Rosa von Praunheim (rechts) produzierte nach eigener Zählung bis heute rund 150 Filme.
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Rosa von Praunheim (rechts) auf der Berlinale-Party 1998.

#27 Rosa von Praunheim

Schonungslose Offenheit statt Selbstmitleid

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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1971: Mit einem provokativen Film hält Rosa von Praunheim der homosexuellen Szene den Spiegel vor und startet eine Bewegung.

Das Glück in der Toilette“ sollte er erst heißen, dann „Daniel und Clemens“ oder „Freiheit für die Schwulen“. So notierte es Rosa von Praunheim 1970 als 27-Jähriger im Tagebuch, als er an seinem, wie er ihn auch nannte, „Schwulenfilm“ arbeitete. Am Ende wurde aus den Arbeitstiteln: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ – ein Titel wie der einer politischen Streitschrift. Der junge homosexuelle Filmemacher ging gleich in den Anfangsjahren seines Schaffens, das bis heute nach eigener Zählung rund 150 Filme größtenteils zu schwul-lesbischen und Trans-Themen hervorgebracht hat, auf provokativen Konfrontationskurs gegen das bürgerlich-piefige Nachkriegsdeutschland – könnte man meinen. Denn der Titel lässt Raum für ein Missverständnis.

Ein Blick zurück: Bis 1969 stand Homosexualität in der Bundesrepublik Deutschland unter Strafe. Der entsprechende Paragraf 175 ging auf das Kaiserreich zurück, wurde vom NS-Regime verschärft und 1949 unverändert in das Strafgesetzbuch der BRD übernommen. Mehr als 100 000 Ermittlungsverfahren und etwa 50 000 Verurteilungen folgten daraus zwischen 1950 und 1969. „175er“ wurden homosexuelle Männer abwertend genannt. Sie galten als kriminell, abartig und krank. Es war eine erste Befreiung, als der menschenverachtende Passus 1969 reformiert wurde. Vollständig verschwinden sollte er erst 1994.

Kurz nach Inkrafttreten der Reform machte sich Praunheim an die Arbeit für einen essayistischen Blick auf die homosexuelle Subkultur Berlins. Als der Film 1971 fertig war, wurde er dreierlei: das filmische Manifest einer erstarkenden Homosexuellenbewegung, ein vieldiskutierter Premierenerfolg auf der Berlinale – und ein bundesweiter TV-Skandal.

ARD lehnte die Ausstrahlung von Rosa von Praunheims Film zunächst ab

Rund 900 Mal fielen die Worte „schwul“ und „Schwuler“, die damals viele als unerträglich empfanden. Ausgerechnet bei der Bavaria Filmproduktion im konservativen München hatte Praunheim den Film hergestellt. In seinem Tagebuch, das er 2009 als „Rosas Rache“ veröffentlichte, notierte er während der Postproduktion: „Ein Techniker drehte bei der Mischung fast durch, da der Film so radikal ist. Er hielt den Film für eine Schweinerei.“

Der WDR zeigte den Film erstmals im Januar 1972 – versteckt im dritten Programm zu später Stunde. Die ARD hatte zuvor eine bundesweite Ausstrahlung abgelehnt. Erst ein Jahr später wurde sie nachgeholt – und da kam es zum Eklat: Der Bayerische Rundfunk klinkte sich aus und zeigte stattdessen den finnischen Spielfilm „Benzin im Blut“. Die Erklärung: Es würden „Szenen gezeigt, die die Grenzen des Erträglichen überschreiten“.

Die „perverse Situation“ der Homosexuellen

Doch hier liegt das mögliche Missverständnis: Die eigentliche Provokation des Films bestand nicht im Bruch mit den sexuellen Normen, den 900 Mal „schwul“ oder den entblößten und umschlungenen Männerkörpern. Provokativ und mutig war, dass Rosa von Praunheim und seine Co-Autoren Martin Dannecker und Sigurd Wurl sich entschieden, im Film weder die gesellschaftliche Diskriminierung in den Mittelpunkt zu stellen noch eine selbstmitleidige Opfer-Perspektive einzunehmen. Vielmehr attackierten sie das eigene Lager.

