Frau und Kinder von Todd Beamer, der am 11. September 2001 in einem Flugzeug den Kampf mit den Terroristen aufnahm
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Frau und Kinder von Todd Beamer, der am 11. September in einem der entführten Flugzeuge den Kampf mit den Terroristen aufnahm

#57 Todd Beamer

Manchmal zählen nur noch die anderen

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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2001: „Let’s Roll“: Mit diesen Worten läutet Todd Beamer den Kampf der Passagierinnen und Passagiere von Flug 93 ein. Mit ihrem Mut retten sie am 11. September viele Menschenleben.

Todd Beamers letzte Worte bleiben. Für immer. Sie wurden beliebte Autoaufkleber in den USA. US-Präsident George W. Bush sagte sie zu den Piloten in den Kampfjets, bevor diese Bomben über den Tälern und Bergen Afghanistans abwarfen. Diese Worte beendeten ein bemerkenswertes Gespräch am 11. September 2001 zwischen Todd Beamer, Passagier des United-Airlines-Flug 93, und Lisa Jefferson, einer Mitarbeiterin im Kundendienstzentrum des Telefonbetreibers GTE in Chicago. Todd Beamers letzte Worte lauteten: „Let’s Roll“ („Lasst es uns angehen“). Damit rief er zum Kampf gegen die Terroristen des vierten entführten Flugzeugs. Das einzige, das sein Ziel verfehlte.

Todd Beamer wird nur 32 Jahre alt. Er wächst in Wheaton, Illinois, auf. Er will Profisportler werden. Für das Studium geht er an die Fresno State University und spielt Basketball, Baseball und Fußball. Doch als er bei einem Autounfall schwer verletzt wird, muss er seinen Traum begraben. Er geht zurück in die Heimat und besucht das Wheaton College. Dort lernt er seine zukünftige Ehefrau Lisa kennen. 1991 verlobt sich das Paar, drei Jahre später heiraten sie. Sie werden Eltern von zwei Söhnen, David und Drew. Sie ziehen nach Plainsboro, New Jersey, für Todds neuen Job bei der Softwarefirma Oracle, dem Unternehmen, für das er sieben Jahre später am 11. September auf Geschäftsreise gehen soll. Einen Tag zuvor noch erfährt das Ehepaar, dass Lisa Beamer zum dritten Mal schwanger ist.

Am Morgen des 11. September verzögert sich auf dem überlasteten Newark International Airport der Start von Flug 93 um fast 45 Minuten. Die Boeing 757 nach San Francisco startet erst um 8.42 Uhr. Vier Minuten später kracht eine andere Maschine, Flug 11 der American Airlines, in den Nordturm des World Trade Center. Die Entführer von Flug 93 warten noch, bis sie das Flugzeug unter Kontrolle nehmen. Es ist 9.25 Uhr, als die Piloten sich mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ an die Passagiere wenden. Zu dem Zeitpunkt ist Flug 175 bereits in den zweiten Turm geflogen, Flug 77, die dritte entführte Maschine, stürzt in das Pentagon in Arlington, Virginia. Wenige Minuten später ist auch Flug 93 unter der Kontrolle von vier Terroristen. Zwei von ihnen überwältigen und töten die Piloten. Ein Terrorist bindet sich eine Bombenattrappe um die Hüfte.

15 Minuten bevor Beamer bei der Telefongesellschaft GTE anruft, regt sich in den Reihen 30 bis 40, in die ein Großteil der Passagiere gedrängt wurde, Widerstand. Zu diesem Zeitpunkt wissen die Passagiere von den anderen entführten Maschinen. Auch sie wissen, dass sie es mit einem Selbstmordkommando zu tun haben. Wahrscheinlich rechneten die Terroristen nicht mit einer Gruppe, die sich in einem erbitterten Kampf wehren wird. Neben Beamer zählen auch der Judokämpfer Jeremy Glick und der College-Football-Quarterback Tom Burnett zu den Passagieren. Mit an Bord ist auch der 1,97-Meter-Mann Mark Bingham, ein Rugbyspieler.

