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Andreas Tomalla, der DJ Talla 2XLC.
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Selbst in Taschkent verehrt wie Michael Jackson: Andreas Tomalla, der DJ Talla 2XLC.

# 40 Andreas Tomalla

Revolution mit Trance

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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1984: Andreas Tomalla gründet in Frankfurt den Technoclub und macht als DJ Talla 2XLC eine Musikrichtung populär, die Menschen rund um den Globus vereint.

Mut. Den muss Andreas Tomalla jetzt auch wieder haben. Die Clubs sind seit Monaten geschlossen, die meisten DJs bleiben unerhört wie einsame Rufer in der Wüste. Und Andreas Tomalla ist DJ. Nicht irgendeiner. Er ist Talla 2XLC, man kann ohne Übertreibung sagen: einer der bekanntesten DJs der Welt. Talla 2XLC ist der Erfinder des Begriffs Techno.

„Uns hat es im März mitten in den Planungen für ein großes Event mit zwölf DJs erwischt“, sagt er. „Wir mussten es über Nacht absagen.“ Corona knipste den Clubs das Licht aus – im ersten Moment sei es ein riesiger Schock gewesen: „Wir standen alle vor der Frage: Wie zahlst du jetzt deine Miete?“

Wegen Corona: Andreas Tomalla legt als DJ Talla 2XLC nur im Netz auf

Inzwischen hat der 57-Jährige einen Weg gefunden, um präsent zu bleiben: Er legt Musik auf, wenn nicht in einer großen Partylocation, dann eben im Internet. Dreimal die Woche streamt er auf der Plattform Twitch seine Sets hinaus in die Welt. Mehr als 5000 Menschen folgen ihm schon auf dem Kanal. Und, moderner Technik sei Dank, sie können sogar miteinander kommunizieren. „Die Leute tanzen zu Hause, posten Videos davon und senden uns die Städtenamen, wo sie sich einloggen“, sagt Talla. Bis nach Japan, Neuseeland und in die USA reicht seine Tanzfläche jetzt dank Livestream. „Ich hätte nie gedacht, dass es so einen Spaß macht.“

Trance. So heißt der Stil, mit dem Talla vor allem bekannt wurde. Es ist eine melodische Variante des Techno-Genres. Treibend zwar, mit den bekannten Steigerungen im Rhythmus bis hin zu kleinen Höhepunk-ten in jedem Track, aber mit mehr Harmonien und Klangteppichen als in den anderen Spielformen.

Alles begann in den frühen 1980er Jahren, damals jobbte der angehende Industriekaufmann Andreas Tomalla nebenher bei der Bücher- und Schallplattenkette Montanus und, als die Filiale in der B-Ebene am Frankfurter Hauptbahnhof schließlich dichtmachte, beim Nachfolgeladen: City Music.

Sven Väth kaufte bei City Music in Frankfurt ein

„Der hatte krasse Öffnungszeiten“, erinnert er sich, „montags bis samstags von 9 bis 21 Uhr, das waren Zwölfstundentage“, selbst sonn- und feiertags wurden dort Platten verkauft. „Anstrengend war das, aber die Musik war ja damals schon mein Leben – es hat mir einfach Spaß gemacht.“ Was nicht so viel Spaß machte: ständig die Platten, die ihn besonders interessierten, aus den Regalen zu fummeln. Die mit der elektronischen Musik. „Es war eine ewige Sucherei, also habe ich mir gedacht: Ich mache ein Extrafach.“ Und was sollte da draufstehen? „Technologie-Musik war mir zu sperrig“, sagt er, „ich nannte es einfach Techno.“ 1982, eine Ära war gegründet.

Die Zeit der vollen Hallen ist erst einmal vorbei. Der DJ legt im Internet auf, bis es weitergeht.

Bands wie die Pioniere Kraftwerk, später etwa Heaven 17 und Human League, Depeche Mode, Liaisons Dangereuses und Propaganda, legten den elektronischen Pfad, der sich im Nu weiter verzweigte. Das japanische Trio Yellow Magic Orchestra faszinierte Tomalla. Wegbereiter des neuen Sounds waren die Geräte, mit denen Musiker plötzlich daheim ihre Ideen ausprobieren konnten. Hersteller wie Korg oder Roland brachten erschwingliche Keyboards und Synthesizer auf den Markt, die bis dato leicht 10 000, mitunter 100 000 Mark gekostet hatten.

