Ajna Jusic, Monika Hauser und Sabina Basic
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Verbunden durch Krieg und Neubeginn: Monika Hauser (M.) mit Sabina Basic (r.) und ihrer Tochter Ajna Jusic.

#49 Monika Hauser

Hör nie auf anzufangen

  • Ursula Rüssmann
    vonUrsula Rüssmann
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Die Ärztin Monika Hauser und ihre Mitstreiterinnen eröffnen 1993 mitten im Bosnienkrieg das Zentrum Medica Zenica für im Krieg vergewaltigte Frauen – weltweit das Erste seiner Art

Sabina war 1993 während des Bosnienkriegs eine der ersten Frauen, die bei Medica Zenica Hilfe suchten. Monika Hauser erinnert sich genau: „Sie war 19, schwanger, von einem Soldaten vergewaltigt. Sie war verzweifelt und wusste nicht weiter: Wie soll ich das Kind bekommen?“ Wie solle sie ein Kind lieben, bei dessen Anblick sie immer an den Vergewaltiger würde denken müssen?

Im Zentrum Medica Zenica, von der Frauenärztin Hauser gegründet, bekam Sabina Hilfe, hier brachte sie schließlich ihre Tochter Ajna zur Welt. Aber was folgte, war lange kein leichter Weg. Drei Monate war die Mutter nicht in der Lage, das Baby zu berühren. Sieben Jahre lebte sie mit der Tochter noch im Haus von Medica. Und noch viel später erzählt Sabina Basic in einer Reportage für die Deutsche Welle, wie sie als Familie jahrelang ausgegrenzt wurden, wie sie immer wieder gezweifelt habe: „Hätte ich Ajna gleich zur Adoption freigegeben, wäre ihr Leben dann nicht viel leichter geworden?“ Aber dazu später mehr.

Medica Zenica war bei seiner Eröffnung im April 1993 ein Pionierprojekt, das erste interdisziplinäre Frauentherapiezentrum weltweit mitten in einem Kriegsgebiet, mit 20 Ärztinnen und Psychologinnen.

Hilfswerke verweigerten Unterstützung für Musliminnen in Bosnien

„Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“ hatte ein deutscher Diplomat Ende 1992 gefragt, als Hauser ihm ihren Plan vorstellte. Doch die junge Ärztin ließ sich nicht abschrecken. Zu groß war ihre Wut: über die Kriegsverbrechen an Frauen in Bosnien, von denen sie durch Berichte in „Emma“ und dem TV-Magazin „Mona Lisa“ erfahren hatte, über Hilfswerke, die ihr Unterstützung verweigerten: „Die hatten kein Interesse an Musliminnen, die in Bosnien zu Zehntausenden vergewaltigt wurden.“

Aber auch die eigene Geschichte lieferte Hauser, 1959 in der Schweiz als Tochter Südtiroler Eltern geboren, genug Stoff für Zorn: Die Großmutter erzählte der Enkelin von der sexuellen Ausbeutung durch den Ehemann, erzählte, wie Tanten regelmäßig Übergriffen von Dienstherren ausgesetzt waren. Als angehende Ärztin erfuhr Hauser dann in einem Südtiroler Krankenhaus, wie sehr auch bei Bergbäuerinnen sexualisierte Gewalt zum Alltag gehörte. Hilfe bekamen sie von der Schulmedizin nicht, Hausers Hinweise blieben ungehört: „Das war ein Tabu, eher wurde ich ausgegrenzt als die Überlebenden unterstützt.“ Genauso erlebte sie es in der deutschen Uniklinik, in der sie später arbeitete.

Bosnienkrieg: Opfer von sexualisierter Gewalt werden ausgegrenzt

So wird der Bosnienkrieg für die Gynäkologin zur Initialzündung für einen Neuanfang. Sie und ihre Kolleginnen entwickeln einen ganzheitlichen, traumasensiblen Ansatz für ihre Patientinnen: Frauen, die durch Kriegsgewalt traumatisiert sind, bekommen nicht nur medizinisch-gynäkologische Hilfe für ihre teils schwersten Verletzungen. Sie erhalten auch therapeutischen Beistand, damit sie wieder Kontakt zu sich finden, und Rechtsberatung.

Medica Zenica startet mit 250 000 Mark Startkapital, gesammelt durch einen Spendenaufruf in Mona Lisa. Der Ansatz ist erfolgreich, und er wird gebraucht. Ein rasantes Wachstum beginnt. Medica Zenica etabliert sich, Köln wird 1994 zur Zentrale von Hausers Hilfsorganisation Medica Mondiale.

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Mit dem Kosovokrieg kommen 1999 Kosovo und Albanien als Projektregionen hinzu, die Gesamteinnahmen aus Spenden und Fördergeldern steigen auf 5,5 Millionen Mark. Im albanischen Gjakova entsteht das zweite interdisziplinäre Frauentherapiezentrum, weitere gründet Medica 2001 in Afghanistan und einige Jahre später in Liberia.

