Nasr Hamid Abu Zaid.
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Nasr Hamid Abu Zaid.

# 48 Nasr Hamid Abu Zaid

Widersteh den Ideologen, auch wenn der Preis hoch ist

  • Tobias Schwab
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Im Jahr 1992 veröffentlicht der Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid in Ägypten das Buch „Kritik des religiösen Diskurses“. Mit diesem Mut wurde er zu einem Wegbereiter für aufgeklärte Lesarten des Koran.

„Wie so oft war er seit Wochen ganz allein gewesen in Holland, in irgendeiner Vorstadt von Leiden, wo er ohne Rentenanspruch lehrte, in einer kleinen Wohnung mit niederländischem Mobiliar, beschaulich lebend wie einst in dem unterägyptischen Dorf, wie er mir seine Einsamkeit schönredete.“ So erinnert sich der Orientalist Navid Kermani an seine letzte Begegnung mit dem islamischen Intellektuellen Nasr Hamid Abu Zaid.

Die Einladung nach Köln habe Abu Zaid damals, 2006, ohne langes Zögern angenommen, schreibt Kermani in einem Nachruf auf den 2010 verstorbenen Gelehrten. Im Hause der Schwiegermutter wurde dann gemeinsam Weihnachten gefeiert. Mit Tannenbaum, Braten und allem, was sich gehört, wie Kermani betont. „Das ist mein letztes Bild von Nasr Hamid Abu Zaid: der Korangelehrte auf dem Sofa vor dem Weihnachtsbaum meiner deutschen Schwiegermutter.“

Abu Zaids Frau Ibtihal Younes, Professorin für französische Literatur, war zu dieser Zeit schon wieder aus dem niederländischen Exil an die Universität nach Kairo zurückgekehrt, um nicht auch noch ihre Altersversorgung aufs Spiel zu setzen.

Abu Zaids Buch wendet sich auch gegen den von Mubarak verordneten Staatsislam

Beide zahlten sie für die Widerständigkeit Abu Zaids einen hohen Preis. Die „Affäre“ nimmt 1992 ihren Lauf, als sein Buch „Kritik des religiösen Diskurses“ erscheint. Abu Zaid, der in Kairo Arabistik und Islamwissenschaften studiert hatte, plädiert darin für eine literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Koran, dafür also, ihn nicht als historisches Dokument, sondern als poetischen und damit offenen Text zu verstehen. Er wendet sich damit (auch) gegen den vom autokratischen Präsidenten Husni Mubarak verordneten ägyptischen Staatsislam. Denn dieser, so Abu Zaid, sei „nicht besser als die Islamdeutung der Extremisten, da beide auf ihrem Monopol auf die absolute Wahrheit bestehen“.

Das Buch führt zu heftigen Kontroversen. Als Abu Zaid im Mai 1992 in Kairo seine Beförderung vom Assistenz- zum ordentlichen Professor beantragt, wird er abgelehnt. Seine Schriften seien eine Beleidigung der Religion, heißt es damals in einem Gutachten. Konservative Professoren der Al-Azhar-Universität versuchen, ihn als Apostaten anzuklagen. Kollegen verlangen seine Hinrichtung. Weil sie damit im ägyptischen Strafrecht nicht durchkommen, ziehen sie Abu Zaid vor ein religiöses Scharia-Gericht und strengen ein Scheidungsverfahren an. Eine Muslima, so ihre Argumentation, dürfe nur mir einem Muslim verheiratet sein. Wenn also Abu Zaid vom Glauben abgefallen sei, könne auch seine Ehe nicht fortbestehen.

Die Eiferer, die in der ersten Instanz scheitern, gehen in Berufung und setzen sich 1995 schließlich mit ihrem perfiden Plan durch. Abu Zaid, heißt es im Urteil, streite ab, dass der Koran das dem Propheten Mohammed offenbarte Wort Gottes sei. Als Professor und Autor verbreite er Lügen unter den Studierenden. Die Scharia-Richter erklären ihn folglich zum Apostaten und annullieren die Ehe. Abu Zaid erhält daraufhin in Ägypten zahlreiche Morddrohungen und sucht mit seiner Frau schließlich Zuflucht in den Niederlanden.

