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Astronaut John Glenn vertraute Johnsons Rechenkünsten mehr als dem Computer.

#16 Katherine Johnson

Nach Sternen und Chancen greifen

  • Tanja Banner
    vonTanja Banner
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1969: Die Mathematikerin Katherine Johnson war als Schwarze Frau doppelt benachteiligt – und für die Raumfahrtagentur Nasa unentbehrlich.

Ohne Katherine Johnson hätte es die erste Mondlandung vielleicht nicht gegeben. Oder die erste Umrundung der Erde durch einen Amerikaner. Und auch bei der verunglückten Mission „Apollo 13“ war Johnsons Einsatz unentbehrlich. Trotz dieser großen Leistungen war Katherine Johnson jahrzehntelang niemandem ein Begriff – bis das Buch „Hidden Figures“ von Margot Lee Shetterley und die gleichnamige Hollywood-Verfilmung, gepaart mit der PR-Maschinerie der Nasa, Katherine Johnson zu spätem Ruhm verhalfen.

Nun kennt man die Frau, die im Februar 2020 im Alter von 101 Jahren gestorben ist. Man kennt sie nicht nur wegen ihrer bahnbrechenden Arbeit für die Nasa, sondern auch für ihre Rolle als Wegbereiterin für künftige Generationen: Katherine Johnson war nicht nur eine Frau – was in ihrer Branche ganz und gar ungewöhnlich war. Sie war noch dazu schwarz und lebte in einer Zeit, in der es in den USA noch Rassentrennung gab.

Katherine Johnson saß in einer Abteilung, deren Frauen „human computers" hießen

Dass Katherin Johnson eines Tages als Mathematik-Genie gelten würde, deutet sich in ihrer Biografie rückblickend bereits in ihrer Kindheit an: Sie zählte für ihr Leben gerne. „Alles, was man zählen konnte, habe ich gezählt“, wird Johnson häufig zitiert. Und so ging es auch weiter: Johnson übersprang Schulklassen und studierte anschließend Mathematik. Doch eine Karriere in diesem Fachgebiet blieb ihr wegen ihrer Hautfarbe zunächst verschlossen. So wurde Johnson erst Lehrerin, bevor sie mit ihren drei Kindern zuhause blieb.

In den 1950er Jahren nahm Johnson noch einen Anlauf, ihre Passion zum Beruf zu machen. Sie hatte erfahren, dass bei der Nasa schwarze Frauen mit mathematischer Ausbildung eingestellt wurden. Johnson kam in eine Abteilung, in der aufgrund der damals noch herrschenden Rassentrennung nur schwarze Frauen saßen und Berechnungen anstellten. Sie galten als „human computers“, menschliche Computer. Mechanische Computer gab es noch nicht – und so berechneten die Frauen alles, was die (männlichen, weißen) Ingenieure für ihre Arbeit benötigten: Flugbahnen, Treibstoffmengen und vieles andere mehr.

Zu Johnsons größten Leistungen gehören die Berechnungen für die Apollo-Missionen

Johnson berechnete beispielsweise die Flugbahn für die Mission „Friendship 7“ von Alan Shepard, die ihn als ersten US-Amerikaner ins All brachte. Beim Flug von John Glenn 1962 waren bereits die ersten Computer bei der Nasa im Einsatz. Doch dem Astronauten war nicht wohl dabei, sein Leben aufs Spiel zu setzen, nachdem nur ein Computer die Daten berechnet hatte – Computer galten als fehleranfällig und hatten Aussetzer. Also bat Glenn darum, dass Katherine Johnson die Daten nachrechnen solle: „Wenn sie sagt, sie sind gut, dann bin ich bereit zu fliegen“, erinnerte sich Johnson an das, was Glenn damals gesagt hatte. Der Rest ist Geschichte: Johnson rechnete, Glenn flog – und umkreiste als erster Amerikaner die Erde.

Zu ihren größten Leistungen in der Raumfahrt zählte Johnson ihre Berechnungen, die die Mondmodule der Apollo-Missionen mit den Kommandokapsel in der Mondumlaufbahn synchronisierten. Johnson war auch an der Berechnung der Flugbahn für die erste Mondlandung beteiligt und berechnete den improvisierten Rückflug der missglückten Mission Apollo 13.

Johnson nahm an Briefings teil, zu denen Frauen eigentlich keinen Zutritt hatten

Später war Katherine Johnson am Space-Shuttle-Programm beteiligt und hat zahlreiche Abhandlungen zur Raumfahrt verfasst – unter anderem war sie 1960 die erste Frau ihrer Abteilung, die namentlich als Autorin eines Nasa-Papers genannt wurde.

Doch ihre wahrscheinlich größte Leistung ist eine ganz andere: Sie hat es geschafft, in einer von Männern dominierten Branche Fuß zu fassen. Trotz ihrer Hautfarbe und obwohl man ihr zahlreiche Steine in den Weg legte, hat sie es geschafft, sich hochzuarbeiten. Auch dank ihrer Beharrlichkeit: Sie nahm an Briefings teil, obwohl es im Vorfeld hieß, Frauen hätten keinen Zutritt. Sie stellte Fragen, sie forderte das ein, was ihr zustand. So gilt Johnson heute nicht nur als Mathematik-Genie, das maßgeblich an der US-Raumfahrt beteiligt war, sondern auch als eine Frau, die dazu beigetragen hat, dass Frauen und Schwarzen heute mehr Türen offen stehen.

2015 erhielt Johnson vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama die höchste zivile Auszeichnung der USA, die Presidential Medal of Freedom. „In ihren 33 Jahren bei der Nasa war Katherine eine Pionierin, die die Barrieren von Rasse und Geschlecht durchbrach“, betonte Obama bei der Verleihung. „Sie zeigte Generationen junger Menschen, dass jeder in Mathematik und Wissenschaften hervorragend sein und nach den Sternen greifen kann“.

Im Jahr nach der Auszeichnung nahm Johnson an der Oscar-Verleihung in Hollywood teil. Trotz drei Nominierungen gewann der Film „Hidden Figures“ keine der begehrten Trophäen – doch Johnson bekam dort etwas viel Wertvolleres: Standing Ovations und öffentliche Anerkennung vor einem Millionenpublikum. Nasa-Chef Jim Bridenstine betonte nach ihrem Tod im Februar: „Sie war eine amerikanische Heldin und ihr Vermächtnis wird niemals vergessen werden.“

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