Natascha Kampusch kämpft bis heute um ihre Freiheit.
+
Natascha Kampusch: In die Opferrolle wollte sie sich nie begeben. Heute tritt sie häufig als Expertin auf.

#64 Natascha Kampusch

Behalte die Kontrolle über dein Leben

  • Alicia Lindhoff
    vonAlicia Lindhoff
    schließen

2008: Zwei Jahre nachdem sie sich aus der Gewalt ihres Entführers befreit hat, startet Natascha Kampusch eine eigene Talkshow - und merkt, dass sie immer noch um ihre Freiheit kämpfen muss.

„Natascha Kampusch trifft“. So heißt die Talkshow, die im Mai 2008 auf dem kleinen Privatsender Puls-TV Premiere feiert. Der erste Gast, den Kampusch in der plüschigen Bar des Wiener Volkstheaters trifft, ist Niki Lauda. Mit ihm spricht sie über seine schwere Kindheit, über seinen Unfall – und seinen Weg zurück ins Leben. Doch die rund 40 Journalistinnen und Journalisten, die sich in den Raum drängen, sind nicht seinetwegen da. Natürlich nicht. Sie sind da, weil es eine Wahnsinnsgeschichte ist. Kampusch und eine eigene Talkshow? Gerade einmal zwei Jahre, nachdem ihr die Flucht aus dem Kellerverlies ihres Entführers Wolfgang Priklopil gelungen war?

Für die damals 20-Jährige ist es einer von vielen Versuchen, ihren Platz in dieser Welt zu finden, die für sie achteinhalb Jahre lang unerreichbar war. Im selben Jahr, 2008, macht Kampusch auch ihren Hauptschulabschluss und beginnt eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Doch es geht ihr auch darum, erstmals die Seiten zu wechseln: Interviewerin statt Interviewte. Aktiv Handelnde statt mitleidig Begutachtete. Sie will den Stempel „Gewaltopfer“ loswerden, so schreibt sie es später – oder zumindest dafür nutzen, anderen Mut zu machen, dass man aus erfahrenem Leid etwas Positives ziehen, das eigene Leben in den Griff bekommen kann. „Doch gefragt waren solche Beiträge eher selten.“

Als die Öffentlichkeit im August 2006 erfährt, dass Natascha Kampusch noch lebt und wieder aufgetaucht ist, ist die Anteilname zunächst riesig. Menschen auf der ganzen Welt verfolgen ihre unglaubliche Geschichte, in der sich die Angst aller Eltern um ihre Kinder manifestiert. Und weil der Täter Wolfgang Priklopil sich durch seinen Suizid der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen hat, fokussiert sie sich vollständig auf sein Opfer: Natascha Kampusch, das „Mädchen im Keller“.

Doch schon früh mischt sich neben dem Mitgefühl noch etwas anderes in die öffentliche Debatte. Nach ihrem ersten TV-Interview nur zwei Wochen nach der Flucht tauchen die ersten missgünstigen Kommentare auf: Warum verhält sich Kampusch nicht so, wie man es vom Opfer eines so grausamen Verbrechens erwartet? Warum ist sie kein Häufchen Elend, warum spricht sie so eloquent – und warum spricht sie überhaupt? Andere prominente Gewaltopfer haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, oft sogar eine völlig neue Identität angenommen. Doch Natascha Kampusch ist anders. Sie gibt in den folgenden Jahren immer wieder Interviews, sie tritt in Talkshows auf und veröffentlicht insgesamt drei Bücher.

„Mediengeil“ nennen das manche. Andere diagnostizieren einen Schrei nach Aufmerksamkeit. „Mag sein, sie kann nicht anders, mag sein, dass sie nur diese eine Geschichte hat“, schreibt der „Spiegel“ mitleidig nach der Premiere von „Natascha Kampusch trifft“. „Nur warum begibt sich ein Mädchen, das immer wieder klagt, dass so viel (Falsches) über sie berichtet wurde, selber immer wieder in dieses Minenfeld?“

