Odina Bott (links) kämpfte gegen Zersiedelung des Frankfurter Westends.
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Odina Bott (links) 1991 im Erzählcafé mit ihrer Nachfolgerin als AG-Westend-Vorsitzende Barbara Heymann (rechts).

#26 Odina Bott

Die mutige Zunge ist ein scharfes Schwert

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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1970: Odina Bott setzt sich als eine der Ersten gegen die Zersiedelung des Frankfurter Westends ein.

Zeit ihres Lebens hat sich Odina Bott keine Illusionen über ihre Gegner gemacht. Dafür war die Pfarrerstochter zu sehr gebürtige Berlinerin, mit einem mächtigen Mundwerk gesegnet, aber auch mit zupackender Direktheit. Sie lässt sich so schnell nicht einschüchtern. Sie schreibt in den 70er Jahren einmal: „Mit was für Mächten haben wir es zu tun! Diese Kapitalgewalten! Diese vermurkste duckmäuserische Stadtverwaltung!“ Damit ist alles gesagt. Dennoch nimmt die Frankfurterin den Kampf auf gegen die Zerstörung ihres heimischen Wohnviertels, des gutbürgerlichen Westends in Frankfurt am Main. Gegen das Vorrücken immer neuer Bürobauten und Hochhäuser, den Verlust an Grün und Lebensqualität. 1969 schon gründet sie in Frankfurt mit anderen Mitstreitern wie dem Architekten Otto Fresenius eine Gruppe, die heute als älteste Bürgerinitiative Deutschlands gilt: Die Aktionsgemeinschaft Westend (AGW). Sie wird zum Vorbild für unzählige engagierte Menschen, die sich gegen Umweltzerstörung, Wohnraumvernichtung, wachsenden Autoverkehr und andere Missstände wenden. Es ist kein Zufall, dass Odina Bott, die mit ihrem Ehemann, dem Eisenbahner Helmut Paul Bott, 1960 nach Frankfurt am Main zieht, gerade in dieser Großstadt auf solche Resonanz stößt.

Ab den späten 50er Jahren entwickelt sich Frankfurt zur „autogerechten Stadt“. Es sind die Sozialdemokraten, die diese verfehlte Politik verwirklichen, unter deren Folgen Frankfurt heute noch leidet. Immer neue Parkhäuser wachsen, immer breitere Straßen entstehen. Bei seiner Wiederwahl als städtischer Verkehrsdezernent 1967 spricht der spätere Oberbürgermeister Walter Möller (SPD) von der Aufgabe, „die Stadt dem Auto anzupassen“. Die Dienstleistungsbranche wird zum Wachstumsmotor in Frankfurt. Der städtische Planungsdezernent Hans Kampffmeyer (SPD) erklärt das Westend zum Erweiterungsgebiet für die eigentliche City. Mit immer neuen Ausnahmegenehmigungen erlaubt die SPD-geführte Stadtregierung Spekulanten, Wohnhäuser abzureißen und Bürobauten zu errichten. Ein Hochhaus nach dem anderen entsteht. Die CDU im Römer deckt diese Politik in einer großen Koalition.

Es beginnt eher harmlos

Es ist der Nährboden für die Aktionsgemeinschaft Westend und den Widerstand, den Odina Bott organisiert. Es beginnt eher harmlos. 1968 erhält die Genossenschaftliche Zentralbank vom Magistrat die Erlaubnis, am Rande des Rothschildparks ein Bürohochhaus zu bauen. Dafür müssen Bäume im Park gefällt werden. Architekt Fresenius und Bott trommeln die Anwohner zusammen. Am Ende sind es etwa 30 Personen, die im April 1969 die Aktionsgemeinschaft Westend gründen. Das erste große Jahr der AGW wird 1970. Am 14. August demonstrieren schon 200 Menschen in der Innenstadt gegen Bodenspekulation und Wohnraumzerstörung. Sie tragen selbst gefertigte Transparente mit der Aufschrift „Stoppt den Terror der Spekulanten“. Sie fordern lautstark die Abberufung des SPD-Planungsdezernenten Kampffmeyer. Oberbürgermeister Walter Möller (SPD) geht auf die Demonstranten zu und nennt ihren Protest berechtigt. Doch die Forderung, den Stadtrat Kampffmeyer abzulösen, erfüllt der OB nicht.

Auslöser ist der geplante Abbruch des Wohnhauses Mendelssohnstraße/Ecke Kettenhofweg. Schon am 16. August folgt die nächste Demonstration der AGW. Diesmal ist auch die berühmte Schriftstellerin Marie-Luise Kaschnitz dabei, die seit vielen Jahren im Haus Wiesenau 8 im Westend lebt. Aber auch der ehrenamtliche FDP-Stadtrat Dieter Rudolph und die CDU-Stadtverordnete Ruth Beckmann sind mit von der Partie. Es ist zu diesem Zeitpunkt ein bürgerlicher Protest. Doch die Bewegung wächst rasch. Am 19. September 1970 kommt es zur ersten Hausbesetzung in Frankfurt. Italienische, spanische, türkische Arbeiter sowie Studierende und ein Filmkollektiv bemächtigen sich des Hauses Eppsteiner Straße 47. Es ist eine der ersten Hausbesetzungen in Deutschland überhaupt.

Ist Gewalt gegen Sachen erlaubt?

