Kurt Oeser beim Weihnachtsgottesdienst 1980.
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Weihnachtsgottesdienst mit Kurt Oeser an Heiligabend 1980 in der Kirche im Hüttendorf an der Startbahn West.

# 37 Kurt Oeser

„Man muss der Welt die Stirn bieten“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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1981: Pfarrer Kurt Oeser veröffentlicht sein Buch über den Bürgerprotest gegen die Startbahn West.

Das Foto hat nichts Sensationelles. Links ein Mann mit Brille in Sakko und Krawatte, ihm gegenüber ein Dutzend warm eingepackter Erwachsene. Einige blicken ihn an, andere andächtig nach unten. Im Vordergrund bewegen sich Kinder. Und doch schaffte es dieses Bild am Samstag, 27. Dezember 1980, auf die Titelseite der Frankfurter Rundschau.

Die Szene zeigt den ersten Weihnachtsgottesdienst in der Hüttenkirche im Dorf des Widerstands gegen den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Ein Dokument der Zeitgeschichte, wie die Kollegen der Politikredaktion vor 40 Jahren richtig erkannten, als sie das Foto des langjährigen FR-Lokalreporters Walter Keber auf den besten Platz in der Zeitung hoben.

Kurt Oeser: Pionier der Ökobewegung

Damit würdigten sie Kurt Oeser, dessen Wirken bis heute nachhallt. Erster Umweltpfarrer, Pionier der Ökobewegung, aus damaligen Perspektive unkonventionell und auch noch aus der heutigen unbequem. Ein Mann, dessen Name alle kennen, die sich in Deutschland gegen die Belastung durch den Flugverkehr engagieren. Der penetrant in seinem Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung war, sich ein unglaubliches Wissen aneignete.

Oeser konnte penetrant sein im Einsatz für den Umweltschutz.

Das setzte er als Munition ein gegen das „Totschlagargument“ Arbeitsplätze. Gegen die vielen, die in der Zeit des Wirtschaftsaufschwung der Faszination von Modernität und Technik unterlagen. Die die feste Ansicht vertraten, dass alles Ökonomie und Wachstum unterzuordnen sei. Der evangelische Geistliche suchte das Gespräch, verstand sich als Schlichter, Mediator, Vermittler. Beließ es nicht bei Kritik, sondern mischte sich ein. Sein Credo: „Es ist nicht richtig, sich mit einem ,pfui Welt‘ abkapseln zu wollen. Man muss der Welt die Stirn bieten.“

Kurt Oesers Programm war Optimismus

Optimismus war sein Programm: „Es ist nie zu spät“ titelte er sein 1981 erschienenes Buch über den Bürgerprotest gegen die Startbahn West. Ein Motto, das nichts an Aktualität eingebüßt hat. Das die Arbeit von Bürgerinitiativen trägt, Menschen in die Politik bringt, die Aktivisten von Fridays for Futures auf die Straße treibt. Was heute eine Selbstverständlichkeit ist, haben Menschen wie Oeser erkämpft und erfunden. Fantasievollen Protest etwa. Oder sich zusammenzuschließen. Das hilft, auch Rückschläge zu verkraften. Zwei Mal konnte er nicht verhindern, dass Tausende von Bäumen der Flughafenerweiterung zum Opfer fielen. Die Todesschüsse im November 1987 an der Startbahnmauer empfand der evangelische Geistliche als persönliche Niederlage.

Noch schlimmer muss es gewesen sein, als er im Mediationsverfahren 1998 die Interessen der Ausbaugegner nicht durchsetzen konnte. Er wurde über den Tisch gezogen. Merkte vor lauter Pflichtbewusstsein zu spät, dass der Bau der vierten Landebahn längst beschlossene Sache war. Ein großer Fehler, der ihn in den Augen vieler in der Szene zum Verräter machte.

