Der Chefredakteur und Herausgeber des Spiegel, Rudolf Augstein, vor einem Gerichtstermin 1962
+
November 1962: Rudolf Augstein wird aus dem Untersuchungsgefängnis vorgeführt.

#18 Rudolf Augstein

Mut verträgt eine Portion Vorsicht

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
    schließen

1962: Rudolf Augstein und die „Spiegel-Affäre“ – die nicht so ganz einfache Geburt eines Helden

Fallex 62‘ war das erste Manöver der Nato, dem die Annahme zugrunde lag, dass der dritte Weltkrieg mit einem Großangriff auf Europa beginnen würde.“ So hieß es gleich zu Beginn eines Artikels, der bundesrepublikanische Geschichte mal nicht nur beschrieb, sondern schrieb. Er erschien in der Ausgabe vom 10. Oktober 1962 im „Spiegel“, die freilich schon am 8. Oktober veröffentlicht wurde. Es war die Titelgeschichte des Blattes. Ihr Titel: „Bedingt abwehrbereit“. Der Bundesanwalt vermutete „Landesverrat“, der zuständige Ermittler der Behörde war Siegfried Buback.

Am 23. Oktober erließ der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof Haftbefehle gegen sieben „Spiegel“-Redakteure, darunter Conrad Ahlers, Klaus Jacobi und den Eigentümer, Herausgeber und Chefredakteur des „Spiegel“, Rudolf Augstein. Noch am selben Abend durchsuchte die Polizei die Redaktion in Hamburg und kurz danach auch die des Bonner Büros der Zeitschrift. Die Durchsuchung dauerte bis zum 25. November.

In der Spiegel-Affäre reagiert die Bevölkerung völlig unerwartet

Der „Spiegel“ konnte dennoch weiter erscheinen. Er war damals zusammen mit „Die Zeit“, „Stern“ und „Morgenpost“ im Hamburger Pressehaus untergebracht. Die Kollegen, auch die des Springer Verlages, unterstützten die Redaktion. Völlig unerwartet war aber vor allem die politische Empörung in der Bevölkerung. Der Ruhm des „Spiegel“ als „Flaggschiff der Demokratie“ wurde damals geboren, und Rudolf Augstein, der seinen Verlag riskiert hatte für die Veröffentlichung der Wahrheit, wurde für viele ein Vorbild, dem man nachstrebte, ohne jemals auch nur die geringste Aussicht zu haben, es erreichen zu können.

Wer heute den Artikel „Bedingt abwehrbereit“ liest – man muss nur diesen Titel eingeben und schon spuckt die Suchmaschine, dem „Spiegel“ sei Dank -, wundert, nein freut man sich über die glückliche Verbindung von Übersichtlichkeit und Detailfreudigkeit. Der Artikel war eine Attacke auf den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der Atombomben als einzige Möglichkeit der Verteidigung der Bundesrepublik sah. Sie seien, so Strauß, effektiver und billiger als der Aufbau konventioneller Verteidigungssysteme. Für ihn war völlig klar, dass die Bundesrepublik sich nur mit einem Atomschlag retten konnte, der dem sowjetischen Angriff zuvor kam.

„Zur Abwehr bedingt geeignet", berichtet der Spiegel

Die Nato, die lange dieser Strategie angehangen hatte, war aber inzwischen der Auffassung, dass man – ganz gleichgültig wie viele Atomsprengköpfe man habe -, einem konventionell vorgehenden Angreifer auch konventionell begegnen müsse. 1962 hatten weder die UdSSR noch die USA die Möglichkeit, mit einem atomaren Erstschlag so entscheidend zu treffen, dass der Angegriffene nicht atomar zurückschlagen konnte. Atomar bestand das Gleichgewicht des Schreckens. Konventionell gab es ein bedeutendes Übergewicht des Warschauer Paktes. Die Nato sah ihre Aufgabe darin, das zu ändern. Dagegen lief Strauß Amok. Der Artikel schilderte diesen Amoklauf, und er machte klar, dass genau deswegen die Bundesrepublik die niedrigste Bewertung auf der Nato-Skala hatte: „Zur Abwehr bedingt geeignet“.

