Vivienne Westwood und der Modedesigner Malcolm McClaren (Mitte).
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Vivienne Westwood, 1985 mit dem Modedesigner Malcolm McClaren (Mitte).

# 41 Vivienne Westwood

Mach kaputt, was dich berühmt macht

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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1985: Vivienne Westwood, die mit Punk die Modewelt erobert hat, präsentiert einen Minirock, mit dem sie auch ihr eigenes Schaffen radikal hinterfragt.

  • Vivienne Westwood eröffnete 1971 ihre erste Boutique.
  • Ihr Design gilt nach wie vor als radikal.
  • Vivienne Westwood revolutionierte die Mode.

Youtube spuckt einen verpixelten Bilderbrei aus. Und eine zarte Frauenfigur dreht und wendet, suhlt sich förmlich darin. Ihr Lächeln wirkt durch die groben Pixel verzerrt, die Gesichtszüge lassen sich nur noch erahnen. Die Materialität ihres Kleides, der Stoff, die Details, Stickereien womöglich – kaum zu erkennen. Die Silhouette aber, die schmal zusammengezurrte Taille und der üppig aufspringende Minirock, verrät alles über die kurze Videosequenz: It’s 1985, Baby, und die Mode erfährt eine Revolution.

Die kastenförmige Pixelfrau ist Anna Nicole Smith, damals noch einfaches Model ohne den unrühmlichen Zusatz „Erotik-“ davor, das Kleid stammt von Vivienne Westwood, 1985 längst auf einem Höhepunkt ihrer Karriere. „Mini Crini“ heißt ihre Sommerkollektion aus diesem Jahr, ein Wortspiel aus Minirock und Krinoline. Das kleine Stoffstück, das rund 20 Jahre vorher als feministischer Befreiungsschlag galt, und der schwere Reifrock, der mehr als 200 Jahre zuvor der Trägerin das Gehen und Stehen erschwerte – Westwood hat sie kurzerhand zusammengeführt.

Vivienne Westwood führt den Minirock ad absurdum

Was sie 1985 erschafft, ist eine sexualisierte Königinnenfigur. Den Minirock als Ikone der weiblichen Selbstbestimmung führt Westwood genauso ad absurdum, wie die Krinoline, die durch eine Überformung der Hüfte auch Gebärfreudigkeit symbolisieren sollte. Eine Majestätsbeleidigung aus Samt und Seide war das aber schon lange nicht mehr, ganz im Gegenteil.

„Ich habe eine Art Fetisch, der mich dazu drängt, auf alles zu reagieren, was orthodox erscheint“, sagt die Designerin damals. Und da die Kleider des Underground, die doch einst sie selbst, Vivienne Westwood, erfand, längst an der Oberfläche angekommen, orthodox geworden waren, näherte sich die Designerin dem Gegenpol an. „Sehen Sie sich die Figur der Queen an“, sagte sie, „alles um sie herum hat sich verändert, nur sie selbst ist die Gleiche geblieben. Jetzt sieht sie unorthodox aus.“ Was Vivienne Westwood gemacht hat, war stets radikal. Und konsequent. So konsequent sogar, dass sie ihr eigenes Schaffen zu hinterfragen wagte, als die Popularität den Westwood’schen Entwürfen ihre Radikalität raubte. Der Punk, als Musik und als Mode, provozierten Mitte der 1980er niemanden mehr.

Vivienne Westwoods Modestil radikalisiert sich

1971 hatte die studierte Designerin und Künstlerin Westwood in der Londoner Kings Road 430 ihre erste Boutique eröffnet, die sich mit den Jahren zum Treffpunkt der Londoner Punk-Szene entwickelte. Auch Sid Vicious und Johnny Rotten kamen, von ihrer Band Sex Pistols hatte Mitte der 70er noch niemand gehört. Mit der Weltsicht ihrer Clique radikalisiert sich auch Westwoods Modestil. Schon Ende der 1970er bringt sie den Punk auf den Laufsteg. Ausgefranste Igelfrisuren, zerrissene Jeanshosen, Lederjacken und T-Shirts mit politischen Slogans, mit einem falsch herum an ein Hakenkreuz genageltem Jesus etwa – Vivienne Westwood hat den Punk nicht im Alleingang, zumindest aber gemeinsam mit ihren Freunden erfunden.

Brachten die Sex Pistols ihren Song „God save the Queen“ heraus, so druckte Westwood das Konterfei der Königin mit Sicherheitsnadel-gepiercter Lippe auf ihre Pullover. Der Protest gegen die britischen Autoritäten wurde genauso ihr Markenzeichen, wie die offenkundige Inspiration durch sie. Kommerzielle Erfolge nämlich feiert Westwood vor allem durch die Verbindung der Subkultur mit historischen Anleihen. Ausgefranste Säume brachte sie mit bauschigen Röcken zusammen, traditionelle Schottenkaros gehören genauso zu ihrem Repertoire wie reißerische Protest-Drucke, reiche Rüschenblusen wie formlose Lederjacken.

Designerin Vivienne Westwood: Engagiert für Menschenrechte, Umwelt- und Tierschutz

Sie muss in die Vergangenheit schauen, um die Zukunft sehen zu können, davon war die Designerin stets überzeugt. Und was ihr bei dem Blick zurück nicht gefiel, das verbesserte sie – selbst wenn das bedeutete, sich selbst zu korrigieren. Ein kritischer, manchmal spöttischer Blick, auf alles und jeden, auf sich selbst allen voran, prägt Westwood bis heute. Aktiv ist sie längst nicht mehr nur in der Mode. Sie engagiert sich für Menschenrechte, Umwelt- und Tierschutz, einen nachhaltigeren Umgang mit Mode etwa. Mit dem Establishment jedenfalls nimmt es Westwood noch immer gern auf. Zumindest manchmal.

Als die nunmehr zur Dame Commander of the Order of the British Empire erhobene Westwood 2003 Queen Elizabeth II. trifft jedenfalls, deutet sie höflich einen Knicks an. Aber nur einen ganz kleinen.

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