Emotionaler Macher: Karl Gerold, Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, 1966 in seinem Büro.
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Emotionaler Macher: Karl Gerold, Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, 1966 in seinem Büro.

FR-Legende Karl Gerold

„Unabhängig zu sein, heißt ja nicht neutral zu sein“

  • Thomas Kaspar
    vonThomas Kaspar
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Karl Gerold war die prägende Figur in der Geschichte der Frankfurter Rundschau: Verleger, Herausgeber und Chefredakteur. Sein Nachfolger Thomas Kaspar hat ein fiktives Gespräch mit ihm geführt - über Journalismus, demokratische Unruhe und das Engagement der Jugend.

Karl Gerold war 30 Jahre das Gesicht der Frankfurter Rundschau. Er übernahm 1946 eine Lizenz an der Zeitung und leitete sie von 1954 an bis zu seinem Tod 1973. Der aktuelle Chefredakteur Thomas Kaspar hat sich mit seinem Vorgänger zu einem fiktiven Gespräch getroffen. Gerold war hochemotional und spontan - in der Rückschau wirkt er durch seine Texte deutlich gelassener, aber dennoch hochaktuell.

Lassen Sie uns beginnen mit einem bemerkenswerten Kapitel Ihres Lebens, das mir viel über Sie und Ihr Verhältnis zur Frankfurter Rundschau erzählt. 1967 erhielten Sie das Bundesverdienstkreuz für Ihr Wirken als Verleger. Sie haben den Orden zunächst angenommen und dann unter großer Beachtung wieder zurückgegeben. Warum?

Wenn die „Bonner Demokraten“ Verdienstorden und Doktorhüte an Faschisten verteilen und von Faschisten annehmen, so will ich nichts, aber auch gar nichts, mit diesem schmählichen Vorgehen zu tun haben. Nie und nimmer kann ich einen Orden im Besitz haben, wenn meine Freunde, die spanischen Freiheitskämpfer, durch diejenigen im Zuchthaus sitzen, denen die Bonner Orden verleihen.

Die Reaktionen darauf waren zum Teil ja sehr heftig. Was bleibt davon übrig?

Es sind mir viele Glückwünsche zugegangen. Aus vielen Briefen sprach Anerkennung für das Wirken dieser Zeitung für einen freiheitlichen Rechtsstaat. Es kam aber auch ein Brief von einem tief enttäuschten Leser. „Ein Orden von diesem Saustaat, den Sie so mutig bekämpften! Schämen Sie sich!“ Über solche Reaktionen sind wir erschrocken. Konnte unsere Arbeit und Zielsetzung so missverstanden werden? Von einem „Saustaat“ hätte ich keinen Orden angenommen. Wir leben in einem Staat mit vielen Fehlentwicklungen, Mängeln und zahlreichen autoritären Überresten. Trotzdem: Wir haben in der deutschen Geschichte bisher kaum ein Maß an Freiheit, Freizügigkeit, sozialem Ausgleich und Rechtsstaatlichkeit erlebt wie heute in der Bundesrepublik.

Wir erhalten bis heute viele Leserbriefe zu polarisierenden Themen, aktuell besonders zu Corona. Auch wir erschrecken manchmal darüber. Aber im Zweifel sind wir immer froh, wenn wir kritische Leserinnen und Leser haben.

Es ist immer gut, wenn man sieht, dass unser Volk sich nicht in der berühmten politischen „Friedhofsruhe“ befindet, sondern sich im Gegenteil in einer demokratischen Unruhe verhält.

Sie haben einen Wert für die Frankfurter Rundschau vorgegeben, dem wir bis heute folgen: Unabhängigkeit. Dabei haben Sie, wie wir, immer wieder auch konträre Meinungen abgebildet. Was war Ihr Ursprungsgedanke?

Unabhängig zu sein heißt ja nicht, neutral zu sein. Aufgabe gerade einer unabhängigen Zeitung ist es, dass die Mitarbeiter nach bestem Wissen und Gewissen das als Nachricht – die von der Meinung streng zu trennen ist – wiedergeben, was die beste Aufklärung bietet. Aber auch die Meinungswiedergabe hat nach diesen Prinzipien zu erfolgen.

Sie waren nicht nur Chefredakteur, sondern auch Verleger. Gerade in der Online-Ausgabe beschweren sich immer wieder Leser über die Anzeigen, die dort neben dem Text eingeblendet werden. Wie war das damals?

Die Frage ist nicht, ob das Zeitungsmachen Geschäft oder Aufgabe ist. Es ist beides. Das Geschäft ist nun mal die Grundlage, die Ware Zeitung herzustellen. Ohne Inserate kann man keine Zeitung machen, auch wenn sie unabhängig sein will. Das Inseratengeschäft ist die Basis, ein Stück von unserem gesellschaftlichen Dasein.