Natürlich geht es Natascha Kampusch in dieser Zeit alles andere als blendend. Natürlich ist sie traumatisiert und kämpft mit den Erinnerungen an die jahrelange Gefangenschaft, die Angst, die Gewalt, die Demütigungen, den Hunger. Aber sie ist überzeugt davon, dass sie all das nur aus einem einzigen Grund überlebt hat: Weil sie sich nie aufgegeben hat. In ihrem 2016 erschienen Buch „Zehn Jahre Freiheit“ schreibt sie, sie habe zwar gezwungenermaßen die Rolle gespielt, die der Täter ihr zugedacht hatte. Er hatte geglaubt, er könne die bisherige Identität das Mädchens auslöschen und es nach seinem Willen formen, es zu einer ihm ergebenen Dienerin und Gefährtin heranziehen. Sie lässt sich von ihm „Bibi“ rufen und nennt ihn „Gebieter“, wenn er es verlangt. Schließlich hängt im Kellerverlies ihr Leben von seiner Gunst ab.

Aber ihren inneren Widerstand gibt sie nie auf. „Ich habe [diese Rolle] nie als meine Lebensrolle angenommen“, schreibt sie. „Ich habe mich nicht brechen lassen.“ Schon als Kind schließt sie einen Pakt mit ihrem älteren Ich, das sie einmal retten soll. Sie stellte es sich groß und stark vor, „selbstbewusst und unabhängig wie die Frauen in meinen Romanen“.

Dem will sie nach ihrer Flucht gerecht werden. Deswegen verweigert sie sich, als Berater ihr nahelegen, ihre Identität zu ändern. Deswegen will sie nicht zulassen, dass nach der Flucht wieder andere Kontrolle über ihr Leben ausüben – und ihre Vorurteile und Fantasien auf sie projizieren. Sie will sich die Deutungshoheit über ihre Geschichte zurückholen – auch wenn das bedeutet, sich immer wieder auf dieses „Minenfeld“ zu bewegen.

Doch für diese ihre wichtigste Überlebensstrategie haben in der vermeintlichen Freiheit viele kein Verständnis, im Gegenteil.

Zur Person

Natascha Kampusch, 32, wurde 1998 als Zehnjährige in Wien entführt. Mehr als acht Jahre verbrachte sie in der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil, der sie in seinem Haus gefangen hielt. Im Alter von 18 Jahren gelang ihr im Jahr 2006 die Flucht. Mittlerweile veröffentlichte Kampusch drei Bücher, darunter eine Autobiografie.

Schon kurz nach ihrer „Selbstbefreiung“, wie Kampusch sie konsequent nennt, kommen die ersten Anschuldigungen gegen sie auf. Der Tenor: Da stimmt etwas nicht, die lügt doch. Medien übertreffen sich mit unseriösen Suggestivfragen: „Warum hat sie immer ein Foto des Peinigers dabei?“, fragt etwa das Schweizer Blatt „20min“. Und die „Bild“ munkelt: „Wie freiwillig war der Sex mit ihrem Entführer?“ Überhaupt ist Kampuschs Sexualität und die Frage, wann, wo und wie der Täter sie zu welchen Praktiken gezwungen haben soll, von größtem Interesse. Im britischen Boulevard ist Kampusch lange nur „The Sex-Slave“, der „Stern“ spekuliert sechs Wochen nach der Flucht über „Sadomaso-Rituale mit Natascha“.

Kampusch selbst empfindet diese Fixierung als eine weitere Form des Missbrauchs. „Weil sie die perfide Gesamtstrategie des Täters auf die Befriedigung eines Triebes reduzierte und es so klingt, als hätte er an mir ‚nur‘ dieses eine Verbrechen verübt.“

Die österreichische Gratiszeitung „Heute“ veröffentlicht 2008 einen Artikel, in dem sie aus dem Zusammenhang gerissene Teile geheimer Verhörprotokolle zitiert. Darin zeichnet Natascha Kampusch ein differenziertes Bild des Täters, beschreibt keine Sexbestie, sondern einen labilen Mann mit Sauberkeitszwang, der psychisch und körperlich gewalttätig war, aber eben auch ihre einzige Bezugsperson, und mit dem sie zwangsläufig den Alltag teilte.

