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Brigitte Reimann auf einem undatierten Foto. Picture Alliance

#30 Brigitte Reimann

Leidenschaft schlägt Monotonie

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Posthum erscheint 1974 Brigitte Reimanns Roman „Franziska Linkerhand“. Ihr Leben lang hat die Schriftstellerin mit der DDR gerungen - und wurde dort zum Vorbild für viele Frauen.

Sie kämpft mit dem Text, mit dem Stoff, mit dem Leben. Noch während ihrer letzten Tage. Doch Brigitte Reimann kann ihren Roman, ihr Opus Magnum, nicht mehr vollenden. Die DDR-Schriftstellerin verliert den Kampf mit dem Krebs und stirbt am 20. Februar 1973 in Berlin. Ihr Buch „Franziska Linkerhand“ muss 1974 posthum erscheinen, es ist unvollendet und doch fast 600 Seiten stark.

Es bricht ab auf Seite 583, mitten in einer Liebesszene voller Sehnsucht: „Wie soll ich leben, ohne den Lichtreif an der Decke, ohne den brandig süßen Geruch der blonden Haare in deiner Achselhöhle, ohne deine Hüften, deinen Rücken, auf dem ich mit dem Finger Verse schrieb, ohne deine harten Hände. Die meinen Nacken umfassten, spöttisch beschützerisch, die mich meine Schultern und Schenkel, Brüste und Bauch kennen lehrten, und, ach, endlich die Lust, von der ich aus Büchern wusste…“.

Brigitte Reimann wird gerade einmal 39 Jahre alt. Ein Jahrzehnt davon hat sie an „Franziska Linkerhand“ geschrieben, der Geschichte einer jungen Architektin, die um Anerkennung, um Freiheit und um Liebe ringt in der DDR. Das Buch ist das politische und literarische Vermächtnis einer Frau, einer Autorin, die selbst ihr Leben lang gekämpft hat mit dieser DDR, die immer schwankte zwischen Widerstand und Anpassung, die sich einsetzte für bürgerliche Freiheiten, für das freie Wort. Die temperamentvoll und voller Leidenschaft aber auch versuchte, als freie Frau zu leben, sich ihre Partner selbst zu wählen. Was alles andere als einfach war gerade in der DDR, die entgegen offizieller Lesart sehr kleinbürgerlich eng sein konnte. Am 2. Mai 1960 vertraut sie ihrem Tagebuch an: „Ich sammele wieder Männer, fühle mich wieder jung, strahlend, lasse mich anbeten… zuweilen überfällt mich eine brennende Lebensgier (ist sie nicht im Kern kleinbürgerlich, bespöttelnswert?), vielleicht ist es die Angst vor dem Ende.“

Reimann wird zu einem Bezugspunkt, zu einem Vorbild für viele Frauen in der DDR. Sie spielt eine wichtige Rolle im literarischen Leben der DDR, erhält Auszeichnungen wie den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste. Und bleibt doch stets eine Zweiflerin, eine Kritikerin des Staates. Mit der Schriftstellerin Christa Wolf, erfolgreicher und bekannter, aber auch im Konflikt mit dem Staat, entwickelt sich eine enge Freundschaft. Wolf schreibt 1998: „Wir sind verschiedene Menschen gewesen, auch ganz verschiedene Autorinnen. Wahrscheinlich war das… auf die Dauer gesehen genau der Reiz. Brigitte war ein sehr spontaner Mensch… leicht entflammbar“.

Als Tochter eines Bankkaufmanns wird Reimann in Burg bei Magdeburg geboren, als ältestes von vier Geschwistern. Mit vierzehn erkrankt sie an Kinderlähmung, es bleiben Schäden zurück, es ist die erste von etlichen Krankheiten, mit denen sie sich herumschlagen muss. Sie lässt sich zur Grundschullehrerin ausbilden, arbeitet auch in diesem Beruf, doch der Drang zum Schreiben ist übermächtig. Mit zwanzig wird sie in den Schriftstellerverband aufgenommen. Sie sympathisiert mit einer Gruppe von Intellektuellen um Wolfgang Harich, Lektor beim Aufbau-Verlag. Sie kämpfen für einen reformierten, freiheitlichen Sozialismus.