Odina Bott trägt mit sich selbst die Frage aus, wie weit sie gehen darf beim Protest. Ist Gewalt gegen Sachen erlaubt? Bald nehmen die Konflikte mit der Polizei zu, der sogenannte „Häuserkampf“ in Frankfurt beginnt. Bott, die mit ihrem Ehemann im Haus Kettenhofweg 83 wohnt, gesteht später, dass sie aus dem Fenster ihrer Wohnung ein Ei auf Polizisten geworfen habe. Doch es verfängt sich im Astwerk und erreicht sein Ziel nicht.

Der Protest, den sie begonnen hat, radikalisiert sich und geht weit über das hinaus, was die Westendbewohnerin wollte. Schriftstellerin Kaschnitz schreibt in ihrem Tagebuch: „Die Leute im Frankfurter Westend halten es mit den Hausbesetzern, den Studenten … und richten feindselige Blicke auf die Polizeiautos, die Wasserwerfer und was sonst noch in den Zug eingefädelt wird.“ Die SPD-geführte Stadtregierung beruft als Polizeipräsidenten den Sozialdemokraten Knut Müller, um den Protest auf der Straße in den Griff zu bekommen. Müller muss erleben, dass sich seine Tochter bald auf die Seite der Hausbesetzer schlägt.

Odina Bott wird zum Medienstar

Die Häuserkämpfe machen bundesweit Schlagzeilen. Odina Bott und die AGW werden Medienstars. Mehr als 60 Häuser im Westend sind auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen besetzt. Spätere prominente Politiker gehören zu den Häuserkämpfern: Joschka Fischer, der es zum Bundesaußenminister bringen sollte, Tom Koenigs, der für die Grünen Frankfurter Stadtkämmerer und UN-Sonderbeauftragter wird. Am 7. April 1973 schlägt Joschka Fischer auf offener Straße einen Polizeibeamten zusammen, die Szene wird von „FAZ“-Fotograf Lutz Kleinhans festgehalten. Fischer trägt allerdings einen Motorradhelm und ist auf den Fotos nicht zu erkennen, gibt die Tat aber im Jahre 2000 als Bundesaußenminister zu und entschuldigt sich bei dem Polizisten.

1972 reagiert die etablierte Politik im Frankfurter Rathaus auf den Häuserkampf. Der umstrittene Planungsdezernent Kampffmeyer muss nun doch zurücktreten. Auch Polizeipräsident Müller, dem viele Demonstranten besondere Brutalität vorwerfen, wird abberufen. Die Stadt erlässt eine Veränderungssperre für das Westend. Das heißt: Es sollen keine weiteren Wohnhäuser mehr für Bürobauten geopfert werden. Doch viele Spekulanten pochen auf die Sondererlaubnis der Stadt, die sie in Händen halten. Und so geht die Zersiedlung des Westends weiter.

1972 ruft die Kommune auch Ortsbeiräte ins Leben, kleine Stadtteilparlamente, in denen die Menschen ihren Protest gegen die Politik der Stadt vortragen sollen. Odina Bott wird für die SPD Ortsbeirätin im Westend und bleibt es bis zum Jahr 1992. „Ich will nicht die letzte Bewohnerin zwischen Hochhäusern und Banken werden“, schreibt sie hoffnungsvoll. Bott erreicht viel. Sie verhindert mit der AG Westend den geplanten sechsspurigen Ausbau der Bockenheimer Landstraße. Im früheren Rothschildschen Pferdestall Ecke Ulmenstraße und Kettenhofweg gründet die Stadt einen Bürgertreff. Im Grüneburgpark gibt es ein alljährliches Stadtteilfest.

„Eine Zunge wie ein Schwert“

Odina Bott wird eine legendäre Figur. Bei zahlreichen Versammlungen und Sitzungen hält sie mitreißende Reden. „Sie hat eine Zunge wie ein Schwert“, heißt es im Ortsbeirat. In der Stadtverwaltung sind ihre Interventionen gefürchtet. „Die Frau Bott hat auch schon angerufen“, heißt es in den Ämtern ehrfurchtsvoll.

Doch am Ende kann auch die Aktivistin nicht verhindern, dass sich die Büros und die Hochhäuser immer weiter in das Westend hineinfressen. Von den ehemals 40 000 Bewohnern des Viertels wird die Hälfte vertrieben. Die Umweltzerstörung und der Autoverkehr nehmen weiter zu. Der Häuserkampf, den Odina Bott mit ausgelöst hat, ist eine der gesellschaftlichen Wurzeln für die Entstehung der Partei Die Grünen 1980. In Frankfurt Anfang der 70er Jahre diskutieren die Protestierenden aber auch über die Frage, wie viel Gewalt und welche Gewalt beim Protest auf der Straße zulässig ist.

Als Odina Bott 1992 aus Altersgründen den Ortsbeirat 2 verlässt, ruft sie der Runde zu: „Fürchtet euch ruhig weiter vor mir!“ Bald darauf erkrankt sie an Krebs. Sie nimmt den Kampf gegen die Krankheit mit der ihr eigenen Unerschrockenheit auf. „Zeit zu graulen, habe ich nicht“, sagt sie, „es gibt noch viel zu regeln und zu ordnen.“ Am 26. Mai 2000 stirbt Odina Bott im Alter von 77 Jahren. FR-Redakteurin Claudia Michels, die sie über viele Jahre begleitet hat, schreibt in der Frankfurter Rundschau: „Das Herz des Westends hat aufgehört zu schlagen.“ Die SPD veröffentlicht eine Anzeige mit nur drei Worten: „Odina ist tot“. Heute erinnert ein nach ihr benannter Platz Ecke Wiesenau/Freiherr vom Stein-Straße im Frankfurter Westend an die unerschrockene Frau.

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