#74 Greta Thunberg

Sei kompromisslos, wenn es die Lage erfordert

  • Antje Mathez
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2018: Greta Thunberg beginnt in Schweden mit ihrem Schulstreik für das Klima. Sie startet damit eine globale Bewegung.

Stockholm – Man muss sie nicht vorstellen. Ob Jung oder Alt, alle kennen Greta Thunberg. Mit vollem Namen Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg. Seit sie als 15-Jährige still und ernst, bewaffnet nur mit ihrer Jugend und ihrem Schild „Skolstrejk för Klimatet“, in Stockholm vor dem schwedischen Parlament ausharrte, steht sie für unbeirrbaren Einsatz in Sachen Klimarettung.

Wie Greta Thunberg zur Klimaaktivistin wurde

Im Winter 2018 gingen Bilder um die Welt, die berührten: Ein blasses Mädchen, das viel jünger wirkte, als es war, saß da im Schnee. Unter zwei Wollmützen ein kleines verfrorenes Gesicht; lange geflochtene Zöpfe; eingemummelt in einem dicken Schal. Ungläubig beäugt, häufig auch ein wenig mitleidig belächelt von der Presse, die eine gefühlige Geschichte witterte und sich auf sie stürzte. Doch statt sich instrumentalisieren zu lassen, drehte die junge Schwedin – ob beabsichtigt oder nicht – den Spieß um und trat eine noch nie dagewesene weltweite Klimaschutzbewegung los.

Greta Thunbergs Klimaaktivismus begann während der Dürre- und Hitzewelle 2018, die weite Teile Europas erfasst hatte. Am 20. August 2018, dem ersten Schultag nach den Ferien, drei Wochen vor der Wahl zum schwedischen Reichstag, begann sie ihren Protest und führte diesen Schulstreik bis zur Wahl am 9. September 2018 täglich durch. Danach protestierte sie dann einmal pro Woche – immer freitags.

Die „Fridays for Future“ gehen auf Greta Thunberg zurück

Inspiriert von ihrer stillen Hartnäckigkeit begannen junge Menschen auf der ganzen Welt, ihrem Beispiel zu folgen, schwänzten an Freitagen die Schule und demonstrierten für ihr Recht auf eine auch in Zukunft noch bewohnbare Welt. Die „Fridays for Future“ (FFF) waren geboren – und Greta wurde Sprachrohr und Stimme einer ganzen Generation, die den Mächtigen ins Gewissen redet.

Nun gibt es eine Menge Umwelt- und Klimaschutzaktivistinnen und -aktivisten. Junge wie alte, viele höchst engagiert. Die Folgenlosigkeit emotionaler wie sachlicher Appelle zur Lösung der Menschheitsherausforderung Klimawandel beschäftigt sie ebenso wie unzählige Wissenschaftler seit Jahrzehnten. Mindestens seit den Achtzigerjahren versuchen sie Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, das man nicht sehen, fühlen oder schmecken kann, das unser Leben nicht unmittelbar bedroht und doch von existenzieller Bedeutung ist.

Was macht die Faszination Great Thunberg aus?

Sie seilen sich von Brücken und hohen Gebäuden ab, rudern über die Weltmeere. Manche ketten sich an Schienen, andere leben zeitweise auf Bäumen, um sie vor der Abholzung zu bewahren – alles deutlich spektakulärer als ein 15-jähriges Mädchen, das sich bei Wind und Wetter still vor das schwedische Parlament hockt. Was ist es also, was die Faszination Greta Thunberg ausmacht? Was unterscheidet sie von anderen Engagierten, die schon so lange um Aufmerksamkeit für Klimaschutzfragen ringen? Und wie hat sie es geschafft, die Massen zu mobilisieren und eine weltweite Bewegung in Gang zu setzen?

Sicherlich spielt der Zeitpunkt, an dem Greta in die Öffentlichkeit getreten ist, eine gewichtige Rolle. Weltweit nehmen Zahl und Schwere der klimabedingten Katastrophen jedes Jahr zu, fordern immer mehr menschliche Opfer und verursachen immer größere wirtschaftliche Schäden. Was Greta Thunberg so besonders macht, ist einerseits ihre Jugend, die sie zur perfekten Gallionsfigur und Vorkämpferin ihrer Generation werden lässt und andererseits – und das ist von ganz entscheidender Bedeutung – ihr Mut zur Kompromisslosigkeit, mit der sie von den politischen Entscheidern nicht nur das Machbare, sondern das Nötige fordert.

Entschlossenheit machte Greta Thunberg zur Vorkämpferin einer Bewegung

Es ist die Entschlossenheit eines Mädchens, die Greta so berühmt macht. Im polnischen Kattowitz auf der Klimakonferenz 2018 hat sie gesprochen. Damals versuchte sie es noch mit einem freundlichen Appell: „Wir brauchen entschlossenes Handeln. Das ist noch wichtiger als Hoffnung. Wenn wir anfangen zu handeln, dann gibt es überall Hoffnung“, so ihre nüchterne Analyse der Lage. Das Video ihrer Rede im Netz verbreitete sich in kürzester Zeit millionenfach.

