Christine Schanderl, heute Roth.
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Forderte als 18-Jährige die CSU-Granden heraus: Christine Schanderl, heute Roth.

# 36 Christine Schanderl

Keine Angst vor der großen Politik

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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1980: Die Schülerin Christine Schanderl legt sich mit dem CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß an und verteidigt ihre Meinungsfreiheit bis vor das Bayerische Verfassungsgericht

Das Nachtreten trifft sie noch heute. Christine Roth, geborene Schanderl, sitzt in ihrer Anwaltskanzlei in Nürnberg, die Juli-Sonne knallt auf das Büro im vierten Stock. Vor ihr liegen zwei schwere Aktenordner randvoll mit Zeitungsausschnitten und Gerichtsunterlagen von früher. Über das meiste, durch das sie sich Seite für Seite blättert, kann sie heute lachen. Doch ein Moment wurmt sie auch 40 Jahre später.

Am 17. Juli 1980, mit gerade 18 Jahren, ging sie zum letzten Mal durch die Gänge des Regensburger Albertus-Magnus-Gymnasiums. Direktor Josef Duschl habe sie zuvor mit einem scharfen „Schanderl“ aus der Klasse zitiert und ihr im Büro die Entlassungsurkunde in die Hand gedrückt – es war der vorläufige Endpunkt eines ungleichen Konflikts. Wenn Sie anschließend nicht sofort das Schulgebäude verlasse, erinnert sie Duschls Worte, „dann rufe ich die Polizei und erstatte Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs!“ Heute erklärt sie sich die Drohung so: „Wenn man jemanden als Feind identifiziert, dann geht die Empathie verloren.“

Der Auslöser der Staatsaffäre: Die Stoppt-Strauß-Plakette.

Im Sommer 1980 nahm der Bundestagswahlkampf Fahrt auf und damit auch das Duell um das Kanzleramt zwischen Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß: auf der einen Seite der krisengebeutelte SPD-Amtsinhaber und auf der anderen der im Freistaat als Halbgott verehrte oder als erzreaktionärer Poltergeist verhasste bayerische Ministerpräsident. Und plötzlich mittendrin: Christine Roth.

Als politisch engagierte Schülerin oft angeeckt

Sie erinnert sich an ein „merkwürdiges Gefühl“, das sie zusammen mit der Entlassung mit sich nach Hause trug. Abends verlas Wilhelm Wieben in der Tagesschau: „Erstmals ist jetzt eine Schülerin wegen eines Tragens einer Anti-Strauß-Plakette von der Schule verwiesen worden. Betroffen ist die 18-jährige Christine Schanderl, die sich seit Monaten weigert, ihren ‚Stoppt Strauß!‘-Anstecker im Unterricht abzunehmen. […] Begründung: ‚Nach der allgemeinen Schulordnung und einem Gerichtsurteil sei politische Werbung in den Schulen verboten.‘“

Nach Beiträgen über fast ausschließlich Männer prangte links hinter Wieben jetzt ihr Foto – das Bild einer jungen Frau, die bundesweit zu einer Figur des couragierten Widerstands gegen die Staatswillkür und des Einstehens für die Meinungsfreiheit werden sollte: rotes Haar, ein kühler, entschlossener Blick und an die blaue Latzhose angeheftet die rot-weiße Plakette, mit der Parole, die im weißblauen Freistaat gleich nach der Gotteslästerung kam: „Stoppt Strauß!“ Neben den Aktenordnern im Nürnberger Büro liegt ebendieser Stein des Anstoßes. Bis heute bewahrt Roth die Plakette in ihrem Schreibtisch auf.

Das „merkwürdige Gefühl“ vom Nachhauseweg, erklärt sie, gründete in ihrer Überzeugung, dass einer jungen Frau vonseiten einer Autoritätsperson Unrecht widerfahren war. Am Tag zuvor hatte sich die Lehrerschaft noch über die disziplinarischen Folgen für Roth beraten. Unten im Schulhof solidarisierten sich deren Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Oben wurde die Vorkämpferin vorstellig und die überwältigende Mehrheit der Lehrerschaft stimmte für den Rauschmiss. Als politisch engagierte Schülerin war Roth oft angeeckt, hatte Verweise gesammelt und, so sagt sie selbst, den Lehrerinnen und Lehrern „das Leben teilweise nicht einfach gemacht“.

Doch die Schulentlassung wollte sie nicht hinnehmen. Eine läppische Schulverordnung könne doch nicht über der Meinungsfreiheit stehen. Die Folge war der Rechtsstreit einer Elftklässlerin mit dem Freistaat Bayern, der erst im Februar 1982 sein Ende finden sollte – und Roth gewissermaßen auf ihr Jurastudium und Arbeitsleben als Rechtsanwältin vorbereitete.