Danach brechen endgültig die Dämme. Immer mehr Menschen nennen Kampusch eine Lügnerin. Mal wird ihr, die zum Zeitpunkt der Entführung im Grundschulalter war, vorgeworfen, freiwillig bei Priklopil geblieben und eine Liebesbeziehung mit ihm gehabt zu haben. Dann heißt es, sie verschweige Details der Tat, decke weitere Mittäter oder einen gesamten Kinderpornoring. Ihre Eltern geraten in den Fokus, die Kindheit in einer Hochhaussiedlung bei Wien, der Alkoholkonsum ihres Vaters. Haben die Eltern mit ihrer Entführung zu tun gehabt? Im Internet und auf der Straße schlägt ihr offener Hass entgegen. Sie bekommt Briefe mit Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, in denen ihr vorgeworfen wird, sie habe Priklopil in den Tod getrieben.

Auch Politiker und sogar Ermittler beteiligen sich an den Spekulationen. Besonders die FPÖ nutzt den Fall zur Profilierung, wirft den Behörden Vertuschung vor. Heinz-Christian Strache geht so weit, auf einer Pressekonferenz zu behaupten, es sei „wahrscheinlich“, dass Kampusch in ihrem Verlies ein Kind zur Welt gebracht habe, das seitdem unter Verschluss gehalten werde. Und sogar Ludwig Adamovich, Ex-Verfassungsgerichtspräsident und Vorsitzender einer Evaluierungskommission zum Fall Kampusch, sagt in einem Interview: „Sollte sich herausstellen, dass die Einzeltätertheorie nicht stimmt, dann verlieren etliche Menschen ihr Gesicht. An erster Stelle Natascha Kampusch selbst.“

Woher kommt dieses Verlangen danach, das Opfer zur Täterin zu machen? Bei vielen Medien steckt wohl reines Geschäftsinteresse dahinter. Jedes Mal, wenn sie vermeintlich „pikante Details“ ausgraben, mit reißerischen Suggestivfragen Neugier schüren oder der eigentlich längst ausermittelten Geschichte von Natascha Kampusch einen neuen „Dreh“ verpassen, gehen Heftverkäufe und Klickzahlen hoch – völlig egal, ob auch nur ein Fitzelchen Wahrheit dran ist. Ein Prinzip, das heute gerade viele Onlinemedien bis zur Perfektion gebracht haben.

Doch Natascha Kampusch hat eine weitere Theorie. „Verbrechen wie jenes an mir helfen, das Gerüst von Gut und Böse, an dem die Gesellschaft festhält, zu zementieren.“ Hier das hilflose Opfer, das in den Schoß der ehrenwerten Gesellschaft zurückkehrt, da der abgrundtief böse Täter, das Monster. Sie habe an diesem Gerüst gerüttelt, indem sie sich nicht in die Rolle des Opferlamms fügte, – und sich zugleich der Dämonisierung des Täters verweigerte. „Er war ein Mensch, keine Bestie, geprägt von seiner Umgebung“, schreibt sie in ihrem Buch. Doch was sagt es über eine Umgebung aus, wenn in ihrer Mitte solche Taten verübt werden?

Ihr Fall halte der Gesellschaft den Spiegel vor – und keinen schmeichelhaften. Die Verachtung für Frauen, ein „merkwürdiges“ Verständnis von Sexualität und der „alltägliche Wahnsinn in Familien in unmittelbarer Umgebung, in der Nachbarschaft, in der Öffentlichkeit“. All das seien noch immer Tabuthemen, vor denen viele Menschen am liebsten die Augen verschlössen. Wir sehen hin, wenn uns die Neugier treibt, und sehen weg, wenn wir Angst haben, überfordert zu sein mit dem, was wir da sehen.“

Die Talkshow „Natascha trifft“ wurde 2008 nach nur drei Folgen abgesetzt. Doch in den vergangenen Jahren ist Kampusch immer häufiger als Expertin statt als Opfer geladen. Sie spricht in Talkshows über die politische Lage in Österreich, twittert über Feminismus und hat 2019 ein Buch über Online-Diskriminierung und Strategien dagegen geschrieben.

Ist das also der Beweis, dass Kampusch es „geschafft“ hat, dass sie es allen gezeigt hat, die glaubten – oder hofften –, dass sie nicht durchhalten würde. Natascha Kampusch selbst will sich heute an solchen Maßstäben nicht mehr messen: „Für mich ist es schon ein Sieg, dass ich noch lebe.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare