Lech Wałęsa in Danzig, 1983.
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Lech Wałęsa inszenierte sich als schlitzohriger Arbeiter, hier in Danzig 1983.

# 39 Lech Wałęsa

Handle solidarisch, kämpfe gewaltlos

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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1983: Lech Wałęsa wird mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Mit Solidarność bringt er das polnische Regime ins Wanken.

Einer der schönsten Momente meines Lebens. Wir haben Aufwind bekommen und können weit fliegen, wohin wir wollen“, schreibt Lech Wałęsa in seiner Autobiografie über jenes Gefühl, das er am 10. Dezember 1983 spürte. Einen wichtigen Meilenstein auf seinem Weg habe er erreicht. Einem „friedlichen Weg“, wie er betont, der „nicht so selbstverständlich“ war. Schließlich habe es „Versuchungen in dieser oder jener Richtung“ gegeben.

Was den damals 40-jährigen Mitbegründer der Gewerkschaft Solidarność euphorisch werden lässt, kann er gar nicht vor Ort erleben: In Oslo wird ihm der Friedensnobelpreis verliehen, für seinen gewaltfreien Einsatz für die erste unabhängige Gewerkschaft im kommunistischen Ostblock. Mit ihm als Vorsitzendem und Symbolfigur an der Spitze wird sie zu einer Massenbewegung, die einen entscheidenden Beitrag zum späteren Ende des polnischen Regimes leistet und Bürgern in anderen Ländern als Vorbild dient.

Lech Wałęsa: Anführer der Solidarność

Wałęsa ist nicht zur Preisverleihung nach Norwegen gefahren, weil er fürchten muss, danach nicht wieder nach Polen einreisen zu dürfen. Für ihn nehmen seine Ehefrau Danuta – die während ihrer Rede über den Freiheitswillen der Polen spricht – und sein 13-jähriger Sohn die Auszeichnung in Empfang. Wałęsa verfolgt alles in einem Pfarrhaus in Danzig. Weil das Radio dort kaum Empfang hat, haben er und seine Mitstreiter sich um ein japanisches Gerät versammelt, das ein schwedischer Journalist zur Verfügung stellt.

Der Preis gibt der polnischen Demokratiebewegung neue Kraft, Hoffnung und durch die große öffentliche Aufmerksamkeit auch etwas Schutz. Er zeichnet den besonderen Mut aus, den Wałęsa und die anderen streikenden Beschäftigten der Danziger Lenin-Werft – im Besonderen Anna Walentynowicz – sowie anderer Betriebe in Polen bewiesen haben. Es ist ein Mut, der die Angst vor Repressalien, Gefängnis und Tod überwand, sich nicht durch schwere Rückschläge zerstören ließ, jahrelang beharrlich auf die richtige Gelegenheit wartete und – nicht zuletzt – auf die Wucht der gewaltlosen Solidarität vertraute. Einer Solidarität, die zum Teil höchst unterschiedliche Menschen vereinte.

Lech Wałęsa arbeitete in Danzig

Lech Wałęsa, der als Elektriker in der Danziger Lenin-Werft arbeitete, engagierte sich schon 1970 in einem verbotenen Streikkomitee. Die Staatsmacht ließ es blutig niederschlagen. Etwa 80 Arbeiter wurden getötet, Wałęsa zu einem Jahr Haft verurteilt und entlassen. Dennoch gründete er Ende der 70er mit Andrzej Gwiazda und Aleksander Hall die Untergrundvereinigung „Freie Gewerkschaften Pommerns“. Wałęsa wurde wieder verhaftet, aber schließlich freigesprochen. Anfang 1980 durfte er das Gefängnis verlassen. Am 14. August 1980 kam der Kritiker des staatlichen Machtapparates und dessen Gewerkschaft aufs Gelände, kletterte auf die Mauer der besetzten Werft und wurde Anführer des Streiks. Der Schnauzbartträger hatte schon in den Jahren zuvor Widerstand geleistet, trat entschlossen und charismatisch, aber bodenständig auf. In seinen Reden verbreitet er immer wieder die Zuversicht, dass die Bewegung siegen werde – und appelliert, friedlich zu bleiben.