Immer verfolgt Medica das Ziel, dauerhafte lokale Strukturen zu schaffen. Heute arbeiten alle vier Zentren selbstständig, mit einheimischem, von den Medica-Mondiale-Expertinnen qualifiziertem Personal. Allein in Afghanistan sind es 70 Frauen. Daneben hat der Kölner Verein feste Kooperationen mit Frauenprojekten in Kongo, Ruanda, Elfenbeinküste und Nordirak.

Aus der Wut ist ein nachhaltiges, feministisches Netzwerk über Grenzen hinweg geworden

Heute arbeitet Medica Mondiale mit 35 Partnerorganisationen in 14 Ländern zusammen, allein 2019 flossen sieben Millionen Euro in Projektarbeit. Aus der Wut des Anfangs ist ein gemeinnütziger Multi der internationalen Frauenrechtsarbeit geworden, ein nachhaltiges, feministisches Netzwerk über Grenzen hinweg. Monika Hauser hat dafür unzählige Auszeichnungen bekommen, unter anderem 2008 den Alternativen Nobelpreis. Dass Bundesverdienstkreuz lehnte sie 1998 ab, weil damals bosnische Geflüchtete aus Deutschland abgeschoben wurden.

Politisch haben Organisationen wie Medica Mondiale einiges bewirkt. Es ist vor allem ihr Verdienst, dass das uralte Thema sexualisierter Gewalt in Konflikten heute auf der internationalen Agenda ist. Als ganz konkreten Erfolg der Frauenrechtsarbeit von Medica Mondiale verbucht Hauser, dass kriegsvergewaltigte Frauen in Bosnien und Herzegowina seit 2006 gesetzlich Veteranen gleichgestellt und als zivile Kriegsopfer anerkannt sind. Sie bekommen eine kleine Rente und mehr soziale Anerkennung. Aber, so Hauser: „Widerstand gegen uns ist immer inklusive.“ Und er kommt teils von ganz oben.

So hat sie etwa im Kosovokrieg angeprangert, dass auch Bundeswehrsoldaten in mazedonische Bordelle mit Zwangsprostituierten gingen – „da bin ich vom damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping öffentlich zum Schweigen aufgefordert worden“.

Zum Fakt, dass sich auch zivile Krisenhelfer an der sexuellen Ausbeutung von Frauen beteiligen, habe ihr der Geschäftsführer eines großen deutschen Hilfswerks gesagt: „Wir können unseren Männern nun mal nicht unter die Bettdecke schauen.“

Das Bundesverdienstkreuz lehnt sie ab - weil zugleich bosnische Geflüchtete abgeschoben werden

Fehlendes Problembewusstsein, mangelhafte Strafverfolgung – das sind erhebliche Hindernisse auf dem Weg zu Besserungen. Hauser bemängelt, dass die Kriegsverbrechertribunale zu Bosnien und Ruanda viel zu wenige Verantwortliche für sexualisierte Kriegsgewalt verurteilt haben: „Den Haag war nicht darauf vorbereitet, die Zeuginnen traumasensibel zu befragen. Sie wurden teils ins Kreuzverhör genommen und mussten Fragen über sich ergehen lassen wie: ,Damals im August, sind Sie da von 30 oder von 40 Männern vergewaltigt worden?‘“ Im Bosnien- und Ruanda-Tribunal hat Chefanklägerin Carla del Ponte laut Hauser sogar Anklagen fallen gelassen, weil die Prozesse ihr zu lang wurden: „Dabei waren die Frauen bereit, auszusagen. Für sie war es retraumatisierend, dass sie als Überlebende derart missachtet wurden.“

Das Fazit der Frauenrechtlerin: „Wir müssen weiter hartnäckig bleiben, immer wieder politisch intervenieren.“ Nicht aufhören, anzufangen – es ist wohl auch der rote Faden in ihrem Leben, und nicht zufällig der Titel einer Biografie über sie.

Ein Neuanfang steckt übrigens auch, bei allem Grauen der Vergangenheit, in der Geschichte von Sabina Basic. Sie hat irgendwann geheiratet, einen Mann, der ihre Tochter Ajna liebt wie seine eigene und sagt: „Durch sie hat mein Leben einen Sinn bekommen.“ Ajna Jusic selbst erfuhr mit 15, dass ihr biologischer Vater ein Kriegsvergewaltiger ist. Sie hat lange gebraucht, damit klarzukommen, hat irgendwann Psychologie studiert und vor einiger Zeit die Organisation „Forgotten Children of War“ gegründet. Heute, mit 27, spricht sie mutig und klar über ihre Geschichte, darüber, wie sie und die anderen 4000 Betroffenen amtlich diskriminiert werden, dass viele bis heute schwer leiden, fordert die Gleichstellung mit anderen Kriegsopfern. Medica Mondiale unterstützt die Organisation. Nie aufhören, anzufangen.

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