Hilmar Hoffmann, legendärer Frankfurter Kulturdezernent.
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Hilmar Hoffmann, legendärer Frankfurter Kulturdezernent.

#33 Hilmar Hoffmann

Utopisch denken, pragmatisch handeln

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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1977: Hilmar Hoffmann begründet in Frankfurt das Museumufer - und erschafft mit seiner Politik eine Kulturstadt von Weltrang.

Auf den ersten Blick scheint Hilmar Hoffmann im Jahr 1977 erledigt. Dem Frankfurter Kulturdezernenten, seit 1970 im Amt, ist bei der Kommunalwahl am 20. März 1977 die politische Unterstützung weggebrochen. Die Sozialdemokraten, die drei Jahrzehnte im Römer dominiert haben, verlieren ihre absolute Mehrheit an die CDU. Der Christdemokrat Walter Wallmann, ein Bundestagsabgeordneter aus Marburg, wird neuer Oberbürgermeister. Der sozialdemokratische Kulturdezernent Hoffmann muss mit seiner Abwahl rechnen, die deutsche Kulturszene blickt gespannt nach Frankfurt.

Denn Hoffmann hat in den Jahren zuvor mit einer neuen demokratischen Kulturpolitik bundesweit Zeichen gesetzt. Er entwickelte die Bürgerhäuser als Begegnungsstätten für die breite Bevölkerung, er baute als bundesweite Premiere ein Netz von Stadtteilbibliotheken aus, gründete das erste „Kommunale Kino“ in Deutschland, um dem Kommerzfilm in den privaten Lichtspieltheatern etwas entgegenzusetzen. An den Städtischen Bühnen etablierte er ein Mitbestimmungsmodell, um die Allmacht konservativer Generalintendanten zu brechen. All das ist der CDU ein Dorn im Auge.

Doch Hoffmann beschließt zu kämpfen. Er gibt dem „Spiegel“ ein großes Interview, in dem er für die Fortsetzung seiner Politik wirbt, dem neuen OB zugleich „kritische Loyalität“ verspricht. Sogar der Feuilletonchef der „FAZ“, Günther Rühle, spricht sich für den SPD-Politiker aus. Ein erstes Gespräch mit Wallmann wird zum Nukleus einer fast zehnjährigen Zusammenarbeit. In dieser Zeit steigt Frankfurt zu einer Kulturstadt von Weltgeltung auf. Bis 1990 entstehen zwölf neue Museen und Kulturinstitutionen: die Häuser für Architektur und für Film, das Jüdische Museum, das Museum für Vor- und Frühgeschichte, das Museum für Moderne Kunst, das Ikonenmuseum, das Museum Judengasse, das Museum für Kunsthandwerk, die Kunsthalle Portikus, die Kunsthalle Schirn, das Künstlerhaus Mousonturm und das Städtische Literaturhaus. Darüber hinaus gründet Hoffmann ein städtisches Galeriehaus und eine Kunstmesse, die seine Nachfolger allerdings wieder aufgeben.

Vorbild in der deutschen Kulturpolitik

Hoffmann wird zum Hoffnungsträger und Vorbild in der deutschen Kulturpolitik. Der Sozialdemokrat ist ein Meister darin, ein Netzwerk zu knüpfen, das ihn unterstützt und zu dem viele Protagonisten zählen: CDU-Stadtkämmerer Ernst Gerhardt, Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf (SPD) oder Roland Burgard, der Leiter des Hochbauamts. Entscheidend aber ist die Zusammenarbeit von OB Wallmann und Kulturdezernent Hoffmann. Ein Mann hält die Fäden in der Hand und ist immer wieder Ideengeber, Vermittler und Manager: Alexander Gauland. Der CDU-Politiker ist noch nicht der dumpfe Reaktionär, als der er heute als AfD-Politiker auftritt. Er ist ein exzellenter Kenner britischer Geschichte und Literatur. Er begreift 1977, dass die Kultur in der Großstadt ein entscheidendes, sinnstiftendes Mittel sein kann, um bürgerliche Wählerschichten zu gewinnen. Gauland überzeugt Wallmann, Hoffmann weiterarbeiten zu lassen und schlägt kulturpolitische Volten wie die Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an den linken Philosophen Jürgen Habermas 1981 vor. Die CDU schäumt, weil sie Habermas als intellektuellen Wegbereiter der RAF-Terroristen einstuft. Wallmann und Hoffmann aber bekommen Beifall in den Feuilletons. Wallmann will die Kulturpolitik nutzen, um das Image Frankfurts aufzupolieren, strebt repräsentative Bauten an, mit denen sich die bürgerliche Mittelschicht identifizieren kann. Hoffmann und der OB aber ringen bis 1986, als Wallmann die Stadt verlässt, auch miteinander. Sie gehen Kompromisse ein. Der Oberbürgermeister kann 1984 die nachgebauten Fachwerkhäuser der Römerberg-Ostzeile verwirklichen, die Hoffmann als „Zuckerbäckerbauten“ verspottet. Dafür darf er zwei Jahre später die Kunsthalle Schirn als Ort der modernen Kunst eröffnen.

