Petra Kelly, 1979: Eine „Jeanne d’Arc der Jetztzeit“.
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Grüne Vorkämpferin: Petra Kelly, 1979 bei einer Pressekonferenz in Bonn.

# 35 Petra Kelly

Petra Kelly: Politische Visionärin, Spitzenkandidatin und Umweltaktivistin

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
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1979: Petra Kelly, Ikone der Friedensbewegung, kandidiert für das Europäische Parlament. Sie lebte den globalen Gedanken und ist internationale und radikale Vordenkerin.

  • Petra Kelly steht für ein neues politisches Bewusstsein der jungen Generation.
  • In den 1970er und 80er Jahren ist sie eine international vernetzte Vordenkerin ihrer Zeit.
  • Durch ihren tragischen Tod wird ihre Leistung und ihr Mut oft kleingemacht.

Ist Petra Kelly zu neuem Leben erwacht? Wurde sie in Greta Thunberg wiedergeboren? Dieser Gedanke schoss der Journalistin Gela Koll durch den Kopf, als die schwedische Klimaaktivistin vor wenigen Jahren in die Öffentlichkeit trat. Bei Greta entdeckte Gela Koll die gleiche ernsthafte Unbedingtheit, die gleiche Leidenschaft und sture Unbeirrbarkeit, die sie von Petra Kelly kannte. Und den gleichen Mut.

Petra Kelly formuliert die Ansprüche der jungen Generation

Die Geschichte der Grünen, ihre Entwicklung von der sozialen Bewegung zur Antiparteien-Partei, ihr erster Einzug in den Bundestag – all das ist untrennbar mit der Frontfrau Petra Kelly verbunden. „Mit dem Herzen denken“ überschrieb sie ihre Texte zu einer gewalt- und angstfreien Politik. Und formulierte damit den Anspruch einer jungen Generation auf ein neues politisches Bewusstsein.

Ina Fuchs hat die prominente Grüne über viele Jahre begleitet. Als Petra Kelly und ihr Lebensgefährte Gert Bastian 1983 in den Bundestag gewählt wurden, übernahm Ina Fuchs die Leitung von Bastians Abgeordnetenbüro. Sie erzählt:

Hat globalen Gedanken mehr gelebt als alle anderen: Petra Kelly

Egal, wo du mit Petra unterwegs warst – immer stand sie im Mittelpunkt. Bei der Großen Friedensdemo im Bonner Hofgarten war ich an ihrer Seite. Sie sollte bei der Kundgebung auftreten und alle Redner trafen sich vorher im Hinterzimmer einer Kneipe. Willy Brandt war dabei und Heinrich Böll. Aber als Petra dazukam war sie der Star.

Charismatisch und radikal. Petra Kelly war lange der hellste Stern am grünen Firmament. Und keineswegs nur in der Bundesrepublik. Sie lebte und arbeitete über Grenzen hinweg, ein Leitbild für alle, die eine andere Gesellschaft wollten. Claudia Roth von den Grünen: „Petra war eigentlich diejenige, die den globalen Gedanken gelebt hat, mehr als alle anderen, inklusive Joschka Fischer.“ Gegen die atomare Bedrohung! Umweltschutz! Pazifismus! Frauenrechte! Mit ihren politischen Visionen war Petra Kelly in den 1970er und 80er Jahren eine international vernetzte Vordenkerin ihrer Zeit. Ina Fuchs:

Plötzlich stand Joan Baez bei uns in der Tür des Abgeordnetenbüros. Sie war wegen einer Konferenz in Westdeutschland und wollte Petra besuchen. Joan Baez kam auf Petra zu, umarmte sie, hielt sie dann ein bisschen von sich weg und sagte: „Hello, my little hysterical one.“

Eine Getriebene, die auch andere trieb

Hysterisch? Diese Charakterisierung ist wohl überpointiert, lässt aber ahnen, was Petra Kelly ausmachte. Schnelles Denken und Reden, permanente Atemlosigkeit, laufen nicht gehen, ständige Nachtarbeit und zu wenig Schlaf, immer mehr wollen und verlangen als zu bewältigen war. Eine Getriebene, die auch andere trieb. Und dabei etwas Asketisches hatte. Ina Fuchs:

Wenn ich sie umarmte, hatte ich das Gefühl, ich habe eigentlich nichts im Arm. Als sie und Gert einmal bei mir zum Abendessen waren, brachte sie es fertig, ein Salatblatt in drei Teile zu teilen. Das war’s. Sie machte immer den Eindruck, als müsste sie den Kummer, das Leid und die ganze Versehrtheit der Welt allein auf ihren Schultern tragen – und es dann auch zu ändern.