Die Top-Discjockeys wie Sven Väth kauften bei City Music ein. „Wir waren DER Laden für Techno, mit den besten Importen. Die kamen freitags direkt aus dem Flieger – ich hatte als Erster die neusten Importe aus den USA.“

Andreas Tomalla wollte als DJ Talla 2XLC in die Clubs

Mut. Irgendwann genügte das Verkaufen nicht mehr, Tomalla wollte raus in die Clubs, selbst auflegen. Der frühere Schulkamerad Thomas Bäppler, später bekannt als Travestie- und Showstar Bäppi La Belle, heuerte ihn für die Disco in der Frankfurter Tanzschule Kiel-Blell an. Das lief, aber Talla wollte seine Elektrosounds stärker profilieren. Im „No Name“ am Steinweg war der Sonntagnachmittag vakant. „Der Chef hat gesagt: Gib mal ein Konzept.“

Das Konzept hieß: Technoclub. So etwas gab es damals noch gar nicht – einen Club im Club, der zu bestimmten Zeiten aufploppte. Der 2. Dezember 1984 war der Tag, an dem es losging. „Der Chef rief: Talla, Talla, komm rein, es ist voll!“ 380 Leute zum Auftakt. Erste Single, die er auflegte: „Let Me Go“ von Heaven 17. „So fing der Siegeszug an.“ Er sollte ihn bis in die kultige Flughafendisco Dorian Gray führen, in alle wichtigen Tanzclubs der Stadt, ins U60311, zur Loveparade. Und weit, weit in die Welt.

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Talla 2XLC: Am Anfang war der Technoclub, Taschenbuch, Henrich Editionen, 282 Seiten, 19 Euro; auch als Download und als Hörbuch. Website: www.talla2xlc.com/

Nicht, dass Techno sofort alle überzeugte. Viele Freunde der gitarrenbasierten Rock- und Popmusik waren entsetzt. „Burn down the disco!“, sangen sie ein Lied der Britpopband The Smiths nach, „brennt die Disco nieder, hängt den DJ, denn die Musik, die sie da die ganze Zeit spielen, sagt nichts über mich und mein Leben.“

DJ Talla 2XLC: Für Andreas Tomalla ist Techno Handarbeit

Talla 2XLC sieht es naturgemäß anders. „Techno ist auch Handarbeit – und Arbeit des Gehirns, einen guten Song zu machen“, sagt er. „Außerdem hat es sich zu einer komplett positiv besetzten und friedlichen Jugendrevolution entwickelt.“ Techno stehe für weltweite Freundschaften, Respekt füreinander. Und für Drogen, oder? „Die gab es auch in Woodstock, die gibt es auch im HipHop, das ist eine Begleiterscheinung.“ Er selbst trinke seit 2003 keinen Alkohol mehr, Drogen seien nur ganz kurz ins Spiel gekommen, als ihm ein Heute-nicht-mehr-Freund eine Pille ins Glas schmiss. „Meine Botschaft ist: Ihr könnt ohne Drogen Spaß haben an einer Party.“ Wichtig sei vor allem, die jungen Leute darüber aufzuklären.

Ehre. Dass Talla an der friedlichen Musikrevolution nicht ganz unbeteiligt war, sprach sich auch im Römer herum. 2010 überreichte Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) dem DJ die Frankfurter Ehrenplakette – ein Meilenstein nicht nur für ihn, sondern auch für die Stadt, die nie zuvor einem Discjockey so hohe Weihen hatte zukommen lassen. „Ein Highlight in meiner Karriere“, gesteht Talla. „Als der Brief mit der Einladung von der Oberbürgermeisterin kam, dachte ich erst, das ist ein Strafzettel. Es hat mich sehr gefreut“, sagt er, „es war eine Anerkennung dafür, dass ich Frankfurt auch hinaus in die Welt getragen habe.“