Um 9.45 Uhr nimmt Lisa Jefferson Beamers Anruf an. „Guten Tag, Mrs. Jefferson hier. Beschreiben Sie ihre Lage“, sagt sie und hakt die Punkte auf der Checkliste ab, die für solche Notfälle gedacht ist. Wie viele Menschen sind an Bord? Wie viele Verletzte? Wie viele Kinder? Beamer antwortet: drei Entführer, zwei davon bewaffnet, zehn Passagiere in der ersten Klasse, 27 in der Touristenklasse, fünf Flugbegleiter, keine Kinder. Eine Flugbegleiterin habe ihm gesagt, dass zwei Menschen tot oder verletzt seien. In der Zeit bemerken die Entführer wohl, dass sich die Passagiere gegen sie zusammentun. Im Heck kommt Unruhe auf. Die Passagiere diskutieren, wie sie vorgehen sollen. Die Entführer schalten den Autopilot ab. Sie wollen die Passagiere verängstigen. Das Flugzeug geht hoch und runter. Todd Beamer verliert für einen Augenblick die Fassung.

„Es geht wieder hoch“, sagt er zu Jefferson. Bis zu diesem Moment ist Beamer sachlich. Dann sagt er: „Lisa.“ Jefferson erwidert: „Ja?“ „So heißt meine Frau“, sagt Beamer. „Todd, so heiße ich auch“, sagt Jefferson. „Oh mein Gott. Ich glaube nicht, dass wir aus dieser Sache hier wieder heil rauskommen. Aber ich werde im Glauben sterben“, sagt Beamer. Er erzählt Jefferson von seinen kleinen Söhnen und dem ungeborenen Baby. Dann berichtet er ihr, dass die Passagiere bald versuchen würden, die Entführer anzugreifen.

„Sind Sie sicher, dass Sie das tun müssen“, fragt Jefferson. „Wir müssen das tun“, erwidert Beamer. Er beginnt zu beten, Jefferson stimmt ein. Nach dem Gebet bittet er Jefferson, seine Liebe an seine Frau und seine Kinder weiterzugeben. Lisa Jefferson verspricht es ihm. Todd Beamer legt das Telefon beiseite, dann hört Jefferson Beamer sagen: „Okay, Jungs, seid ihr so weit? Let’s Roll!“

Um 9.57 Uhr nimmt der Stimmenrekorder im Cockpit einen Todeskampf auf. Geschirr klirrt, Bordtabletts scheppern. Ein Mann schreit. „Auf sie!“ Einer der Entführer, Ziad Jarrah, versucht, die Angreifer abzuschütteln, indem er immer wieder das Flugzeug von rechts nach links zieht. Um 10 Uhr bemerken die Terroristen, dass sie die Kontrolle über das Flugzeug verlieren werden. „Sollen wir es jetzt beenden“, fragt Jarrah. „Nein, noch nicht“, antwortet einer der Entführer. „Erst wenn sie reinkommen.“ Im Hintergrund hört man die Passagiere. „Wir müssen in das Cockpit. Wenn wir es nicht schaffen, dann sterben wir.“ Um 10.03 Uhr stürzt Flug 93 bei Shanksville, Pennsylvania, auf einer verlassenen Kohlengrube ab.

Lisa Beamer fragte sich, warum Todd sie nicht anrief. Erst am 14. September 2001 erfährt sie von einer Beraterin vom psychologischen Dienst der United Airlines, dass er sie anrufen wollte, der Anruf jedoch umgeleitet wurde. Diese Information hatte ihr das FBI vorenthalten. Todd habe sachlich und ruhig am Telefon gewirkt, berichtet ihr Lisa Jefferson in einem Telefongespräch. Lisa Beamer ist erleichtert. Sie wollte nicht, dass ihr Mann voller Angst stirbt. Doch Todd Beamer hatte Angst. Mehrmals flehte er Gott um Hilfe an. Gleichwohl überwanden er und weitere Passagiere von Flug 93 ihre Angst und versuchten, die Terroristen zu stoppen, und retteten so das Leben vieler Menschen.

Heute gilt Todd Beamer als einer der Helden von 9/11. Im Bundesstaat Washington wurde eine Schule nach ihm benannt. Neil Young widmete ihm den Song „Let’s Roll“. In Shanksville erinnert eine Gedenkstätte an Beamer und die weiteren Passagiere. Im multimedialen Besucherzentrum ist vom Band zu hören, wie Beamer in größter Not all seinen Mut zusammennahm.

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