Blanker Hass schlägt Christine Schanderl entgegen

Im Januar hat sie zu einer Veranstaltung anlässlich des Internationalen Tages des verfolgten Anwalts, die sie als Teil einer Juristengruppe von Amnesty International jährlich organisiert, die Frankfurter Anwältin Seda Basay-Yildiz als Rednerin nach Nürnberg eingeladen. In ihrer Eröffnungsrede verurteilte Roth die mit „NSU 2.0“ unterzeichneten Drohschreiben, mit denen Basay-Yildiz terrorisiert wird wie inzwischen immer mehr engagierte Frauen, und sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass so schnell der Tag kommt, an dem wir uns auch für bedrohte Kollegen in unserem eigenen Land einsetzen müssen.“

Wenn sie auf ihre Geschichte zurückschaut, gibt sie sich bescheiden: „Ich habe mich nicht als mutig empfunden.“ Mit so etwas umzugehen und „zu sagen: ‚Ich prangere das an, ich lasse mich nicht einschüchtern‘“, erklärt sie mit Blick auf Yildiz und die anderen Betroffenen, „das ist wirklich Mut“.

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Doch Anfang der Achtziger schlug auch Roth blanker Hass entgegen. Strauß trat im Wahlkampf am Regensburger Domplatz auf. Roth wollte mit Mitstreiter:innen den Jubelbayern die Volksfeststimmung vermiesen. Einer kletterte auf das Dach der Dompost und hisste ein „Stoppt Strauß“-Banner. Als die Menge ihn bemerkte, habe es ihm entgegengebellt: „Schießts ihn runter, reißts ihn runter!“ Und ihrer Gruppe: „Ihr g‘hörts daschossen, ihr g‘hörts vergast!“ 

Andersdenkendenden, sagt Roth, sei „in den schwarzen Hochburgen – zumindest verbal – das Lebensrecht abgesprochen worden“. Als Rundfunk und Presse 1980 über den Rausschmiss berichteten, erhielt Roth Hunderte Zuschriften. Die meisten waren solidarisch, doch einige Dutzend ähneln rückblickend den rechtsextremen Drohmails dieser Tage. Als „Kommunistenhure Regensburgs“ sei Roth darin verunglimpft worden. Mit Hakenkreuzen versehene Schreiben, sexualisierte Gewaltfantasien und Morddrohungen seien darunter gewesen. Und das traf nicht nur sie.

Bombendrohung am Telefon

Schon Monate vor der Eskalation hatte sich Roth von ihrem Elternhaus entfremdet und war mit 17 ausgezogen. Der Vater war CSU-Anhänger, die Erziehung streng katholisch. Roth störte sich erst am allsonntäglichen Kirchgang, später am Schweigen über den Nationalsozialismus. „Bei jeder Radiosendung hat es sofort geknallt“, erinnert sie sich an politische Streitereien. Nach dem Schulverweis gingen nicht nur die Zuschriften ans Elternhaus, bedauert Roth: „Da ist angerufen worden ohne Ende.“ Einer habe der Mutter am Telefon gedroht, unter dem Familienauto sei eine Bombe – zum Glück ohne Folgen.

Bis heute kämpft sie für die gute Sache: Christine Roth, geborene Schanderl, in ihrer Kanzlei.

All das hielt sie nicht davon ab, juristischen gegen den Rauswurf vorzugehen. Doch viele Anwälte winkten ab. Aber dann landete Roth in der Kanzlei einer jungen Anwältin. Am Telefon erzählt Hannelore Klar, die auch heute noch ihre Kanzlei in der Nähe von Regensburg leitet: „Jeder hat gemeint, Strauß steht über allem. Aber das war nicht so.“ Klar besann sich auf ihr juristisches Einmaleins: Eine untergesetzliche Norm könne schlicht nicht über Landesrecht stehen.

Roth blieb eine CSU-Gegnerin

Was folgte, war eine Blamage für das Gymnasium und den Freistaat. Im Oktober 1980 hob das Verwaltungsgericht Regensburg die Schulentlassung auf, weil „das Recht der Mitschüler, in Ruhe gelassen zu werden, nicht uneingeschränkt Vorrang vor dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung habe“ – der Freistaat legte Berufung ein. Gleichzeitig wandten sich Roth, Klar sowie 40 Landtagsabgeordnete von FDP und SPD mit einer Popularklage gegen die allgemeine Schulordnung – und erhielten am 27. Mai 1981 am Bayerischen Verfassungsgericht Recht. Die Schulordnung sei in der aktuellen Form mit der Verfassung unvereinbar, lautete das Urteil. Und am 8. Februar 1982 wies der Bayerische Verwaltungsgerichtshof schließlich die Berufung des Freistaats zurück. Roth musste sich trotzdem ein anderes Gymnasium in Regensburg suchen und machte dort ihr Abitur.

In den Aktenordner im Nürnberger Büro finden sich nicht nur Berichte von Anfang der Achtziger. Roth blieb als CSU-Gegnerin in vielen Köpfen hängen. In denen der CSUler, die ihr den Weg als Richterin verwehrten und sie attackierten, als ein Nürnberger Richter einen Gerichtstermin partout nicht verlegen wollte, obwohl er auf Roths Entbindungstermin fiel. Und in den Köpfen derer, die wie sie mit dem konservativen Freistaat aneckten. Sie betreute Fälle von Gotteslästerung, Gewalt gegen Demonstranten und brachte 1998 den Sonderweg der Bayerischen Staatsregierung in Sachen Schwangerschaftsabbruch vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall. Aus der geschassten Schülerin wurde eine erfolgreiche Anwältin.

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