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Marielle Franco war die einzige schwarze Frau im 51-köpfigen Stadtrat von Rio de Janeiro.

#62 Marielle Franco

Nichts ist gefährlicher, als zu verstummen

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
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2006: Marielle Franco kämpfte für jene, die in Brasiliens Politik keine Stimme haben. Sie kannte das Risiko - und machte trotzdem weiter.

Der Lärm im Stadtrat von Rio de Janeiro ist ohrenbetäubend. Und er passt nicht so recht in das herrschaftliche Ambiente. Doch die zwei Dutzend Menschen auf den Zuschauerrängen - fast alles Frauen, viele von ihnen Afrobrasilianerinnen - kümmert das nicht. Sie klatschen und singen, rhythmisch, drängend. An der Balustrade prangen Regenbogenflaggen.

Die Frau, die sie anfeuern, steht vorne am Rednerpult. Marielle Franco, 37 Jahre jung, ist eine charismatische Erscheinung. Strahlendes Lächeln, schwarzes Kleid, die Locken hat sie mit einem bunten Tuch zurückgebunden. Mit lauter, klarer Stimme setzt sie an, um ihre erste Rede im Stadtparlament zu halten.

So sieht man es auf einem Video, das im Internet kursiert. Ein lokaler Fernsehsender hat es nach den Kommunalwahlen 2016 veröffentlicht. Doch die Kamera fängt nicht nur das Brodeln auf der Zuschauertribüne ein, sondern auch das Geschehen auf dem Parlamentsparkett wenige Meter tiefer. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Dort stehen und sitzen fast ausschließlich Männer in Anzügen. Einige wirken amüsiert, doch die meisten tragen steinerne Mienen zur Schau, tippen demonstrativ auf ihren Handys herum oder unterhalten sich mit dem Rücken zu Franco.

Dass sie dort steht, dass mehr als 46 000 Menschen sie in das Parlament der zweitgrößten Stadt Brasiliens gewählt haben - das fünftbeste Ergebnis aller Kandidatinnen und Kandidaten -, ist ein Paukenschlag. Franco ist schwarz, sie ist eine Frau, sie stammt aus der Favela, steht politisch weit links, und sie lebt offen lesbisch. Menschen wie sie haben im politischen System Brasiliens kaum eine Chance.

Sie ist nach ihrer Wahl die einzige schwarze Frau im 51-köpfigen Stadtrat, und eine von nur sieben Frauen insgesamt. Sie wird sich damals keine Illusionen darüber gemacht haben, dass ihr Aufstieg vielen nicht passte. Denn obwohl es ihre erste Kandidatur für ein öffentliches Amt ist, kennt sie längst die ungeschriebenen Gesetze der Ausgrenzung. Franco, die mit 19 Jahren Mutter einer Tochter wird, die sie alleine großzieht, ist aufgewachsen im Maré, einer der größten informellen Siedlungen Rios, in denen viele Menschen in Armut leben. Mit elf Jahren muss sich Franco als Straßenhändlerin Geld für ihre Schulgebühren verdienen. Studieren kann sie später nur, weil sie ein Stipendium für benachteiligte Jugendliche bekommt. Und im Maré sieht sie auch eine ihrer Freundinnen im Kugelhagel zwischen der Polizei und einer Drogenbande sterben. Eine Erfahrung, die später als Initialzündung ihres politischen Engagements gilt.

Das Handwerkszeug dafür lernt Franco früh. Bei allen Härten, die ihr Aufwachsen in der Favela mit sich bringt, erfährt sie doch von klein auf Zusammenhalt und Kampfgeist. Als Jugendliche ist sie Teil der bekannten Tanz- und Musikgruppe Furação 2000, sie organisiert Proteste für die Rechte von Frauen und gegen Polizeigewalt in der Favela. In ihrem Element ist Franco mit einem Megafon auf der Straße.

Graswurzelbewegungen gegen Rassismus, soziale Ungleichheit oder Gewalt gegen Frauen sind kraftvoll und laut in Brasilien. Doch nur selten schaffen sie den Sprung in die Zentren der Macht. Auch deswegen sorgt Marielle Francos Marsch durch die Institutionen im progressiven Lager Brasiliens für mehr Aufsehen, als man es von einer Lokalpolitikerin erwarten würde.

Dieser Marsch beginnt im Jahr 2006. Damals tritt sie der linken Partei für Sozialismus und Freiheit (PSOL) bei und arbeitet fortan als politische Beraterin des Kongressabgeordneten Marcelo Freixo. Der hat damals gerade den Vorsitz eines Untersuchungsausschusses zu bewaffneten Milizen in Rio übernommen. Ein zentrales Anliegen für Marielle Franco, denn die paramilitärischen Gangs, meist ehemalige Polizisten, Soldaten oder Personenschützer, haben weite Teile der Favela unter ihrer Kontrolle. Und sie pflegen nicht selten enge Bindungen zur lokalen Politik.

