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Mandela auf der Gefängnisinsel Robben Island.

#50 Nelson Mandela

Mut ist, sich der Furcht zu stellen

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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1994: Nach Jahren im Gefängnis wird Nelson Mandela erster schwarzer Präsident Südafrikas. Er eint ein tief gespaltenes Land.

Nelson Mandela hat in seinem Leben mehr Mut gezeigt, als die meisten von uns in Filmen gesehen haben. Das südafrikanische Polt-Idol organisierte zu Beginn der 1960er Jahre den bewaffneten Widerstand des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC): Auf diese Tätigkeit stand im Apartheidstaat die Todesstrafe. Als er 1962 der Polizei in die Hände fällt und wegen revolutionärer Umtriebe vor Gericht gestellt wird, leugnet er weder seine Tat noch fleht er um mildernde Umstände.

Vielmehr schleudert er dem Richter zum Abschluss seines vierstündigen Plädoyers ins Gesicht: „Ich habe in meinem Leben gegen weiße und gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich bin für das Ideal eines demokratischen Staats und einer freien Gesellschaft eingetreten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen Chancen zusammenleben. Das ist ein Ideal, für das ich zu leben und das ich zu erreichen suche. Aber wenn es sein muss, bin ich bereit, für dieses Ideal zu sterben.“ Statt der allseits erwarteten Todesstrafe verhängt Richter Quartus de Wet lebenslänglich.

Mandela schlägt auch Wege ein, auf denen ihm seine Gefährten nicht folgen

Mandelas Mut begleitet den Häftling auch in den folgenden 27 Jahren, als sich No 46 664 ein ums andere Mal mit der Gefängnisverwaltung anlegt. Selbst als er freikommt, hören die Mutproben nicht auf: Mit stählerner Entschlossenheit muss der über 70-Jährige der weißen Minderheitsregierung Zug um Zug die Macht abringen. Er habe gelernt, dass „Mut nicht die Abwesenheit von Furcht, sondern der Triumph über diese“ sei, schreibt Mandela in seinen Memoiren: „Denn der Mutige ist nicht derjenige, der keine Furcht empfindet, sondern der sie besiegt.“

Mut muss Mandela nicht nur im Umgang mit seinen Widersachern aufbringen. Noch mehr Courage erfordert seine Fähigkeit, wenn nötig Wege einzuschlagen, auf denen ihm seine „Comrades“ vom ANC nicht folgen wollen. Das geschah zum ersten Mal, als die Apartheidregierung sechs Jahre vor seiner Freilassung Geheimgespräche mit dem Häftling aufnimmt – damals erreichte der Widerstand des ANC gegen die weiße Minderheitsregierung seinen Höhepunkt. Hätten die Comrades von den Gesprächen erfahren: Mandela wäre als vom Alter und in der Haft gebrochener Weichling betrachtet worden und hätte seinen Ruf verspielt. Trotzdem geht er das Risiko ein.

Unter dem Vorwand, der tatsächlich an Tuberkulose erkrankte Häftling müsse medizinisch behandelt werden, wurde Mandela 1982 von Robben Island ins Pollsmoor-Gefängnis bei Kapstadt verlegt. Von dort aus wird der Sträfling über Jahre hinweg mit verschiedenen Gesprächspartnern in Verbindung gebracht: Zunächst mit Justizminister Kobie Coetzee, dann dem Chef des Geheimdienstes Niël Barnard, schließlich dem „Krokodil“, Staatspräsident Pieter Willem Botha. Alle zeigen sich vom würdevollen Auftreten und dem Intellekt des Häftlings tief beeindruckt.

„Es gibt Zeiten, in denen ein Führer der Herde vorauslaufen muss“, sagt Mandela.