„Fallex 62“ (Fall Exercise = Herbstmanöver 1962) war eine Stabsrahmenübung der Nato, die vom 21. bis 28 September 1962 stattfand. Der „Spiegel“ schrieb am 10.10.1962: „Der dritte Weltkrieg begann an jenem Freitag vor fast drei Wochen in den frühen Abendstunden. Die Manöverleitung ließ eine Atombombe von mittlerer Sprengkraft über einem Fliegerhorst der Bundeswehr explodieren. Weitere Atomschläge gegen die Flugplätze und Raketenstellungen der Nato in der Bundesrepublik, in England, Italien und der Türkei folgten. Es gelang den Russen jedoch nicht, mit dieser ersten Atomsalve die Vergeltungswaffen des Atlantikpaktes auszuschalten. Etwa zwei Drittel der westlichen Atomwaffenträger blieben intakt. Die 14-tägige Spannungszeit, die dem russischen Papierangriff vorausging, war von der Nato genutzt worden, um ihre Raketen zu tarnen und einen großen Teil ihrer Flugzeuge ständig in der Luft zu halten oder auf vorbereiteten Ausweichplätzen zu stationieren. Aber auch der sofortige Gegenschlag dieser Nato-Verbände konnte die rote Aggression nicht im Keim ersticken. Der Osten behielt genügend Divisionen und Atombomben, um seinen Angriff voranzutreiben. Nach wenigen Tagen waren erhebliche Teile Englands und der Bundesrepublik völlig zerstört. In beiden Ländern rechnete man mit zehn bis fünfzehn Millionen Toten. In den Vereinigten Staaten, die inzwischen von mehreren sowjetischen Wasserstoffbomben getroffen wurden, waren die Verluste noch größer.“

Conrad Ahlers war der Hauptautor des Artikels. Die wichtigste Information, nämlich die interne Nato-Auswertung der Übung, hatte der Oberst im Generalstab Alfred Martin dem Blatt zur Verfügung gestellt. Dieses Fazit lautete: „Mit Raketen an Stelle von Brigaden und mit Atom-Granatwerfern an Stelle von Soldaten ist eine Vorwärtsverteidigung der Bundeswehr nicht möglich, eine wirksame Abschreckung bleibt fraglich.“ Beim Lesen wurde klar: Die Strategie des Verteidigungsministers der Bundesrepublik, Franz Joseph Strauß, führte stracks in den Atomtod.

Der Bundesgerichtshof entlastet den Spiegel

Die „Spiegel“-Leute und Alfred Martin wurden verhaftet, die Verfahren allerdings zum Teil gar nicht erst eröffnet oder auch sehr anders entschieden, als man das in der Bundesrepublik damals erwartet hatte. Ein Verfahren gegen den damaligen Hamburger Innensenator Helmut Schmidt wurde erst Anfang 1965 eingestellt. Die Bundesanwaltschaft ermittelte gegen ihn wegen Beihilfe zum Landesverrat, weil Schmidt, als Ahlers ihm den Artikel vor der Veröffentlichung vorlegte, auf strafrechtliche Veröffentlichungshindernisse aufmerksam gemacht hatte.

Im Mai 1965 erklärte der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs, es lägen keine Beweise vor, die einen wissentlichen Verrat von Staatsgeheimnissen belegten. Die Veröffentlichungen des „Spiegel“ entsprachen, so das Gericht „dem damaligen Stand der öffentlichen Unterrichtung“. Für gegnerische Geheimdienste war der Artikel uninteressant. Auch das Verfahren gegen Alfred Martin wurde eingestellt.

Es gibt ein Foto, unter dem steht: „Sitzstreik vor der Frankfurter Hauptwache am 30. Oktober 1962“. Es sind sehr wenige Menschen, überwiegend Männer, die sich auf das Pflaster gesetzt haben, wohl nicht um den Verkehr aufzuhalten, sondern um ihrem Protest gegen das Vorgehen der Obrigkeit gegen die Presse Ausdruck zu verleihen. Ich war damals dabei. Vielleicht nicht an diesem Tag, aber vielleicht am Samstag, und auch nicht bei den Protestierern. Als 16-jähriger Zuschauer stellte ich mich zu den Gruppen, die miteinander diskutierten: Landesverrat. Atombombe, Kuba. Augstein, da gab ich den jungen Männern recht, war ein Held. Er verteidigte unsere Freiheit gegen einen hochgefährlichen Verteidigungsminister. „Augstein raus, Strauß rein“ war eine damals oft gehörte Parole. 103 Tage lang wurde Rudolf Augstein in Untersuchungshaft gehalten.

