Katharina Oguntoye.
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Katharina Oguntoye.

# 42 Katharina Oguntoye

Courage kann anstecken

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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1986: Katharina Oguntoye veröffentlicht das Buch „Farbe bekennen“ und zeigt Afrodeutschen den Weg aus der Isolation.

Erhebt eure Stimme! Verschafft euch Gehör! Macht euch sichtbar! Es waren einfache Botschaften, die die 50-jährige afroamerikanische Gastprofessorin Audre Lorde 1984 in Berlin ihren beiden jungen Studentinnen mit auf den Weg gab. Doch Katharina Oguntoye und May Ayim, damals 23 und 21, saßen ihr gegenüber und waren erst einmal geschockt.

Die Botschaften wurden begleitet von einem Angebot für ein Buchprojekt. Wie ihre Weggefährtin Ayim hat Oguntoye einen afrikanischen Vater und eine deutsche Mutter. Sie war als Schwarze mit deutscher Sozialisierung in Zwickau und Heidelberg aufgewachsen – kein einfaches Schicksal in einer Gesellschaft, die allzu oft, wie auch heute noch, all das, was fremd erschien, systematisch ausgrenzte.

Katharina Oguntoye und May Ayim dokumentierten rassistische Alltagserfahrungen

Oguntoye sollte ihre Erfahrungen und die der Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund aufschreiben und so auf einen Teil der Bevölkerung aufmerksam machen, der in Deutschland bis dahin nicht wahrgenommen wurde und bis heute mit Diskriminierung zu kämpfen hat. „Die Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen, das war schon überwältigend“, erinnert sich Oguntoye, die zu diesem Zeitpunkt weder in der Öffentlichkeit aufgetreten war, noch ein Buch oder einen Artikel geschrieben hatte.

Nach einem Tag Bedenkzeit willigten beide ein. „Es war alles sehr aufregend und setzte gleichzeitig so viel Energie und Mut frei, dass wir unsere vielfältigen Ängste und Widerstände überwanden“, erklärt Oguntoye im Vorwort des Sammelbands, der zwei Jahre später mit dem Titel „Farbe bekennen – Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ erschien. Es war das erste Buch, das die Lebensrealitäten und – untrennbar damit verbunden – die rassistischen Alltagserfahrungen Afrodeutscher dokumentierte. Erstmals kamen in der Folge Schwarze Menschen in Deutschland miteinander in Kontakt und politisierten sich.

Es ist die Geschichte eines Empowerments, eines Ermutigtwerdens, und des Weges aus der Isolation zum Kollektiv. Gastprofessorin Lorde gab das Programm des Buches vor: „Der Weg durch Selbsterforschung zu Selbsterhebung heißt Komplexität und Courage einsetzen gegen eine Flut von Intoleranz und Hass auf die, die anders sind.“

Audre Lorde inspirierte Schwarze Menschen in Deutschland

Audre Lordes Einfluss auf Schwarze Menschen in Deutschland hat die Soziologin Dagmar Schultz im 2012 erschienen Film „Audre Lorde – The Berlin Years 1984 to 1992“ nacherzählt und auch im Online-Projekt „Audre Lorde in Berlin“ dokumentiert.

Neben den jungen Studentinnen Oguntoye und Ayim war sie die Dritte im Bunde, die sich von Lorde inspirieren ließ. Sie leitete den Orlanda Verlag, der „Farbe bekennen“ in Auftrag gab. Als einzige weiße Beteiligte gab sie das Buch mit heraus, das nun heute, 33 Jahre später, bei Orlanda eine Neuauflage erfährt. Schultz war es auch, die Lorde, eine führende Figur der US-amerikanischen Frauen- und Bürgerrechtsbewegung, nach Deutschland überhaupt erst holte. Bei der Weltfrauenkonferenz in Kopenhagen 1980 hatten sie sich kennengelernt.

Zunächst kaum Kontakt zu anderen Afrodeutschen

Gleich nach der Ankunft 1984 in Berlin begann Lorde ihre Mission. Wie Schultz erzählt, sei einer ihrer ersten Sätze gewesen: „Wo sind die Schwarzen Deutschen?“ Sie erinnert sich an „Szenen, die heute absurd wirken“: Da es schlicht noch kein Netzwerk und keine Schwarze Gemeinde gegeben habe, gingen sie vor die Tür und begannen ihre Suche auf den Straßen von Berlin.

Bis zu dem Gruppenbild, das das Buchcover von „Farbe bekennen“ mit den versammelten Akteurinnen ziert, war es ein weiter Weg. Katharina Oguntoye fasst rückblickend die Situation afrodeutscher Menschen bis Mitte der 80er mit einem Wort zusammen: Vereinzelung.

In einem Kapitel des Buches wird deutlich, wie schwer es war, Kontakt zu anderen Schwarzen aufzunehmen. Oguntoye erinnert sich darin an eine Frau aus Heidelberg, der sie in ihrer Kindheit häufiger begegnete, Ayim wiederum an ein Mädchen in ihrer Schule. In beiden Fällen kam ein richtiger Kontakt nie zustande, denn sie fragten sich stets: „Soll ich mit ihr reden, nur weil ich auch Schwarze bin?“

„Farbe bekennen“ als Grundlage für Black-Lives-Matter-Bewegung

„Farbe bekennen“ änderte das in zweierlei Hinsicht. Einerseits gab das Buch den beiden jungen Frauen einen Anlass, andere Schwarze Menschen und ihre Geschichten zu suchen. Ayim steuerte ihre Diplom-Arbeit bei, in der sie die Geschichte der Afrikaner:innen in Deutschland vom Mittelalter bis in die Nachkriegszeit aufarbeitete. Und gemeinsam mit Oguntoye sammelte sie Biografien von Schwarzen Frauen aus unterschiedlichen Generationen: von einer 14-Jährigen bis zu zwei über 60-Jährigen, die die Nazi-Zeit miterleben mussten.

Andererseits gaben das Buch und andere Medien wie das 1987 gegründete Magazin „afro look“ den Schwarzen Deutschen einen unverfänglichere Möglichkeit, zueinander zu finden. Plötzlich verband sie mehr als nur die Hautfarbe: Es waren vielfältige Erfahrungen, auch negative in Form von offenem wie strukturellem Rassismus und Identitätsfragen, die sie teilten.

Oguntoye erinnert sich an Treffen in einer Kreuzberger Studentenwohnung mit rund 30 Schwarzen Menschen. Ähnliche Runden etablierten sich in ganz Deutschland. Und aus diesen Gruppen gingen die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ und ihre Schwesterorganisation Adefra (Afro-deutsche Frauen/Schwarze Frauen in Deutschland) hervor, die die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland vertreten.

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Dabei etablierten die Aktivist:innen auch die Eigenbezeichnung „afrodeutsch“. Laut Oguntoye sollte die zum Ausdruck bringen: „Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft, wir sind hier aufgewachsen, wir sind hier verwurzelt.“ Den Begriff, so heißt es im Buch, wollten sie „den herkömmlichen Behelfsbezeichnungen wie ‚Mischling‘, ‚Mulatte‘ oder ‚Farbige‘ entgegensetzen, als einen Versuch, uns selbst zu bestimmen, statt bestimmt zu werden“. Es war eine Grundlage dafür, dass sich heute in Deutschland nicht nur im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung viele Schwarze Stimmen erheben, sich Gehör verschaffen und sichtbar für ihre Rechte einstehen.

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