Ausgelöst wurden die Proteste durch den Umgang mit Walentynowicz. Sie war am 7. August 1980, fünf Monate vor ihrem Ruhestand, fristlos entlassen worden. Gegen dieses Ausgeliefertsein und für Arbeitnehmerrechte protestierten die Streikenden. Neben der Wiedereinstellung von Wałęsa und Walentynowicz forderten sie unter anderem Lohnerhöhungen und Sicherheit für Streikende. „Verteidigt die Kranführerin Ann Walentynowicz!“, war auf einem Flugblatt zu lesen. „Tut ihr das nicht, so kann manch einer von euch schon bald in eine ähnliche Lager geraten.“ Walentynowicz war der Werksleitung schon immer ein Dorn im Auge, hatte sich zum Beispiel gegen schlechtere Bezahlung im Vergleich zu Männern gewehrt und ebenfalls für freie Gewerkschaften eingesetzt.

Situation in Polen war katastrophal

Im ganzen Land solidarisierten sich Arbeiter mit den Danzigern. Das lag auch an der katastrophalen Situation in Polen um 1980 herum: Mangelwirtschaft und extreme Preisanstiege prägten das Land, was dazu beitrug, dass sich in der Solidarność unterschiedliche Gruppen zusammenfanden und solidarisch handelten, darunter Arbeiter, Bauern und Intellektuelle, Antikommunisten und reformorientierte Kommunisten. Einig waren sie sich vor allem in der Ablehnung des Systems, des autoritären Staates.

In Danzig stellten die Arbeiter schließlich 21 Forderungen auf, die in Teilen erfüllt wurden: Im September unterzeichnete das Streikkomitee mit den Machthabern einen Vertrag, der die Solidarność legalisierte. Wałęsa wurde deren Vorsitzender und erklärte am 31. August 1980: „Endlich haben wir unabhängige, selbst verwaltete Gewerkschaften. Wir haben das Recht zu streiken. Und weitere Rechte werden wir bald durchsetzen!“ Der Solidarność-Chef zielte besonders auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit ab. Bald hatte die Gewerkschaft zehn Millionen Mitglieder, viele nicht-zensierter Publikationen erschienen.

Mutig gegen die Machthaber: Schlitzohr Lech Wałęsa

Das Risiko, entschieden gegenüber den Machthabern aufzutreten, hatte sich zunächst ausgezahlt. „Sie hätten mich töten können, aber sie hätten mich nicht besiegt“, sagte Wałęsa kürzlich in einem Interview mit der Deutschen Welle. Im Sommer 1980 sei er siegessicher gewesen, denn alle hätten auf einmal gemerkt: „Nicht wir, sondern sie sind in Unterzahl.“ Seine Devise sei gewesen:  „Öffnet mir einen Spalt und ich werde meinen Arbeiterstiefel in die Tür setzen – und sie werden sie nicht mehr schließen können“, so Wałęsa, der in jener Zeit vom Magazin Time zum „Mann des Jahres“ gewählt wurde. Er habe gewusst: „Wir sind ein Stück näher ans Ziel gerückt.“

Er verstand es, die Aufmerksamkeit der westlichen Medien zu gewinnen, auch weil er die Inszenierung als einfacher Arbeiter und schlagfertiger wie schlitzohriger Anführer pflegte.

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Seine Fähigkeit, Widerstand zu leisten, formte sich früh: Wałęsas Vater starb völlig entkräftet, nachdem er zuvor lange im KZ Stutthof inhaftiert war. Der spätere Nobelpreisträger war da gerade einmal ein Jahr alt. Er stammt aus einer katholischen Bauernfamilie, die, wie viele andere, den Kommunismus unter sowjetischer Herrschaft nicht akzeptierten, sondern ihn als aufgezwungen betrachtete. Dass Wałęsa einen Rosenkranz um den Hals trug und die Vereinbarung, staatsunabhängige Gewerkschaften zuzulassen, mit einem überdimensionalem Papst-Kuli unterschrieb, sei eine „Demonstration gegen den Kommunismus“ gewesen – und ein geschickter Schachzug im Zusammenspiel mit der Kirche. Zur gewaltfreien Mobilisierung hatte bereits 1979 der Besuch des polnischen Papstes Johannes Paul II. beigetragen, der das Regime in seinem damaligen Gebet mit einem Satz herausforderte: „Dein Geist steige hinab und verändere das Antlitz der Erde, dieser Erde!“