Mit der „perversen Situation“ aus dem Filmtitel, und das konnte man missverstehen, war nichts weniger als der Lebenswandel der Homosexuellen gemeint. „Wir wollten auf keinen Fall einen Film, der die Schwulen glorifiziert oder bemitleidet“, sagte Praunheim einmal: „Uns war es wichtig, die beschissene Situation der Schwulen schonungslos aufzudecken.“

Von großer Liebe zu Liebhaber zu Strichjungen

Der Film erzählt von Daniel, der als junger Mann aus der Provinz nach Berlin kommt, und begleitet ihn auf seiner Reise von großer Liebe zu Liebhaber zum Strichjungen. Aber der Film ist kein queeres Coming-of-Age-Melodrama und verzichtet auf das effektvolle Zusammenspiel von Pathos und Katharsis. Vielmehr stößt er sein Publikum vor den Kopf und politisiert. Am stärksten zeigt sich das im scharfzüngigen Kommentar, der Daniels Wandlung vom Provinzbub zum Paradiesvogel polemisch begleitet und die gesellschaftlichen Missstände nur indirekt anprangert.

Als Daniel in einem Café Arbeit findet, heißt es im Film: „Die meisten Homosexuellen sind kaufmännische Angestellte oder arbeiten in Dienstleistungsberufen, denn sie haben Angst vor dreckigen Fingern und der Aggressivität der Arbeiter. Schwule haben es doppelt schwer am Arbeitsplatz. Denn zu der üblichen beschissenen Arbeit kommt die nervenaufreibende Selbstverleugnung. Sie werden Freizeitschwule, die aus der Verlogenheit am Arbeitsplatz nur allzu gerne in die Welt der Schwulen flüchten, wo sie zwar nicht als Menschen, aber als Schwule anerkannt werden.“

Viele Homosexuelle waren besorgt: „Du bringst uns zurück ins KZ“

Und als Daniel nachts zu einer von Homosexuellen frequentierten öffentlichen Toilette geht, kommentiert der Sprecher: „Sie wandern von einer Toilette zur anderen, dauernd auf der Suche nach Befriedigung, die sie im günstigen Falle nur verstümmelt erlangen. Für die Schwulen selbst steht die Toilette auf der untersten Stufe. Sie geben vor, die Pissbuden-Schwulen zu verachten, was sie aber nicht daran hindert, die Pinkelbuden heimlich aufzusuchen, wenn sie in ihren vornehmen Bars niemanden gefunden haben.“

Das war auch wichtig

Ulrich Finck ist einer der Gründer des Sozialen Friedensdienstes Bremen. Es ist bundesweit eine der ersten Freiwilligenagenturen, die sich für die Rechte von Kriegsdienstverweigerern einsetzt.

Alice Schwarzer initiiert die Aktion „Wir haben abgetrieben“. Es ist die Titelschlagzeile des Stern vom 6. Juni. In dem Magazin bekennen sich 374 Frauen zu ihren Schwangerschaftsabbrüchen - damals ein Tabu und Verstoß gegen das Strafgesetzbuch. FR

Stellen wie diese verwirrten, empörten, trafen aber auch auf Zustimmung. Zur Berlinale-Premiere notierte Praunheim: „Viele Schwule fühlten sich zu Unrecht angegriffen, so sind wir nicht, du bringst uns zurück ins KZ.“ Verwackelte Aufnahmen von der Diskussion nach einem Screening in New York zeigen Praunheim mit dem Sprecher des Films, Volker Eschke, in hitzigen Szenen. „Danach tollster Beifall, orkanartig. Mir kamen fast die Tränen“, schreibt der Filmemacher und weiter, „danach Diskussion im ersten Stock. Es schlug plötzlich um und wurde ungeheuer aggressiv. Transvestiten schrien, Ledertypen wurden hysterisch.“

Arbeitstitel des Films wird zu Motto der Homosexuellenbewegung

Schock und Konfrontation: Das war es, was Praunheim und seine Mitstreitenden für nötig hielten, um die homosexuelle Szene wachzurütteln. So auch 1991, als Praunheim die TV-Stars Hape Kerkeling und Alfred Biolek weder abgesprochen noch in deren Anwesenheit in einer RTL-Talkshow vor einem Millionenpublikum als schwul outete und den nächsten TV-Skandal produzierte. Sein Ziel war, Sympathieträger, die nicht offen mit ihrem Schwulsein umgingen, zur Solidarität mit Homosexuellen zu bewegen, die zu der Zeit stark unter der Aids-Krise litten.

Bei den Film-Vorführungen Anfang der Siebziger war es noch ein anderes Ziel: Praunheim legte Kontaktlisten aus, auf denen sich die Besucherinnen und Besucher eintrugen und aus denen dann die Homosexuellenbewegung hervorging. Deren Motto gab er am Filmende aus und baute dafür seine Arbeitstitel in eine kämpferische Parole um: „Werdet stolz auf eure Homosexualität! Raus aus den Toiletten, rein in die Straßen, Freiheit für die Schwulen!“

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