In ihrer ersten Ehe ist sie unglücklich, versucht nach einer Fehlgeburt einen Suizid. Sie leidet unter Depressionen. 1956 schreibt sie: „Ich habe längst keine rechte Lust mehr, mich mit meinem Tagebuch zu beschäftigen, es ist ja doch alles Schwindel. Die ganze Welt ist ein Gewebe von Lügen, man sollte sich aufhängen.“ Doch im gleichen Jahr erscheint ihre Erzählung „Die Frau am Pranger“, die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Bäuerin und einem sowjetischen Kriegsgefangenen, die tragisch endet. Sie kann weitere Texte veröffentlichen. Dann der Schock: Wolfgang Harich wird verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Reimann lässt sich nicht abschrecken. Sie unterstützt Alfred Kantorowicz, Direktor des Germanistischen Instituts, einen anderen Reformer. Als er 1957 in den Westen flieht, schreibt sie ihm einen sympathisierenden Brief, vervielfältigt ihn, verteilt ihn an Freunde.

Jetzt bekommt sie Probleme, ihre Texte werden abgelehnt. Einmal mit der Begründung „konterrevolutionär“, einmal heißt es „morbid-erotisch“, da geht es um die Liebe eines Mädchens zu einem verheirateten älteren Mann, ein Verhältnis, das es in der DDR offiziell nicht geben durfte. Die Staatssicherheit versucht sie zu erpressen: Wenn sie kooperiert, wird ihr Ehemann, der eine Gefängnisstrafe wegen einer Schlägerei mit einem Polizisten verbüßt, früher entlassen. Die Schriftstellerin unterschreibt, macht dann die Erpressung öffentlich. Und erreicht sogar, dass sich der Stasi-Offizier verantworten muss.

Von nun an ist Reimann bekannt. Sie zieht 1960 mit ihrem Ehemann nach Hoyerswerda, in eine neue Stadt, die parallel zum Braunkohleabbau wächst. Das Ehepaar verpflichtet sich, einen Tag pro Woche in der Produktion zu arbeiten, die übrige Zeit „Kulturarbeit“ im Werk zu leisten. Es beginnt die literarisch produktivste Zeit, Romane und Erzählungen erscheinen. Die Schriftstellerin hat nach außen hin ihren Frieden mit dem System gemacht. Sie darf 1963 sogar mit Christa Wolf nach Moskau reisen und 1965 mit einer Delegation der Freien Deutschen Jugend (FDJ) nach Sibirien. Reimann erhält Preise.

1968 wird zu ihrem Schicksalsjahr. Am 1. Juni unterschreibt sie mit 32 anderen Kulturschaffenden eine kritische Eingabe, die fordert, dass Hoyerswerda endlich ein Stadtzentrum erhält. Als im August 1968 die Truppen des Warschauer Paktes den „Prager Frühling“, die Reformbewegung in der Tschechoslowakei, niederwalzen, weigert sich Reimann, die zustimmende Erklärung des Schriftstellerbandes zu unterzeichnen. Im Sommer erkrankt sie an Krebs, es folgen die ersten Operationen.

Bereits 1963 hat sie begonnen, „Franziska Linkerhand“ zu schreiben, die Lebensgeschichte der jungen Architektin, in der sich auch ihr Leben spiegelt. Linkerhand träumt davon, mit wichtigen Bauten das Leben der Menschen in der DDR zu verbessern. Doch schon auf Seite 251 zieht sie eine bittere Bilanz: „Niemand wird mich vermissen. Fünfundzwanzig Jahre, und ich habe nicht gelebt, nur Leben vorbereitet, bestenfalls geprobt.“ Wenn sie über die „Neustadt“ schreibt, meint sie Hoyerswerda: „Ich hasste die Monotonie ihrer Blöcke und Straßen… und die jahrelang ungepflasterten Plätze, die im Herbst verschlammten und sommers Sandfahnen schleppten im böigen Wind“. Reimanns DDR ist schon heruntergekommen und schäbig in den neuen Städten, „die splittrigen Stühle, der Eisenofen, die kränkliche Farbe der Wände beschämten mich.“

Sie beschreibt Menschen, die an diesem Alltag verzweifeln, die krank werden, wie sie selbst. Sie schreibt an „Franziska Linkerhand“, solange sie noch einen Stift halten kann, am Ende wird ihre Handschrift immer unleserlicher, ein Gekrakel gegen den Tod. Ihre Sehnsucht, sich „dem Land verbunden zu fühlen“, bleibt unerfüllt.

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