Abu Zaid: Der Gelehrte ist selbst tiefgläubig, kennt den Koran schon als Kind auswendig

Für den tief gläubigen Gelehrten, der den Koran schon als Kind auswendig zu rezitieren wusste, ist die kritische Beschäftigung mit der Schrift durchaus kein Sakrileg, sondern hermeneutische Notwendigkeit. „Der Text existiert nicht für sich selbst“, sagt Abu Zaid in einem Interview. „Um zu seiner Bedeutung zu gelangen, muss er interpretiert werden und Interpretation ist eine menschliche Tätigkeit.“ Jede Auslegung, so seine Überzeugung, ist das Ergebnis einer spezifischen Beziehung von Text und Exeget, die als solche reflektiert werden müsse. Dabei sei auch stets der historische und sozio-kulturelle Kontext zu beachten.

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Abu Zaid illustriert das am Beispiel der „Hadd“-Strafe für überführte Diebe. Traditionalisten sähen im Abhacken der Hände ein typisches islamisches Strafmaß, das sie auch weiterhin gelten lassen wollten, erklärt er. „Ein historisch begründetes Verständnis aber würde schnell den Beweis führen, dass es sich dabei um eine Anleihe aus der vor-islamischen arabischen Gesellschaft handelt und in einem ganz speziellen sozialen und historischen Kontext verwurzelt ist“.

Den Koran in dieser Weise in seinen geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, ihn zu entkleiden von dem, was lediglich in einer bestimmten Zeit verhaftet sei, ermöglicht es für Abu Zaid erst, zum „eigentlichen Kern“ der Offenbarung vorzudringen.

Abu Zaid sieht sich in der Tradition kritisch arabisch-islamischen Denkens

Für das traditionelle islamische Verständnis des Korans klingt das schnell ketzerisch. Hat er für Muslime doch eine wesentlich höhere Bedeutung als die Bibel für Juden und Christen, wie die Religionswissenschaftlerin Angelika Neuwirth erklärt. „Was in Parallele zu setzen ist, sind nicht Bibel und Koran, sondern Menschwerdung des Gotteswortes in Jesus Christus im Christentum und die Koranwerdung des Gotteswortes im Islam“, erläutert die Arabistin, die das Forschungsprojekt Corpus Coranicum in Berlin leitet.

Abu Zaid, der bis zu seinem Tod den Ibn-Ruschd-Lehrstuhl für Humanismus und Islam an der Universität in Utrecht innehatte, sieht sich selbst in der Tradition kritisch arabisch-islamischen Denkens, das er viel besser kennt als seine Denunzianten. Als zutiefst spiritueller Mensch verbindet er dabei seine Hermeneutik mit der Mystik des Sufismus. „Der Koran ist Rede Gottes, aber der Sufi betrachtet diese, als sei sie an ihn selbst ergangen“, sagt Abu Zaid in einem Interview. Das eröffne eine Vielfalt möglicher Deutungen, ohne der normativen Bedeutung des Korans Gewalt anzutun.

Er hätte es so viel einfacher haben können, wenn er sich wie andere damals mit den Zuständen in Ägypten arrangiert hätte, schreibt Navid Kermani. „Vor Gericht hätte er nur das Glaubensbekenntnis aufsagen müssen, die Anwälte drängten ihn dazu, nur zwei Halbsätze, dann hätte sich der Tatbestand der Apostasie erledigt“, erinnert sich der Freund. Doch Abu Zaid blieb standhaft.

Mit diesem Mut wurde er zu einem Wegbereiter für aufgeklärte Lesarten des Koran. „Der Koran ist eben nicht als Monolog vom Himmel gefallen“, sagt der in Münster lehrende Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide. Darauf mit seinem Werk hinzuweisen, sei das bleibende Verdienst Abu Zaids.

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