Luise Albertz, Oberbürgermeisterin von Oberhausen, im Jahr 1962.
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„Mutter der Bedrängten.“ Luise Albertz, Oberbürgermeisterin von Oberhausen, im Jahr 1962.

#02 Luise Albertz

Mut braucht kein Studium

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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1946: Luise Albertz wird erste Oberbürgermeisterin einer deutschen Großstadt. Die ehemalige Sekretärin ist bald sehr beliebt – weil sie für die Bürgerinnen und Bürger kämpft.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges, den das nationalsozialistische Terrorregime begonnen hatte, lag die Stadt Oberhausen vollkommen am Boden. Im April 1945 waren von den 17 800 Wohngebäuden der Ruhrgebiets-Kommune 10 120 zerstört oder erheblich beschädigt. Noch 100 000 Menschen lebten in der Industriestadt, die bei Kriegsausbruch 192 000 Einwohner gezählt hatte. Die Werke und Kohlenzechen waren schwer beschädigt, fast 2000 Menschen starben bei Luftangriffen.

Der Wiederaufbau eines demokratischen Gemeinwesens erschien bei dieser Ausgangslage eine kaum lösbare Aufgabe. Eine Frau stellte sich dieser Herausforderung. Sie wurde in den nächsten Jahrzehnten zur Symbolfigur für die erstarkende Demokratie nicht nur in Nordrhein-Westfalen: Luise Albertz, von 1946 bis 1948 und von 1956 bis zu ihrem Tod im Amt am 1. Februar 1979 Oberbürgermeisterin von Oberhausen.

Von der Sekretärin zur Oberbürgermeistern: Luise Albertz ist ehrgeizig und arbeitet sich hoch

Die Sozialdemokratin war die erste Frau an der Spitze einer deutschen Großstadt. Sie geriet zum Vorbild für viele Frauen, die in der damals patriarchalischen Gesellschaft für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Politik stritten.

Luise Albertz erkämpfte sich ihre politische Rolle im Alltag. In den Nachkriegsjahrzehnten gab es im Volksmund gleich zwei Ehrentitel für sie: „Mutter der Bedrängten“ und „Mutter Courage des Ruhrgebiets“. Das erste Prädikat galt ihrer Arbeit von 1949 bis 1959 als Vorsitzende des Petitionsausschusses des Deutschen Bundestages. Die zweite Bezeichnung erwarb sie sich mit ihrem Kampf für die Rechte der Bergleute und gegen die Schließung von Kohlezechen.

Albertz blieb unverheiratet und kinderlos, auch das stempelte sie in konservativen Kreisen ab. Sie stammte aus einer sozialdemokratischen Ruhrgebietsfamilie und wurde am 23. Juni 1901 in Duisburg geboren. Sie war die Tochter des SPD-Politikers Hermann Albertz und stammte aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater hatte nach der Volksschule eine Lehre als Tischler absolviert und bis 1909 auch in diesem Beruf gearbeitet. 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg und im Alter von 14 Jahren, trat seine Tochter Luise in die Sozialistische Arbeiterjugend ein.

Trotz schlimmer Erlebnisse gibt Luise Albertz nie auf

Als der Erste Weltkrieg mit der Niederlage des Kaiserreichs geendet hatte und es die ersten freien Wahlen gab, wurde Hermann Albertz SPD-Stadtverordneter in Oberhausen und blieb es bis 1933. Von 1930 bis 1933 war er Mitglied des preußischen Landtages. Luise Albertz besuchte die Volks- und Handelsschule und erlebte als junge Frau den schwierigen Kampf für die Erhaltung der Demokratie in der Weimarer Republik. Sie arbeitete als Bürohilfskraft bei der Stadt Oberhausen, dann als Buchhalterin in der privaten Wirtschaft und engagierte sich in der SPD. 

Mit der Machtergreifung der Nazis Ende Januar 1933 begann auch in Oberhausen für die sozialdemokratische Familie eine Zeit der Verfolgung. Die Erfahrung des Widerstands und des politischen Kampfes während der Nazi-Zeit prägten Luise Albertz. Ihr Vater kam 1933 in sogenannte „Schutzhaft“ und 1937 in Untersuchungshaft. 1944 wurde er erst ins KZ Sachsenhausen verschleppt, dann ins KZ Bergen-Belsen. Dort verlor sich seine Spur, wann er starb, ist unbekannt, es muss Anfang 1945 gewesen sein. Seine Tochter erfuhr es nie. Luise Albertz hatte seit 1939 wieder bei der Stadtverwaltung in Oberhausen gearbeitet. Während des Zweiten Weltkrieges wurde sie im städtischen Fürsorge- und Wohlfahrtsamt dienstverpflichtet. Sie kümmerte sich um Menschen, die im Bombenkrieg obdachlos wurden.