Botha bietet Mandela die Freiheit an, allerdings unter der Bedingung, dass der ANC der Gewalt abschwört. Mandela lehnt ab – und setzt seinerseits Bedingungen für Verhandlungen: die Freilassung aller politischen Gefangenen und die Wiederzulassung des ANC. „Nur freie Menschen können verhandeln“, schreibt der Befreiungsführer in seinen Memoiren: „Ein Gefangener kann keine Verträge schließen.“

Mandela sieht sich allerdings einer prekären Situation ausgesetzt. Er kann seine Gespräche mit den Vertretern des Unrechtsregimes nicht länger geheim halten, ohne einen Keil zwischen sich und den ANC zu treiben. Um die Chance einer Verhandlungslösung nicht zu ruinieren, nimmt Mandela geheimen Briefkontakt mit der exilierten ANC-Führung in Sambia auf. Sein Anwalt schmuggelt in Buchdeckel eingelassene Schreiben aus dem Gefängnis, leitet sie verschlüsselt in die sambische Hauptstadt Lusaka weiter. Dort stößt seine überraschende Kontaktaufnahme mit dem Feind auf eine leidenschaftliche Kontroverse: Vor allem jüngere Comrades wollen dem 70-Jährigen nicht folgen. Sie meinen, das weiße Regime besiegen zu können, was zwangsläufig zu einem Bürgerkrieg geführt hätte. ANC-Präsident Oliver Tambo setzt sich glücklicherweise durch und sanktioniert den Alleingang seines Freundes aus den 1940er und 50er Jahren.

Der Rest ist Geschichte. Am 2. Februar 1990 gibt der Nachfolger des Krokodils, Frederik Willem de Klerk, die Aufhebung des ANC-Verbots sowie die Freilassung aller politischen Häftlinge bekannt. Es kommt zu direkten Verhandlungen zwischen der weißen Minderheitsregierung und dem ANC und schließlich zur Befreiung Südafrikas von der Rassentrennung. „Es gibt Zeiten“, wird Mandela später sagen, „in denen ein Führer der Herde vorauslaufen und eine neue Richtung einschlagen muss – in dem Bewusstsein, dass er seinen Leuten den richtigen Weg weist“.

Statt die Spieler zu demütigen, motiviert er sie

Wenige Jahre später kommt es noch einmal zu einer ähnlichen Situation. Für 1995 wird der einstige Pariastaat nach Jahrzehnten des internationalen Boykotts erstmals Austragungsort der Weltmeisterschaft im Rugby – ein Sport, den die meisten schwarzen Südafrikaner mit weißen Kraftprotzen, mit Gewalt und Unterdrückung verbinden. Das Nationalteam, die Springböcke, sind bis auf eine Ausnahme weiß. Der ANC ist von der Ausrichtung des Weltcups wenig begeistert. Er will die Springböcke zwingen, das Team repräsentativ zusammenzusetzen, ihren Namen und ihr Emblem zu erneuern.

Nelson Mandela hat aber andere Pläne: Statt sie zu demütigen, will er die Springböcke zu stolzen Trägern eines neuen gemeinsamen Nationalgefühls machen. Der Präsident lässt den Springbock-Kapitän François Pienaar zu sich kommen und gewinnt ihn für seine Absicht, die WM zur Geburtsstunde einer neuen Nation zu machen.

Mandelas Comrades sind vom Schmusekurs ihres Präsidenten entsetzt: Auf ANC-Kundgebungen wird er ausgebuht. Ein Scheitern des Projekts könnte den Versöhner den Ruf und womöglich seine Stellung kosten: Trotzdem hält Mandela erneut an seinem Alleingang fest.

Die Springböcke singen die Nationalhymne „Nkosi Sikelel‘ iAfrika“

Den von ihrer Aufgabe hochmotivierten Springböcken gelingt es, ins Finale einzuziehen: Dort stehen sie den gefürchteten Neuseeländern, den „All Blacks“, gegenüber.

Vor dem Spiel tritt Nelson Mandela im Trikot der Springböcke auf den Rasen: Die mehrheitlich weißen Zuschauer im Johannesburger Ellis-Park-Stadion trauen ihren Augen nicht. Die Springböcke singen die Nationalhymne „Nkosi Sikelel‘ iAfrika“ und kämpfen, als ob ihr Land von der Fremdherrschaft brutaler Eindringlinge bewahrt werden müsste: Als sie in der Verlängerung den spielentscheidenden Dropkick erzielen, fallen sich Schwarze und Weiße im ganzen Land in die Armen.

Ist die Euphorie der Regenbogennation ein Vierteljahrhundert später auch fast restlos verschwunden: Am Mut Mandelas lag es jedenfalls nicht.

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