Frankfurt als Geburtsstätte des Techno

Die Technobewegung hatte die Stadt am Main als Nukleus – selten wurde das so deutlich wie 2011, als Talla in Usbekistan und Tadschikistan unterwegs war, auf Einladung des Goethe-Instituts und angestoßen von seiner Frau Wafa, der er unbeschreiblich viel zu verdanken hat, wie er betont. „Ich hatte viele Auftritte in meinem Leben, aber in Taschkent: Das war wie Michael Jackson.“ 3000 Tickets für den Gig des Frankfurter DJs waren in einer halben Stunde verkauft. „Bei jeder meiner Fingerbewegungen haben alle geschrien.“ Talla trat auch in Samarkand und Duschanbe auf, hielt Vorträge, leitete Workshops. „Als ich zurückkam, war klar: Wir müssen hier was machen über elektronische Musik – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.“

Es war die Geburtsstunde des Momem – Museum für moderne elektronische Musik, das seitdem geplant, aber immer noch nicht eröffnet ist, auch wegen Corona. „Wir sind auf einem guten Weg. Wir brechen nichts übers Knie, es soll einzigartig werden.“

Mut. Auch das Momem sei „eine mutige Sache für Frankfurt“, sagt Andreas Tomalla, aber eine folgerichtige. Viele Menschen seien wegen dieser Musik nach Frankfurt geflogen, hätten hier nicht nur getanzt, sondern auch übernachtet und eingekauft. Techno sei stets ein Wirtschaftsfaktor, ein großes und auch zählbares Plus dieser Stadt gewesen. „Wenn das Momem einmal offen ist, werden alle Augen machen.“

Bis dahin gibt es noch viel Musik zu machen, vorläufig im Netz. Talla bringt außerdem immer noch CDs heraus, auch wenn er längst nur noch mit USB-Sticks auflegt und seine Zehntausenden Vinyl-Schallplatten eingelagert hat. Aber seine CD-Releases, immerhin in vierstelliger Auflage, finden nach wie vor ihre Fans. Eigene Kompositionen und Lizenzstücke anderer Künstler sind drauf. „Technoclub Vol. 59“ hatte eine Mund-Nasen-Maske als Gimmick dabei, Nummer 60 kommt mit einem Stick, der einen exklusiven Song enthält. Und wer noch mehr über Talla 2XLC erfahren will: Voriges Jahr hat er seine Autobiografie geschrieben: „Am Anfang war der Technoclub“.

2XLC: Woher der Name stammt

Flair. Was braucht ein guter DJ – einer der die Trends übersteht? Einer, der nach der Loveparade-Katastrophe von Duisburg weiter an die Kraft der Musik glaubt, einer, der auch nach Corona noch da ist, einer, der bleibt? „Ein DJ muss Ausstrahlung haben, er muss ein Publikum lesen können“, schildert er. „Mixen allein ist es nicht. Wenn du die Crowd nicht lesen kannst, nützt das alles nichts.“

Die Menge hochpushen bis an einen bestimmten Punkt – und dann wieder ganz von unten aufbauen. „So habe ich das im Gray gern gemacht. Du kannst nicht die ganze Zeit durchpowern. Du musst auch mal eine Nebelwand aufbauen und das Licht runterfahren.“ So wie im richtigen Leben eben.

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Und 2XLC? Was soll das eigentlich heißen? Das Pseudonym lehnt sich an die Bezeichnung einer Musikkassette, wie es sie einst zu kaufen gab. Für die Jüngeren: Man konnte Musik darauf speichern, so wie heute auf USB-Sticks, es dauerte nur 60 bis 120 Mal so lang. Weil die Frage immer alle stellen, hat sich Talla eine lustige Geschichte dazu ausgedacht: Ein buddhistischer Mönch, mit dem er zusammenwohnte, schrieb einst Talla 2XLC auf die Türklingel, übersetzt: für Talla zweimal klingeln. Ja, klingeln mit c. War halt ein buddhistischer Mönch.

Am heutigen Mittwoch, 16. September, legt Talla wieder im Internet auf. Sein „Technoclub Pure Special“ läuft ab 21 Uhr – diesmal gewidmet seiner Lieblingsserie „Dark“. Der Link: twitch.tv/realtalla2xlc

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