Das System schlägt zurück

Doch nach den ersten Erfolgen der Solidarność schlug das System 1981 zurück, als Ministerpräsident Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht ausrief. Während des Militärputsches wurde auf Demonstranten geschossen und Wałęsa zwischenzeitlich interniert. Ein schwerer Schlag für die Solidarność. Sie wurde verboten, die Zahl ihrer Unterstützer nahm deutlich ab und erst Jahre später wieder zu.

1988 wurde die Werft erneut besetzt; zahlreiche Streiks führten zu einem neuen Aufbruch. Wieder gab die zunehmende Mangelwirtschaft der Gewerkschaft Auftrieb. Hinzu kam, dass Michail Gorbatschow in der Sowjetunion Reformen in Gang brachte. Das Fundament des Regimes bröckelte immer mehr. Am „Runden Tisch“ erreichen Wałęsa und seine Mitstreiter schließlich, dass freie Wahlen stattfanden und die Solidarność wieder zugelassen wurde. 1989 gewann das „Bürgerkomitee des Vorsitzenden der Gewerkschaft Solidarność“ die Wahl haushoch.

Bei allen Verdiensten: Wałęsa ist ein umstrittener Held mit dunklen Seiten. Etwa jener des ultrakonservativ-katholischen Egomanen, der herrisch und selbstgerecht auftritt und sich schon oft diskriminierend geäußert hat. Dass Demokratie untrennbar mit Vielfalt und dem Respekt davor verbunden ist, gehört nicht zu den Prinzipien des Nobelpreisträgers. So forderte er, homosexuelle Abgeordnete sollten im Sejm hinten, am besten hinter einer Mauer sitzen, weil sie eine Minderheit darstellten. Und sprach sich dafür aus, das Recht Homosexueller, Kundgebungen zu veranstalten, einzuschränken. Nur ein Beispiel für die menschenverachtenden Beleidigungen des katholischen Hardliners.

Lech Wałęsa will nie mit dem Geheimdienst kooperiert haben

Ob Wałęsa mit dem polnischen Geheimdienst zusammenarbeitete, wie ihm vorgeworfen wird, ist bis heute nicht geklärt. Der achtfache Vater weist dies zurück.

Seine Präsidentschaft von 1990 bis 1995 wird von vielen Polen kritisch gesehen. Den Nachweis, ein politisches Programm mit Substanz entwickeln und umsetzen zu können, hat er nicht erbracht. Zwar führte er das Land in die Demokratie, aber auch in eine Marktwirtschaft, die viele Existenzen vernichtete. Besonders die Arbeiterinnen und Arbeiter litten darunter. Bereits zuvor war es zum Bruch mit Gwiazda, Walentynowicz und anderen gekommen, die weitergehende, auch arbeiterdemokratische Forderungen hatten. Gwiazda sprach vom Ausverkauf des Landes an den Westen und den Neoliberalismus. Der Glaube an den Markt sei Ende der 80er als Allheilmittel angesehen worden.

Wałęsa polarisiert seit jeher. Doch seine Fähigkeit, sich mit den Mächtigen anzulegen, hat aber nicht verloren. Die von der PiS-Partei forcierte Justizreform, die Richter disziplinieren soll, kritisierte er scharf als Sprengen der Gewaltenteilung. Und rief zum Protest auf.

Heute steht die Solidarność hinter der nationalkonservativen PiS-Regierung, weshalb Wałęsa 2006 austrat. Demokratie und Menschenrechte, die Errungenschaften von einst, spielen in der Gewerkschaft so gut wie keine Rolle mehr. Die früheren Ideale, dass ganz unterschiedliche Bürger sich zusammenschließen und Solidarität zeigen können, wirken aber bis heute nach, zum Beispiel im benachbarten Weißrussland.

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