – und damit immer noch nicht durch ist. Der lächelnde Junge aber, nicht Jude, nicht Atheist, nicht Franzose, nicht Deutscher, aus Frankreich ausgerechnet nach Deutschland geflüchtet, um dem Kriegsdienst in Algerien zu entgehen, ist in die „Stadt des Lichts“ zurückgekehrt, nun, ein paar Jahre später, als Nonkonformist und Student, als Provokateur und Agitator. Daniel Cohn-Bendit, in Frankreich gleichermaßen bewundert und gefürchtet als „Dany le Rouge“, in Deutschland von der rechten Hetzpresse und ihren kleinbürgerlichen Nazi-Lesern als „Cohn-Bandit“ diffamiert.

Cohn-Bendit, der Verfechter einer sanften grünen Revolution

Cohn-Bendit weiß um die Macht der Bilder und er weiß um die Macht der Aktion, um die Macht des in einem Augenblick faktisch Geschehenen. Wer sich gerade noch einer neuen Idee entziehen wollte, wer den Geist verschließen wollte vor dem bisher Ungedachten, der wird überfallen, aus der Reserve gelockt, der muss sich seiner nicht mehr ganz so bequemen Haut erwehren. „Dany le Rouge“ ist darin ein Meister, auch dann noch, als er längst zu „Dany le Vert“ – dem grünen Dany – geworden ist, zum beredten Verfechter einer sanften grünen Revolution links und rechts des Rheins, in einem Europa erwachsen aus den Trümmern seiner Kriege, Revolutionen und Verbrechen.

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Cohn-Bendit kann das, weil in ihm sich irgendwie jene ur-europäische Figur des Eulenspiegel manifestiert; das gestand der alt gewordene Europaparlamentarier selbst in einem Interview mit der Programmzeitschrift „Moustique“ 2015 bei seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik. Wie der erste Träger dieses Ehrennamens so lässt sich auch Cohn-Bendit niemals wirklich fassen.

Aus den Memoiren wurde ein Buch über Polit-Karriere und Fußball

Allen nach eindeutigen Urteilen geifernden Historikern links wie rechts dreht er 1987 eine lange Nase mit der unverhohlen emotionalen und deshalb umso klügeren 68er-Retrospektive „Wir haben sie so geliebt, die Revolution“. Mit dem Liberalen Guy Verhofstadt schreibt er ein erhabenes Plädoyer „Für Europa“. Zusammen mit dem einst klugen und humanen Konservativen Alexander Gauland machte Deutschlands erster Multikulti-Dezernent reale Politik. Er hat in den 60ern den Kommunismus mit dem Verdikt „senil�� in die Geschichtsbücher verbannt und 2016 mit einem allen Fatalismus hinwegblasenden Buch „Schluss mit dem Blödsinn!“ praktisch den Boden für die Präsidentschaft Emmanuel Macrons bereitet.

Angeblich wollte er in aller Altersruhe seine Memoiren niederschrieben, aber unter dem Titel „Unter den Stollen der Strand“ hat er locker Polit-Karriere und Fußballliebe verwoben. Immer den Schalk im Ohr, das Blitzen in den Augenwinkeln, das unberechenbare Lachen in den Mundwinkeln.

Alles ist immer möglich. Mit einem Blick, mit einem Lächeln, mit einem Lachen. Es braucht nur den Mut für den Augenblick.

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