Thomas Hitzlsperger: „Du musst nicht wie jeder sein, um jemand zu sein.“
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Thomas Hitzlsperger: „Du musst nicht wie jeder sein, um jemand zu sein.“

#70 Thomas Hitzlsperger

Lass dich von niemandem abhalten

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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2014: Homosexualität ist im Profifußball damals wie heute leider keine Selbstverständlichkeit. Manchen Warnungen zum Trotz outet sich Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger.

Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger twittert am 8. Januar 2020: „Heute vor sechs Jahren hatte ich mein Coming-out. Ich wurde von vielen gewarnt, aber ich bin froh, dass ich damals aufgehört habe zu zweifeln und getan habe, was sich richtig anfühlte. Ich habe mir selbst bewiesen: ‚Du musst nicht wie jeder sein, um jemand zu sein.‘“ Auf Twitter sind die meisten Reaktionen positiv. Es fallen immer wieder Worte wie „Hero“; auch schreibt ein User: „Mutiger Junge. Bist ein Großer!“

Christian Rudolph, Mitinitiator vom Verein „Fußballfans gegen Homophobie“, sagt: „Hitzlspergers Coming-out war wichtig und sehr mutig. Es hat sehr geholfen, weil wir jetzt nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob es Homosexualität im Fußball gibt. Das Ziel sollte aber sein, dass Homosexualität im Fußball selbstverständlich ist. Davon sind wir aber immer noch weit entfernt.“ Aber Hitzlspergers Coming-out sei ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung gewesen. „Ich fand es damals sehr gut, dass Hitzlsperger auch seine Beweggründe beschrieben hat. Wir brauchen die Menschen, die darüber sprechen – und zwar eben auch über ihre Nöte, Ängste, die damit verbunden sind. Hitzlsperger hat das Thema den Menschen nahgebracht.“

Dabei ist Homosexualität für Hitzlsperger lange Zeit gar kein Thema. In einer kleinen Gemeinde im katholischen Bayern wächst Hitzlsperger, Jahrgang 1982, auf. Dort galt Homosexualität als etwas Widernatürliches, sogar Verbrecherisches. Das sei ihm damals egal gewesen, weil es eben ihn nicht betraf. So erzählt er es im „Zeit“-Podcast „Alles gesagt“ im Februar 2020. Er kannte niemanden, der homosexuell war, war sogar acht Jahre in einer Beziehung mit einer Frau. Sie bleibt die einzige. Erst im Laufe seiner Karriere merkt Hitzlsperger: „Ich bin anders.“ Sich das einzugestehen und sich damit zu konfrontieren, eben nicht Mainstream zu sein, sei ein Prozess gewesen.

Seine aktive Karriere ist, als er sich 2014 outet, schon ein Jahr vorbei. Eigentlich will er sich schon anderthalb Jahre früher outen, als er noch Spieler beim VfL Wolfsburg ist. Doch dann geht er zu einem Medienanwalt, der habe ihm gesagt: „Lassen Sie das. Geben Sie kein Interview. Die Folgen halten Sie nicht aus.“ So schildert Hitzlsperger es im Podcast. Auch in seinem Umfeld raten ihm viele ab. „Sie rieten mir ab, weil sie Ängste hatten, mich schützen wollten: Was passiert im Stadion? In der Kabine? Das wird schrecklich.“

Hitzlsperger entscheidet sich zu warten. Doch dann ist die Spielerkarriere vorbei. Und er ist fest entschlossen: „Jetzt lasse ich mich von niemanden mehr abhalten. Es muss jetzt sein. Für mich persönlich. Für die Sache.“

Sein Coming-out im „Zeit“-Interview löst eine globale Resonanz aus. Er selbst ist am Erscheinungstag des Artikels, am 8. Januar 2014, ganz weit weg – auf Hawaii. „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität. Ich möchte gern eine öffentliche Diskussion voranbringen – die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern“, sagte er damals. Er hatte extra wenige Tage zuvor einen Twitter-Account eröffnet, um reagieren zu können. Bei der „Zeit“ bricht der Server zusammen, weil so viele Menschen das Interview lesen wollen. Hitzlsperger erzählt beim Podcast: „Ich habe Leute innerhalb, aber auch außerhalb des Fußballs helfen können. ,Der traut sich, dann traue ich mich auch, mich zu outen.‘“ Er sei stolz, denn er habe das Leben von anderen Menschen zum Positiven verändert. Bis heute bedankten sich Leute bei ihm. Es gebe auch immer wieder Spieler aus dem Amateurlager, die sprechen wollten. Bei den Profis hätten bis heute aber weder aktive noch ehemalige Fußballspieler sich ihm gegenüber offenbart. Er wüsste auch sechs Jahre nach seinem Coming-out nicht, wer homosexuell sei.

Kurz nach Hitzlspergers Coming-out sorgt Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann bei der Talkshow „Sky90“ für Aufregung. Auf die Frage, wie er reagiert hätte, wenn sich Hitzlsperger während ihrer gemeinsamen aktiven Zeit geoutet hätte, sagte er: „Komisch, glaube ich. Man duscht jeden Tag zusammen.“ Lehmann hatte von Sommer 2008 bis Januar 2010 mit Hitzlsperger beim VfB Stuttgart gespielt.