Eine grüne Mutter Theresa? Nicht zufällig wollte die kleine, hochintelligente Petra zunächst Nonne werden, den missionarischen Eifer hat sie nie abgelegt. Bereits als Neunzehnjährige, da lebte sie noch in den USA, engagierte sie sich im Präsidentschaftswahlkampf für Robert F. Kennedy. In den 1970 Jahren begann ihr kometenhafter Aufstieg an die Spitze der links-alternativen Politszene. Als prominente Umweltaktivistin, als Spitzenkandidatin der Wahlliste „Sonstige Politische Vereinigungen Die Grünen“ für die Europawahl 1979, als eine der Gründer:innen der Partei 1980, als deren erste und langjährige Sprecherin, als Trägerin des Alternativen Nobelpreises 1982 und 1983 als „Frau des Jahres“ in den USA.

Die Grünen wollten sich den Strukturen fügen – Petra Kelly nicht

Und ausgerechnet so eine mutige Vorkämpferin sollte sich dann den verkrusteten Verhältnissen der deutschen Parteiendemokratie anpassen? Ina Fuchs:

Die Grünen wollten sich einfädeln in die Strukturen, Petra nicht. Sie hat unablässig Ansprüche formuliert. Nicht nur an sich, sondern auch, was ihre Partei politisch bewegen sollte. Außerdem hatten viele grüne Männer Probleme mit starken Frauen. Auch für die grünen Frauen war sie manches Mal eine Zumutung, aber da gab es mehr Solidarität untereinander.

Ohne Rücksicht auf sich oder ihre Mitstreiter:innen

Petra Kelly nahm wenig Rücksicht, auch nicht auf ihre Mitstreiter:innen. Kaum waren die Grünen in den Bundestag eingezogen, begannen sie das Image der Anti-Parteien-Partei abzuwerfen. Der Weg in die Institution forderte Opfer. Heißt es nicht, Politikmachen sei die Kunst der Kompromisse? Nicht für Petra Kelly. „Die Sozialdemokratisierung der Grünen schreitet voran. Wenn das so weitergeht, frage ich mich: Wozu denn noch eine grüne Partei?“, konstatierte sie in einem Interview. „Viele sehen darin den Ausdruck eines Reifungsprozesses. Wieso ist es ein Zeichen von Reife, wenn eine Partei ihre Identität und ihr Profil preisgibt?“

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Meist wird die Geschichte der Petra Kelly von hinten her erzählt, ihr Leben vor dem Hintergrund ihres tragischen Todes gespiegelt. Auch so kann man die Leistungen eines Menschen kleinmachen. Ihre politische Bedeutung verschwindet dann hinter dem Grauen des Endes. Im Oktober 1992 werden Petra Kelly und Gert Bastian tot in ihrem Bonner Haus gefunden. Dort lebte sie nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 1990 ziemlich isoliert und einsam mit kaum mehr Kontakt zu ihrer Partei, wenn auch international noch sehr gefragt. Fest steht, dass Gert Bastian seine Lebensgefährtin im Schlaf erschoss und dann sich selbst. Ina Fuchs:

Tragischer Tod stellt Petra Kellys beeindruckendes Leben in den Schatten

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Petra ihrem Tod zugestimmt hat. Sie hat oft gesagt, dass sie ohne Gert nicht leben kann. Aber das war ganz sicher metaphorisch gemeint. Ich halte es für ein tragisches Missverständnis, dass Gert diese Aussage wohl wörtlich genommen hat. Petra hatte Pläne! Und wenn nichts auf der Welt sie aufrechterhalten hätte – Pläne konnten das.

Wahrscheinlich war es ein erweiterter Suizid aus klassischer Männerperspektive: Der General konnte sich nicht vorstellen, dass seine unter Angstzuständen leidende Freundin ohne ihn weiterleben könnte. Nach ihrem Tod sprach Joschka Fischer von Petra Kelly als einer „Heiligen“, einer „Jeanne d’Arc der Jetztzeit“. Ina Fuchs:

Jeanne d’Arc? Das passt zu ihr. Aber sie war nicht nur eine mutige Jeanne d’Arc, sondern in ihrem oft einsamen Kampf auch eine Don Quijote.

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