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Nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes hatten mehrere Männer für kurze Zeit kommissarisch das Amt des Oberbürgermeisters in Oberhausen inne. Albertz fungierte in dieser Zeit als Sekretärin im OB-Büro. Sie galt als extrem ehrgeizig. Sie wurde Mitglied des Kreisvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des SPD-Unterbezirksvorstandes. 1946 wählte der Rat der Stadt sie zur Oberbürgermeisterin Oberhausens.

Im Bundestag leitet Albertz den Petitionsausschuss und kümmert sich um die Anliegen der Bürger nach dem Krieg

Die britischen Besatzungsbehörden etablierten im Ruhrgebiet eine Kommunalverfassung nach englischem Vorbild. Die Oberbürgermeisterin war Repräsentantin der Stadt nach außen hin, an der Spitze der Stadtverwaltung stand ein mächtiger Oberstadtdirektor. Doch Albertz verstand diese Ausgangsposition für sich zu nutzen. Sie arrangierte sich über Jahrzehnte mit Oberstadtdirektor Anton Schmitz von der CDU und wurde zur populären Repräsentantin der Stadt. In den ersten Nachkriegsjahren kämpfte sie mit großen Problemen: Flüchtlinge aus dem deutschen Osten kamen nach Oberhausen. Es herrschte Hunger und Wohnungsnot. Die Zerstörungen im Stadtbild waren immens und konnten nur langsam behoben werden.

1949 wurde sie auch in den neuen Deutschen Bundestag gewählt und rückte dort an die Spitze des Petitionsausschusses. Er bekam in der jungen Bundesrepublik eine große Bedeutung. Denn dort konnten all diejenigen Beschwerde einreichen, die sich von öffentlichen Institutionen falsch und ungerecht behandelt fühlten. Und im ersten Jahrzehnt des neuen deutschen Staates und vor dem Hintergrund des beginnenden sogenannten „Wirtschaftswunders“ waren das viele Menschen. Albertz wurde durch diese Arbeit weit über das Ruhrgebiet hinaus populär und rückte in den Bundesvorstand der SPD auf.

Den Niedergang der Industriestadt Oberhausen kann Albertz nicht verhindern

Die städtische Infrastruktur von Oberhausen verbesserte sich langsam. 1962 konnte eine Stadthalle eingeweiht werden. Schon zuvor war eine Gedenkstätte für die Opfer der Nationalsozialismus entstanden, für die sich die Oberbürgermeisterin stark eingesetzt hatte. Und sie wurde zur energischen Förderin eines jungen Mannes, vor dem noch eine große Karriere lag. Schon 1952 war Hilmar Hoffmann mit 27 Jahren Direktor der Volkshochschule in Oberhausen geworden, damals der jüngste Mann an der Spitze einer solchen Einrichtung in ganz Deutschland. Der spätere Kulturdezernent von Frankfurt am Main und Präsident des Goethe-Institutes gründete 1954 die Westdeutschen Kurzfilmtage, die dann von 1959 an nur noch Kurzfilmtage hießen und bis heute eine Institution sind.

Mit Rückendeckung von Albertz holte Hoffmann junge Regisseure aus den Ländern nach Oberhausen, die besonders unter den Nationalsozialisten gelitten hatten. Aus Polen kam ein gewisser Roman Polanski, aus Ungarn der spätere Oskar-Preisträger István Szábo. Es war politische Versöhnungsarbeit, die Albertz und Hoffmann betrieben. Die CDU-geführte Bundesregierung versuchte bald, das politisch ungeliebte Filmfestival zu zerstören. Doch Albertz hielt dem Druck aus Bonn stand.

Trotz solcher Erfolge konnte sie den Niedergang der Industriestadt Oberhausen aber nicht aufhalten. Immer mehr Betriebe schlossen, die Arbeitslosigkeit wuchs, die Umweltverschmutzung auch. Diese Probleme hinterließ die erste Oberbürgermeisterin Deutschlands, als sie Anfang 1979 starb.

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