Leider bedeutet das aber auch, dass wir durch die Trennung von Anzeigen und Redaktion zulassen, dass selbst rechte Parteien Anzeigen bei uns schalten.

Eine unabhängige Zeitung muss so weit gehen, dass sie in Wahlzeiten allen zugelassenen Parteien die Möglichkeit gibt, dem Volk mitzuteilen, was sie denken. Eine Zeitung kann sich dabei nicht zum politischen Sittenrichter über die Maximen des Grundgesetzes hinaus aufspielen.

Redaktionell würden Sie diese Unabhängigkeit aber anders definieren?

Was ihr auch seid, ob Sozialisten, Kommunisten! Es gibt nur einen Feind, das sind die Faschisten.

Das ist ein Gedicht aus Ihrem Schweizer Exil, das Sie hier zitieren. Sie waren ja nicht nur Journalist und Geschäftsmann, sondern auch Lyriker. Sprache war für Sie auch in der Politik sehr wichtig.

Man sollte nicht verkennen, dass der Sprachstil Hitlers, die Technik seiner Reden, keineswegs mit ihm dahingegangen ist. Die Verwendung des diffamierenden Schlagworts hat Schule gemacht, und mancher Politiker sollte, bevor er das Podium besteigt, erst einmal den Hitler in der eigenen Brust mundtot machen. Dann wird er nicht so leicht in Versuchung kommen, seine Gegner mundtot zu machen.

Noch eine Frage zur Unabhängigkeit. Es sind ja auch die linksliberalen Parteien, die bis heute versuchen, Einfluss über die Rundschau zu erlangen. Wie haben Sie sich dessen erwehrt?

Die SPD Hessen-Süd versucht seit der Zeit, da ich als Mitherausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau wirke, immer wieder, auf dem Wege über meine Person parteipolitischen Einfluss auf die unabhängige, demokratische Gestaltung dieser Zeitung zu nehmen. Meine Aufgabe ist es jedoch, der einfachen Chronistenpflicht eines jeden anständigen Journalisten zu genügen. Es ist unmöglich, dass ich mich dieser Verpflichtung, die ich gegenüber der gesamten Öffentlichkeit habe, im falsch verstandenen Interesse einer Partei entziehe.

Gleichzeitig waren Sie zu Beginn der Adenauerzeit mindestens so weit von einer linken Regierung entfernt wie wir heute.

Nun, die SPD forscht heute, wie wir hören, nach den Ursachen der Niederlage. Ob sie aber innerlich stark genug ist, diese Ursachen in ihrer Spitze kritisch zu untersuchen – darüber sind sich selbst Gelehrte in dieser Partei noch nicht im Klaren. Wenn es ihnen aber gelingt, sich in ihrer Spitze wirklich zu einigen, wenn es ihnen gelingt, ein sogenanntes Schattenkabinett zu bilden, das mit positiven Vorschlägen in den nächsten vier Jahren vor das Volk tritt, anstatt unausgesetzt auf die Züge ihres Gegners zu warten, dann werden diese Leute eine echte Chance haben, mehr als bisher vom Volk gehört zu werden. Das wäre für uns alle zu wünschen, denn eine Demokratie, deren Hauptoppositionspartei in einem politischen Getto lebt, ist mehr als gefährdet.

Dieses Getto führt dazu, dass heute die Jugendlichen für den Klimaschutz lieber auf die Straße gehen, statt sich in der Politik zu engagieren.

Die Jugend soll sich in ihrer Opposition formieren. Durch einen solchen Zusammenschluss ergibt sich für die Jugend die Chance, die etablierten Parteien zur Diskussion über ihre Anliegen zu zwingen und sich ihre Argumente anzuhören. Voraussetzung ist, dass die Jugendlichen ihre Vorstellungen von unserem Staat und unserer Welt klar formulieren.

Viele sagen, die Jugendlichen sollten in die Parteien eintreten, statt auf die Straße zu gehen.

Dem räume ich wenig Einfluss ein. Ich sehe kaum eine Möglichkeit, über die Parteien Einfluss zu gewinnen, um Reformen herbeizuführen. Die Jugend kann sich da nicht durchsetzen, weil sie von den etablierten Politikern immer überstimmt wird.

Eine Frage zum Schluss. Haben Sie nie die Sehnsucht gespürt, etwas anderes, weniger Stressiges zu machen?

Ich zitiere mal ein Gedicht eines bekannten amerikanischen Schriftstellers: „Oh Gott, gebt mir ein kleines Tabakgeschäft anstatt der Aufgabe, ständig in dem verdammten, geliebten Beruf des Journalismus zu arbeiten.“

Alle Zitate Gerolds stammen aus Artikeln, Gedichten und Reden sowie aus wörtlich übertragenen Zitaten.

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