Ein Vorwurf, der immer wieder zu hören ist: Nach Hitzlsperger hätte sich kein weiterer deutscher Fußballprofi öffentlich geoutet. Christian Rudolph von „Fußballfans gegen Homophobie“ sagt dazu: „Ich wünsche mir für jeden Spieler, dass er keine Angst mehr vor einem Coming-out haben muss. Aber es bedarf noch einer Menge Mut, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, und auch, wenn die Reaktionen größtenteils positiv wie bei Hitzlsperger sein würden, wird es auch Hater geben. Diese Kommentare können verletzend sein. Es ist sicherlich einfacher, als nicht aktiver Spieler sich zu outen. Wenn diese Stimmen der ehemaligen Profis lauter werden würden, wäre das für die Diskussion gut.“

Hitzlsperger in seiner aktiven Zeit bei West Ham United. afp

Auch Hitzlsperger ist überrascht, dass sich kein weiterer Ex-Profi-Fußballer geoutet habe. „Jeder kann einen Beitrag leisten“, sagt er im Podcast. Hitzlsperger sagt, er habe damals nicht gewusst, ob sein Coming-out ihm eine Karriere in der Fußballwelt versperren würde. Es war aber für ihn beruflich kein Nachteil: „Ich habe alles durchlaufen, was man nach seiner Karriere im Fußball durchlaufen kann.“ Er wird Fußballexperte für die ARD, aber auch bei „Fox Sports“. Bis er erst Sportvorstand und dann am 15. Oktober 2019 zum Vorstandsvorsitzenden des Bundesligisten VfB Stuttgart ernannt wird. Im „Zeit“-Podcast sagt er: „Die Tatsache, dass ein Traditionsclub wie der VfB Stuttgart einen Vorstandsvorsitzenden hat, der öffentlich schwul ist, das ist ein Statement.“

Für seinen Beitrag erhält der 38-Jährige am 1. Oktober 2020 das Bundesverdienstkreuz. Hitzlsperger habe mit seinem Coming-out ein Tabu gebrochen und seit vielen Jahren gegen Homophobie, Sexismus und Rassismus in Stadien und Vereinen gekämpft, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Verleihung im Schloss Bellevue.

Hitzlsperger sagt bei der Verleihung, viele setzten Veränderungen gleich mit einem öffentlichen Coming-out eines Spielers. „Ich nehme aber schon wahr, dass im Zusammenleben, in der Zusammenarbeit im Fußballgeschäft eine andere Sensibilität vorherrscht als noch vor fünf oder zehn Jahren.“ Er werde nicht müde, darüber zu sprechen und die Entwicklung weiter voranzubringen.

Rudolph findet die Auszeichnung mehr als gerechtfertigt. Weil Hitzlsperger sich bis heute auch beim DFB für die Themen Homosexualität und Trans einsetze. „Es ist aber nicht sein primärer Fokus, was ich auch ganz wichtig finde, denn es ist wichtig zu sagen, die sexuelle Orientierung ist nur ein Teil des Menschen.“

Und was hat sich bei den Verbänden und Vereinen geändert? Seit einiger Zeit habe sich etwas beim DFB bewegt, so Rudolph. Der DFB habe seit vergangenem Jahr beispielsweise für positive Aktionen wie mit der Regenbogenfahne vor der Geschäftsstelle oder auch All-Gender-Toiletten bei allen Spielern der Nationalmannschaft der Herren gesorgt. Auch die Toleranz gegenüber dem diversen, dritten Geschlecht im Berliner Fußballverband sei vorbildlich. „Doch es wird zwar gerne über Homophobie im Fußball gesprochen, aber wenig über die positiven Veränderungen berichtet“, so Rudolph.

Alle warteten nur darauf, wann der nächste Fußballer sich outet. „Ich finde es bezeichnend, dass es immer noch die starke Fokussierung auf das Coming-out eines Fußball-Profi-Spielers gibt.“ Denn es gäbe viele queere Profisportlerinnen und -sportler beispielsweise beim Boxen oder beim Eishockey, die sich geoutet hätten, aber keine große mediale Beachtung fänden.

Der Fußball habe in der Basis zwar eine starke Vielfalt mit People of Color und verschiedenen Geschlechtern und Sexualitäten. „Doch wo ist der erste schwule Coach? Wo ist der erste schwule Präsident?“ Überhaupt fehle die Vielfalt in den oberen Reihen. „Wer bestimmt denn darüber, wer Trainer oder Coach wird? Im DFB-Präsidium gibt es seit den 1970ern nur eine Frau. Sonst sitzen da nur weiße, heterosexuelle Männer“, so Rudolph.

Und er betont: „Es wird immer gesagt, der Fußball sei der letzte Ort der Männlichkeit. Das sehe ich anders. Wir sind in unserer Gesamtgesellschaft längst nicht so weit, solange wir überhaupt noch über Coming-outs sprechen müssen.“

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