Monika Wulf-Mathies war eine stets eine Frau unter vielen Männern.
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Hat sich nie einschüchtern lassen: Monika Wulf-Mathies.

# 38 Monika Wulf-Mathies

Greife zu, wenn die Chance kommt

  • Ruth Herberg
    vonRuth Herberg
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1982: Monika Wulf-Mathies rückt als erste Frau an die Spitze einer DGB-Gewerkschaft – auch weil Frauen in Führungspositionen schon damals für sie selbstverständlich waren.

Es muss frustrierend gewesen sein, damals im Herbst 1982. Monika Wulf-Mathies hatte kurz zuvor die Wahl zur Vorsitzenden der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), die später in Verdi aufging, gewonnen und gab ihr erstes Pressegespräch. „Ich hatte erwartet, dass man mich nach meinen Projekten fragt“, erzählte sie vor zwei Jahren im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Stattdessen sollte sie erklären, warum sie gewählt worden war. „Offenbar waren viele immer noch der Meinung, das sei ein Betriebsunfall gewesen.“ Eine DGB-Gewerkschaft mit einer weiblichen Vorsitzenden – für einige ging das gar nicht.

Tatsächlich musste die damals 40-Jährige auch innerhalb der Gewerkschaft zunächst gegen Widerstände kämpfen. Als der langjährige Vorsitzende Heinz Kluncker im Juni 1982 zurücktrat, war Wulf-Mathies schon sechs Jahre lang Mitglied im Vorstand und dort zuständig für das Gesundheitswesen. Es sei ihr gelungen, mit den von ihr miterarbeiteten Vorschlägen die ÖTV zu einer Organisation zu machen, von der man plötzlich sprach, erzählte sie rückblickend.

Monika Wulf-Mathies gewinnt mit knappem Vorsprung

Kluncker schlug sie schließlich als seine Nachfolgerin vor – was für viele überraschend kam. Die Mehrheit der Gewerkschafter sei der Meinung gewesen, dass sie die Wahl nicht gewinnen könne, so Wulf-Mathies: „Sie sind davon ausgegangen, dass der geborene Nachfolger für einen scheidenden Vorsitzenden der Stellvertreter sei.“

Der hieß zu diesem Zeitpunkt Siegfried Merten. Doch Wulf-Mathies kandidierte und setzte sich mit einem knappen Vorsprung von 30 Stimmen gegen ihn durch – weil man ihr den Umgang mit den komplexen Herausforderungen der Zukunft wohl eher zutraute, wie sie später vermutete. Nach ihrer Wahl kämpfte die Sozialdemokratin unter anderem für eine 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich und setzte 1988 eine Arbeitszeitverkürzung auf 38,5 Stunden durch. In einer Zeit, in der eine Bundeskanzlerin noch undenkbar schien, gehörte Wulf-Mathies zu den wenigen Frauen, die es in die erste Reihe der Politik geschafft hatten.

Beraterin von Kanzler Gerhard Schröder

Vor ihrer Zeit bei der ÖTV war Wulf-Mathies, die Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaftslehre studiert und später noch promoviert hatte, Referatsleiterin für Sozial- und Gesellschaftspolitik im Kanzleramt unter Willy Brandt. 1994 trat sie als ÖTV-Vorsitzende zurück, nachdem sie zur EU-Kommissarin für Regionalpolitik nominiert worden war - einem Job, den sie 1995 dann auch antrat. Danach war sie unter anderem europapolitische Beraterin unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und für die Deutsche Post tätig.

Sie hätte auch in der Ministerialbürokratie, in der sie einst angefangen hatte, Karriere machen können, wie sie betonte. Doch ihr war es immer wichtig dazuzulernen, Veränderungen anzustoßen und für Bewegung zu sorgen. Geplant habe sie ihre Karriere nicht, eher hätten sich die verschiedenen Stationen auseinander ergeben. „Man muss bereit sein, seine Chancen wahrzunehmen – und darf nicht nur klagen, dass Frauen benachteiligt sind, und dann kneifen, wenn ein Angebot kommt.“

Das Thema Frauen, Karriere und Chancengleichheit begleitet und beschäftigt sie schon ihr ganzes Leben lang – nicht nur, weil sie in ihren beruflichen Stationen die erste oder eine von wenigen Frauen war und ihr teils erhebliche Ablehnung entgegenschlug. Wulf-Mathies’ Mutter war berufstätig; dass sie sich durchbeißen musste, es aber schließlich bis zur Abteilungsleiterin in einer Krankenkasse brachte, sei wichtig für ihre eigene Entwicklung gewesen, sagte die heute 78-Jährige der Friedrich-Ebert-Stiftung vor einigen Jahren.

Selbstbewusst, risikobereit, engagiert

„Dass Frauen berufstätig sind, dass sie Karriere machen können, war für mich von Anfang an etwas Normales.“ Sie sei stolz gewesen auf ihre Mutter – weil sie sich, anders als die meisten anderen Frauen Mitte des vergangenen Jahrhunderts, nicht nur zu Hause um Kinder und Haushalt kümmerte.

Auch aus ihrer eigenen Erfahrung heraus ist sie überzeugt, dass Frauen im Beruf mehr handeln und weniger versuchen sollten, etwas zu vermeiden, weil es vielleicht nicht passend erscheint. „Ich möchte nicht, dass Dinge als typisch weiblich verdammt werden, nur weil die Berufswelt männerdominiert ist und man meint, man müsse möglichst nah ran an das männliche Ideal.“

Wichtig seien Selbstvertrauen, eine gewisse Risikobereitschaft und Engagement. Und – wie sie selbst früh bewies – Schlagfertigkeit. Als sie, kurz nach ihrer Wahl zur ÖTV-Vorsitzenden, bei der Pressekonferenz erklären sollte, warum sie gewählt worden war, wusste sie zu kontern. Den anwesenden Journalisten sagte sie, „dass die Mitglieder der ÖTV reifer und zukunftsgerichteter dachten als die Medien.“

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