1984 wird zum Jahr zweier Pioniertaten. Am 1. Juni nimmt in der Villa Schaumainkai 43 das Deutsche Architekturmuseum seine Arbeit auf. Am 7. Juni folgt in der benachbarten Villa Schaumainkai 41 das Deutsche Filmmuseum. Beide sind die ersten Häuser ihrer Art in der Bundesrepublik. Im April 1985 öffnet das neue Museum für Kunsthandwerk, heute Museum Angewandte Kunst. Hilmar Hoffmann entwickelt die Marke „Museumsufer“ für diese Kette von Häusern, die sich weltweit durchsetzt. Wieder eine Premiere für Deutschland ist 1988 das Jüdische Museum im Rothschildpalais, geboren aus dem Willen von SPD und CDU im Römer, ein Zeichen der Versöhnung zu setzen nach den Gräueltaten des Nationalsozialismus. Im Juni 1991, als der Kulturdezernent schon nicht mehr im Amt ist, öffnet das Museum für Moderne Kunst, das er noch auf den Weg gebracht hat.

Frankfurt als Stadt der Einwanderung

Hoffmann bekennt sich stets ausdrücklich zu Frankfurt als einer Stadt der Einwanderung. Er nennt „Multikulturalität ein hohes gesellschaftliches Gut einer Metropole“. Das ist bei vielen Sozialdemokraten zu dieser Zeit noch ein Tabu.

Von den mehr als 30 Büchern, die er verfasst, bleibt „Kultur für alle“ das wichtigste. Hier legt er 1979 in der Theorie nieder, was er in der Praxis verwirklicht. Kulturelle Einrichtungen müssten für alle Menschen zugänglich sein, gerade auch jene aus sogenannten bildungsfernen Schichten. Es brauche umfassende kulturelle Bildung, um allen Menschen den Zugang zu Kulturinstitutionen zu ermöglichen. Kultureinrichtungen dürften kein Eintrittsgeld kosten.

Hoffmanns Taktik, zunächst öffentlich vorzustellen, was er dann politisch durchsetzen will, geht nicht immer auf. Ein Museum für Industriekultur in der Naxos-Halle im Ostend bleibt ein schöner Plan. Anderes gerät sehr teuer. Am letzten Tag seiner Amtszeit bringt er im Magistrat das städtische Literaturhaus an der Bockenheimer Landstraße im Westend durch, eine schöne alte Villa, die exorbitante 33 000 Mark Miete im Monat kostet. Bei seinem Amtsantritt 1970 umfasst der Kulturetat 68 Millionen Mark, 1987 sind es 377 Millionen. Die Stadt investiert in ihre kulturelle Infrastruktur zwischen 1970 und 1990 etwa zwei Milliarden Mark. Diese Investitionen finanziert sie mit wachsenden Schulden: Die klettern von knapp unter 800 Millionen auf mehr als zwei Milliarden Mark.

In einer großen bilanzierenden Rede am 27. März 1990 vor der Polytechnischen Gesellschaft in Frankfurt erklärt der Kulturpolitiker: „Den Künsten und der Kultur Lebensraum zu schaffen, Freiräume herzustellen und zu verteidigen, hielt ich ... immer für meine Hauptaufgabe.“ Von 1993 bis 2002 versucht es Hilmar Hoffmann dann im Weltmaßstab, als Präsident des Goethe-Institutes. Die Wirkungsmacht, die er in Frankfurt entfaltete, blieb ihm dort versagt.

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