Als Hitlerjunge in blindem Gehorsam erzogen

Kurt Oeser, geboren am 22. September 1928 in Mainz, gestorben 2007 in Mörfelden-Walldorf im Kreis Groß-Gerau. Als Hitlerjunge erzogen in blindem Gehorsam und Untertanengeist. Vorbilder: Martin Luther King, Albert Schweitzer, Mahatma Gandhi. Pfarrvikar in Offenbach und Mörfelden, Autor, Deutschlands erster Umweltpfarrer, Mitgründer und Vorsitzender der Bundesvereinigung gegen den Fluglärm und der Union Européenne contre les Nuissance des Aviones (UECNA). Vorsitzender des hessischen Umweltbeirats und der Jury Umweltzeichen „Blauer Engel“, SPD-Kommunalpolitiker, ausgezeichnet unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Ehrenbrief des Landes Hessen, Lehrbeauftragter an Fachhochschulen und Universitäten, Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Umweltstiftung.

Auch junge Leute machten beim Weihnachtsgottesdienst mit.

Schon diese Auswahl zeigt, wie umtriebig der Mann war. Und wie sehr seiner Zeit voraus. Als Jungpfarrer vertrieb er den Mief der Nachkriegszeit mit unkonventionellen Ideen. Er feierte Open-air-Gottesdienste und die Christmette gemeinsam mit US-Baptisten, hielt zum Antikriegstag 1961 einen Bittgottesdienst für den Frieden ab, organisierte Tanzkurse im Gemeindehaus.

Kurt Oeser war mehr als der „Umweltpfarrer“

Was für ein Mut in einer Zeit, als noch keiner von Flower Power, freier Liebe und den 68ern sprach. Als es der Zustimmung des Ehemanns bedurfte, wenn eine Frau arbeiten wollte. Oeser war viel mehr als der „Umweltpfarrer“ oder „Startbahnpfarrer“, als der er sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Früh begehrte er aus Sorge um den Menschen gegen den wachsenden Siedlungsdruck im Rhein-Main-Gebiet auf. Legte 1964 in einem Brief an den damaligen Hessischen Ministerpräsidenten Georg August Zinn seine Bedenken gegen den geplanten Ausbau des Frankfurter Flughafens nieder, trat ein Jahr später in die SPD ein, um dies zu verhindern. Er redete bei Bürgerversammlungen von Umweltschutz, als das Wort noch nicht zum allgemeinen Sprachgebrauch gehörte, erinnert sich FR-Kollege Walter Keber an seine erste Begegnung mit Oeser im Jahr 1970. „Er wünschte sich, dass Umweltthemen zunehmend Alltagsthemen werden.“ Der Pfarrer selbst war am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs. Sein ständiger Begleiter: die Tasche mit der Aufschrift „Jute statt Plastik“.

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In den 70er Jahren war es ernst mit dem Bau der Startbahn West geworden. In den Anhörungsverfahren profilierte sich Oeser als kompetenter Kopf der Protestbewegung, verwies auf alternative Untersuchungen und Erkenntnisse. Eine Taktik, nach der die Flughafenausbaugegner bis heute vorgehen. Im Bündnis der knapp 70 Bürgerinitiativen gibt es für jedes Thema Spezialisten. Mit welcher Akribie sie Informationen sammeln, haben sie erst jüngst wieder bei der Anhörung zu dem geplanten Lager für PFC-belasteten Erdaushub auf dem Flughafengelände gezeigt.

Den Mächtigen und Großkopfeten gewaltfrei Paroli bieten. Auch hier stehen die heutigen Aktivisten für Umweltschutz in einer Tradition mit dem Mann mit Brille und Sakko, der 1980 den Weihnachtsgottesdienst feierte in dem Protestdorf mit seiner heterogenen Bevölkerung. Bei der Räumung des Hüttendorfs am 2. November 1981 konnte das Holzkirchlein übrigens gerettet werden. Es steht jetzt zwischen den beiden Ortsteilen von Mörfelden und Walldorf.

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