Jugendliche der FFF-Protestbewegung betonen in Interviews immer wieder, dass Greta der Impuls war, den Kampf für das Klima aufzunehmen. „Dass sie sich da einfach hingesetzt und gesagt hat, dann geh ich halt nicht zur Schule. Das hätte ich mich alleine nie getraut“, sagt etwa die 16-jährige Simone Reportern des ZDF. „Sie hat mehr Courage gezeigt als jeder mächtige Politiker.“ Das Ergebnis: Zehntausende gehen auf die Straße, ihre Inspiration heißt Greta.

Schon mit acht Jahren beschäftigte Greta Thunberg der Klimawandel

Seit sie in der Schule von den Auswirkungen des Klimawandels gehört hat, lässt die junge Schwedin das Thema nicht mehr los. Damals war sie acht Jahre alt, erzählt Greta Thunberg immer wieder in unzähligen Interviews. Dort habe man ihr erklärt, dass der Klimawandel von Menschen und ihrem Verhalten ausgelöst werde. „Und ich dachte mir, dass das sehr merkwürdig ist, denn eine so existenzielle Krise müsste doch das Thema Nummer eins bei jedem sein. Und dennoch wurde das Thema von niemandem angesprochen und wir haben uns auf andere Dinge konzentriert.“

Das habe sie nicht verstanden, erzählt Greta. „Die Menschen haben gesagt, die Klimakrise ist sehr wichtig und wir müssen alles tun, was wir können, um sie aufzuhalten. Und trotzdem haben alle so weitergemacht wie vorher.“ Deshalb habe sie damit angefangen, immer mehr über den Klimawandel zu lesen und je mehr sie darüber gelesen habe, desto mehr habe sie auch die Zusammenhänge verstehen können. „Und wenn du es einmal verstanden hast, kannst du diese Erkenntnis nicht mehr verdrängen oder übersehen und dann erkennst du, dass du etwas tun musst, weil alles so falsch läuft.“

Die wohl berühmtesten Worte von Greta Thunber: „Wie könnt Ihr es wagen!“

NameGreta Thunberg
Geburtsdatum3. Januar 2003 (Alter 17 Jahre)
GeburtsortStockholm, Schweden
PositionSchülerin und Klimaaktivistin

Wie falsch, das schleudert sie auf der UN-Klimakonferenz im September 2019 der versammelten politischen Prominenz voller Zorn entgegen. „Wie könnt Ihr es wagen!“, wendet sie sich mit Tränen in den Augen an die Anwesenden vor Ort und die Menschen vor den Fernsehern. „Ihr habt meine Träume gestohlen. Und meine Kindheit mit Euren leeren Worten. (…) Wir stehen am Anfang einer Massenauslöschung und Ihr redet nur über Geld, erzählt Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum. Wie könnt Ihr es wagen!“ Klar und kompromisslos ist ihre Botschaft und sie droht: „Die Augen aller zukünftigen Generationen sind auf Euch gerichtet. Wenn Ihr Euch entscheidet zu versagen, sage ich Euch: Wir werden Euch niemals verzeihen.“

Greta Thunberg spielt mit im Konzert der Großen. Sie hat den Papst getroffen, Barack Obama und Emanuel Macron, hat mit Angela Merkel diskutiert. Sie hat viele Auszeichnungen erhalten, die Goldene Kamera etwa, ist vom Magazin „Time“ zur „Person of the Year“ gewählt worden und hat den Alternativen Nobelpreis verliehen bekommen. „Gretas großes Talent ist es, wie sie sagt, die kinderleichten moralischen Konsequenzen, die wir eigentlich aus dem Klimawandel ziehen müssen, auf den Punkt zu bringen“, begründete Ole von Uexküll, Chef der Stiftung Alternativer Friedensnobelpreis, die Entscheidung.

Greta Thunberg polarisiert auch

Doch Menschen, die Massen begeistern, polarisieren auch, vor allem im Netz. Dort gab es von Anfang an Kritik an Thunberg. Teilweise sehr hart. Etwa wegen ihres jungen Alters, weil sie in Plastik verpackten Toast konsumiert oder auch, weil sie mit einem Segelboot zum UN-Gipfel nach New York fährt. Klimaneutral sollte die Reise sein. An die Flüge der Crew hatte keiner gedacht – abgesehen von denen, die die hartnäckige junge Schwedin zu diskreditieren versuchen.

Der härteste Vorwurf: Sie werde gelenkt, von Interessengruppen instrumentalisiert. Greta selbst und ihr Vater, Svante Thunberg, der immer an ihrer Seite ist, sich aber stets im Hintergrund hält, weisen das entschieden zurück. „Niemand pusht Greta. Es ist genau anders herum. Sie pusht uns. Es war ihre Entscheidung von Beginn an“, betont Svante Thunberg in Interviews.

Eigentlich will Greta Thunberg keine Leitfigur sein

Dabei wollte Greta Thunberg eigentlich nie zu der Leitfigur werden, die sie jetzt ist. „Ich denke, dass ich zu jung dafür bin“, ist ihre Antwort, wenn sie auf das Thema angesprochen wird. „Es ist absurd, dass Kinder diese Dinge machen müssen. Eigentlich sollte ich zur Schule gehen.“

Aber Greta wäre nicht Greta, wenn sie Kompromisslosigkeit nicht auch von sich selbst einfordern würde. „Ich mag es nicht, wenn Menschen das eine sagen und das andere machen. Deshalb habe ich das Gefühl, das hier tun zu müssen. Es ist meine moralische Pflicht, alles zu tun, was ich kann.“ (Antje Mathez)

Rubriklistenbild: © AFP

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