Ein gefährliches Thema: Marcelo Freixo wird wegen seiner Arbeit im Ausschuss mit Morddrohungen überhäuft, bis heute ist er nur mit Personenschützern unterwegs. 2011 ermorden Unbekannte die Richterin Patricia Acioli, die für ihre harte Linie gegenüber korrupten Polizisten bekannt ist.

Doch Marielle Franco wird über die Jahre nicht leiser, sondern immer lauter. Vielleicht, weil die diffuse Bedrohung ohnehin schon immer zu ihrem Leben gehört: „Eine schwarze Frau zu sein, bedeutet, in jedem Moment zu kämpfen und zu überleben“, hat sie 2017 in einem Interview gesagt. Und sie ist überzeugt, dass sie stark sein muss, damit sich für die vielen Menschen in Rio und im ganzen Land, deren Stimmen ungehört bleiben, etwas verbessert. „Sie hat daran geglaubt, dass kollektive Organisation und Solidarität die Welt verändern können“, schrieb ihre Mutter in einem Beitrag für das „Time“-Magazine.

In den anderthalb Jahren nach ihrer auf Video gebannten Antrittsrede bringt Franco 16 Vorschläge im städtischen Parlament ein. Es geht um nächtliche Kinderbetreuung für Schichtarbeiterinnen, Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt, Wohnförderung für arme Familien. Sie reicht Beschwerden ein, wenn wieder ein Jugendlicher in der Favela von der Polizei erschossen wird – und soll 2018 eigentlich den Vorsitz einer Kommission übernehmen, die den gerade beschlossenen Einsatz des Militärs in Rios Armenvierteln überwacht. Doch dazu kommt es nicht mehr.

Am 14. März 2018 wird Marielle Franco auf dem Rücksitz ihres Dienstwagens erschossen. Vier Kugeln durchbohren ihren Kopf, es ist eine Hinrichtung. Auch ihr Fahrer Anderson Gomes wird bei dem Angriff getötet.

Schnell ist klar: Franco ist kein Zufallsopfer. Trotzdem dauert es mehr als ein Jahr, bis zwei Verdächtige festgenommen werden: Es sind ehemalige Polizisten, Mitglieder einer berüchtigten Miliz. Doch wer sie beauftragt hat, ist bis heute nicht bewiesen. Mehrere ihrer Kollegen im Stadtrat standen zwischenzeitlich unter Verdacht, außerdem ein Ex-Politiker mit Verbindungen zur Ölbranche und – der Bolsonaro-Clan. Tatsächlich gibt es diverse Hinweise darauf, dass der heutige Präsident oder einer seiner Söhne, die allesamt hohe politische Posten in Rio wie in der Hauptstadt besetzen, in die Sache verwickelt sein könnten.

Allein die Tatsache, dass all diese Männer ein Motiv für den Mord an Franco hätten, zeigt die Natur des Systems, gegen das sie angetreten ist. „Über Jahre haben wir der Welt ein paradiesisches Postkarten-Image verkauft – das Land des Karnevals, der glücklichen, herzlichen Menschen“, sagte Francos Verlobte Mônica Benício der „New York Times“. „Doch Marielles Hinrichtung und die Wahl des aktuellen Präsidenten haben der Welt gezeigt, dass wir rassistisch sind, dass wir sexistisch, misogyn und LGBT-phobisch sind.“

Doch wenn es das Ziel der Mörder war, Francos Stimme zum Verstummen zu bringen, so muss man sagen: Sie sind gescheitert. Wenige Tage nach ihrem Tod gehen Hunderttausende Menschen auf die Straße, in allen großen Städten Brasiliens. „Marielle presente“ – „Marielle ist hier“ wird zum Schlachtruf - und sie selbst zu einem Symbol des Widerstands gegen den Aufstieg rechter Kräfte weltweit.

Und vielleicht am wichtigsten: Andere folgen ihrem Vorbild. Im Jahr nach ihrem Tod kandidieren in Brasilien mehr schwarze Frauen für Parlamentssitze als jemals zuvor. Im Regionalparlament des Bundesstaats Rio sitzen heute drei ehemalige Weggefährtinnen von Franco, die sich eine eigene Kandidatur früher nicht zugetraut hätten. Ein Paradox? Natürlich mache der Mord an ihrer Freundin ihr Angst, sagte eine der Frauen, Mônica Francisco, der „New York Times“. Doch nichts sei gefährlicher, als sich zurückzuziehen: „Marielle hat verstanden, dass man Machträume besetzen muss, um zu überleben. Es ist ironisch, aber es ist wahr.“

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