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Biermann in Köln am 13. November 1976. Drei Tage später ist er heimatlos.

#32 Wolf Biermann

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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1976: Wolf Biermann widersetzt sich dem Parteiapparat der DDR, wird ausgebürgert – und erfindet sich im Westen noch einmal neu.

Größeres Aufsehen hat er zuletzt mit einem Auftritt im Bundestag erregt. Es ist der 9. November 2014, Wolf Biermann ist zur Feierstunde zum Mauerfall-Jubiläum eingeladen. Der Liedermacher und Autor gibt sich aber nicht damit zufrieden, zur Gitarre seinen Hit „Ermutigung“ zu singen – er wendet sich direkt an die Abgeordneten der Linkspartei und attackiert sie als „Drachenbrut“ und „elenden Rest“ der SED. Den Ordnungsruf von Parlamentspräsident Norbert Lammert wischt der Ehrengast mit der Bemerkung zur Seite, er lasse sich nicht den Mund verbieten.

Die hochöffentliche Schimpftirade, in ihrer Derb- und Direktheit typisch für Biermann, schlägt Wellen. „Ein Dichter, ein politischer Dichter zumal, der muss immer etwas weiter gehen als andere Leute“, verteidigt er sich. An Chuzpe und an Selbstbewusstsein mangelt es Wolf Biermann nicht. Ein Provokateur ist er, eine Rampensau – aber auch ein Meister poetischer Sprachkraft und der Schöpfer komplexer Melodien. Und ein Mann mit bewegtem Leben. Der heute 83-Jährige hat entscheidende Phasen der jüngeren deutschen Geschichte aus nächster Nähe miterlebt. Für die Vereinigung war der Fall Biermann vielleicht sogar so etwas wie ein Brandbeschleuniger.

Von diesem prallen Leben erzählt er in seiner charakteristischen, bildgesättigten Sprache – in den Liedern, Büchern, auf dem Podium: Geburt 1936 in Hamburg, die Mutter Maschinenstrickerin, der Vater Werftarbeiter, beide in der KPD. „Der kleine Wolf wurde in einem Kommunistennest ausgebrütet“, beschreibt Biermann seinen Start ins Leben. Der Vater ist Jude; er kämpft gegen die Nazis und wird verhaftet, als das Kind wenige Monate alt ist. Als er schließlich ins Konzentrationslager gebracht und ermordet wird, ist der Sohn sieben. „Diese heillose Wunde blieb lebenslänglich offen“, schreibt Wolf Biermann in seiner Autobiografie: Dieser Grundkummer ist „mein Schreien, mein Quasseln, mein Stottern, all mein Singen, mein Mut, mein Übermut“.

Als der Junge älter wird, impft die Mutter ihm ein, er müsse den Vater rächen. So kommt es, dass der Nachwuchs-Genosse „viel rote Brause im Kopf“ hat. 1953, zu einer Zeit, in der Hunderttausende von Ost nach West fliehen, wählt der 16-Jährige die andere Richtung und will „in der DDR von den richtigen Leuten das Richtige lernen“. Er studiert, erst Politische Ökonomie, dann Philosophie und Mathematik. Für ihn viel wichtiger: Er findet als Regieassistent Zugang zu Brechts Berliner Ensemble. Biermann fängt an, Gedichte und Lieder zu schreiben, steht auf der Bühne, nimmt Schallplatten auf, veröffentlicht Lyrik. Die DDR sieht er immer kritischer, beobachtet, dass „das nicht so klappt mit dem Kommunismus“ und „die ehrlichsten Menschen verfolgt und eingesperrt waren“.

Seine Texte richten sich gegen die Parteibonzen; die Stasi beäugt ihn. Nicht lange nach einem ersten Gastspiel im Westen verhängt das Zentralkomitee der SED 1965 ein Auftritts- und Publikationsverbot. Der Vorwurf lautet, unter anderen, „Skeptizismus“. Doch Biermann – inzwischen so bekannt, dass die Staatsmacht es nicht wagt, sich direkt an ihm zu vergreifen – lässt sich nicht mundtot machen. Er empfängt in seiner legendären Wohnung in der Ost-Berliner Chausseestraße 131 Besucher aus Ost und West. Fans verbreiten seine Texte unter der Hand; die Lieder werden von Tonband zu Tonband überspielt. Biermann erinnert sich an ein gutes DDR-Leben: „Wir sind da nicht wie Trauerklöße rumgelaufen, wir waren frech und lustig und übermütig.“ Für ihn gibt es „sehr wohl ein richtiges Leben im Falschen, nämlich dann, wenn man sich gegen die Unterdrückung wehrt“.

Allen Gästen spielt er seine neuen Lieder vor, und so ist er gut im Training, als sich nach rund zwölf Jahren Auftrittsverbot plötzlich die Gelegenheit zu einer Konzertreise in den Westen bietet. Er fährt nach Köln, singt am 13. November 1976 in der überfüllten Sporthalle vor 8000 Menschen. Viereinhalb Stunden lang, ein Fest. „Ich hatte auch mir selber bewiesen, dass die vielen Jahre des Totalverbots mich nicht ruiniert hatten – im Gegenteil! Der Druck hatte mich gestachelt und eher gestärkt“, schreibt er später darüber.

Drei Tage später beschließt das SED-Politbüro, Biermann nicht mehr einreisen zu lassen. Die Nachricht von seiner Ausbürgerung trifft ihn tief. Heute spricht er von einem „perversen Missverhältnis“, weil so viele damals vom Osten in den Westen wollten und dafür sogar ihr Leben aufs Spiel setzten, während er doch nur in dem deutschen Staat leben wollte, den er noch immer für den besseren hielt. Heinrich Böll bringt es damals auf den Punkt: „Wolf Biermann ist jetzt ein in die Heimat Vertriebener.“

In der vorherigen Heimat bleibt die Ausbürgerung nicht unwidersprochen; Schriftstellerinnen und Künstler fordern die Staatsführung auf, ihren Entscheid zu überdenken. Solchen Widerstand hat das Regime nicht erwartet. Er läutet den Anfang vom Ende der DDR ein – auch wenn es bis dahin noch viele Jahre dauern wird.

Auf der anderen Seite der Mauer will Biermann „nicht davon leben, dass ich meine Ost-Wunden lecke“. Neue Lieder entstehen, er engagiert sich gegen Atommüll und in der Friedensbewegung.

In Paris trifft er den Autor und früheren Kommunisten Manès Sperber, der ihn drängt, seine politische Haltung zu überdenken. Biermann wehrt sich erst, will nicht „meinen ermordeten Vater nochmal totschlagen“. Doch Sperber hat einen Nerv getroffen: „Der hat mir meinen vereiterten kommunistischen Backenzahn gezogen.“ Biermann löst sich von seiner „kritischen Solidarität“ mit dem real existierenden Sozialismus und dokumentiert den Wandel im Lied „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“. Darin heißt es: „Bald sah ich, dass rote Götter auch nur MenschenSchweineHunde (sic.) sind.“ Jahrzehntelang vertretene Positionen in Frage stellen, sich nicht einrichten in der einmal gefundenen Wahrheit – Biermanns Weg führt vom glühenden Kommunisten zum militanten Anti-Kommunisten.

Doch sein eigentlicher Lebenskampf gilt der unterdrückenden Staatsmacht. Er hat sich nie einschüchtern lassen – selbst wenn es gefährlich wurde – und er ist stets den eigenen Maximen gefolgt. Eine solche Radikalität bleibt nicht folgenlos. Notorisch setzt er sich zwischen alle Stühle, er hat sich im Osten wie im Westen viele Feinde gemacht. Vielleicht führt er den einen oder anderen Kampf schlicht um des Kampfes willen, vielleicht braucht er die Konfrontation als Antrieb; Versöhnlichkeit jedenfalls sieht anders aus, das wird die Linkspartei bestätigen. Aber ein Wendehals, ein Opportunist, das ist Biermann wahrlich nicht.

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