Eine Finte? Der BND signalisierte dem Spiegel, dass kein Geheimnisverrat vorliege

Es war die erste Demonstration, die ich mitbekam. Der Funke des Protests sprang damals noch nicht auf mich über. Ich spielte lieber in der von mir gegründeten Theatergruppe. Ein paar Jahre später war ich dann bei den 68ern dabei.

Ich wusste damals nicht, dass der Verlagsdirektor des „Spiegel“ vor der Veröffentlichung des Artikels eine Liste mit 13 Fragen: Ist dies oder jenes wirklich geheim? an Adolf Wicht, Pressereferent des BND in Hamburg, geschickt hatte. Der schickte die Fragen an die BND-Zentrale in Pullach. Erst als von dort signalisiert wurde, dass kein Geheimnisverrat vorlag, soll Augstein das Okay zur Veröffentlichung gegeben haben. Zwei vom BND monierte Punkte wurden vor dem Druck von der Redaktion noch korrigiert.

Ich muss gestehen, dass diese Vorgeschichte mich den Helden Rudolf Augstein mit anderen Augen sehen lässt. Er hat sich mehrfach rückversichert. Bewundernswert vernünftig, aber doch das Gegenteil eines Heldenstückes. Allerdings wirft der Vorgang ein ganz anderes Licht auf die „Spiegel-Affäre“. Jetzt scheint es nämlich denkbar, dass Strauß Augstein mit Hilfe des BND eine Falle gestellt hatte. Der hatte die Veröffentlichung als problemlos bezeichnet und sie so erst ermöglicht. Damit konnte Strauß gegen sie vorgehen. Das sollte das Ende des „Spiegel“ sein.

Selbst der Kanzler spricht von einem „Abgrund von Landesverrat“

Wir wissen: Es kam anders. Das Komplott scheiterte kläglich. Es kam zu einer sicher nicht eingeplanten Bundestagsdebatte am 7. November, bei der Konrad Adenauer die politische Dummheit beging, seinem Verteidigungsminister folgend, von einem „Abgrund von Landesverrat“ zu sprechen.

Strauß’ Verschwörung scheiterte an der bundesrepublikanischen Presse, die dem „Spiegel“ half, weiter zu erscheinen und an einer Öffentlichkeit, die sich von einer Regierung, die offenkundig bereit war, sie in den Atomtod zu schicken, nicht mehr für dumm verkaufen ließ. Vor allem aber scheiterte sie an der Kuba-Krise. „Fallex 62“ war ein gespielter Atomkrieg, der vom 21. bis 28. September in der BRD stattfand. Als der „Spiegel“-Artikel darüber in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, stand mit einem Male der reale Atomkrieg vor der Tür. Am 22. Oktober informierte US-Präsident John F. Kennedy, dass die Sowjetunion dabei sei, auf Kuba – nur 200 Kilometer von Florida entfernt – Atomraketen zu stationieren. Mit einem Male ging es nicht nur um Manöver, sondern um richtigen Krieg. Die Welt war nie wieder so nahe an einer nuklearen Auseinandersetzung – am Atomtod – wie in diesen Tagen bis zum 27. Oktober. 1957 hatte Adenauer erklärt, taktische Atomwaffen seien „nichts weiter als die Weiterentwicklung der Artillerie. Natürlich können wir darauf nicht verzichten“. Als es 1962 ernst zu werden drohte, gab es in großen Teilen der Bevölkerung kein Verständnis mehr für die Atom-Kraftmeierei.

Die Kuba-Krise war mit konventionellen Mitteln gelöst worden. Der Einsatz von Atombomben wäre verheerend gewesen. Die Atomspiele von „Fallex 62“ und ihre erwiesene Widersinnigkeit waren keine zu schützenden Geheimnisse mehr. Franz Joseph Strauß war selbst in die von ihm aufgestellte Falle geraten, denke ich mir heute.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare